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„Voyager 1“ im Radialsystem: Theater zwischen Sternen

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Interview

Es war eine außergewöhnliche, vielleicht sogar kühne Mission damals, im Jahr 1977, als die NASA die Raumsonde Voyager ins Weltall schickte auf der Suche nach außerirdischem Leben. Mit an Bord waren nämlich jede Menge Informationen über die Erde und die berühmte „Golden Record“, ein klingendes Porträt der Menschheit. Vera Kardos und ihr Theaterensemble DieOrdnungDerDinge widmet sich im Radialsystem mit „Voyager 1“ der legendären Reise ins All und bringt sie ins Heute. Ein Gespräch über Faszination, Herausforderung und Kinder im Publikum. Von Barbara Hoppe.

Goldene Platte, ferne Planeten

Feuilletonscout: Was fasziniert Sie an der Voyager-Mission von 1977?
Vera Kardos: Da ist so vieles, das uns fasziniert: Da sind die überwältigend schönen Aufnahmen von Jupiter, Saturn und der äußeren Planeten unseres Sonnensystems – die ersten Nahaufnahmen überhaupt! Auch der Umstand, dass die Voyager Mission unter großem Zeitdruck durchgeführt werden musste – damals gab es eine besondere Planetenkonstellation, die sich nur alle 176 Jahre wiederholt.  Dank ihres Gravitationsfeldes konnten die zwei Raumsonden bis zu den äußeren Planeten Uranus und Neptun und sogar über die Grenzen unseres Sonnensystems hinaus, in den interstellaren Raum, gelangen, ohne zu viel Treibstoff zu verbrauchen. Dadurch können sie auch jetzt noch, fast 50 Jahre später, Signale zur Erde senden!
Und  dann ist da die berühmte GOLDEN RECORD, die für unsere Arbeit vielleicht am inspirierendsten war: An Bord tragen beide Weltraumsonden ein außergewöhnliches Objekt: die GOLDEN RECORD eine goldene Schallplatte mit Bildern, Musik und Klängen der Erde. Sollten die Sonden jemals auf intelligentes Leben im All stoßen – so die Hoffnung der Mission – könnten ihnen diese Bild- und Klangdateien als Wegweiser zur Erde und als Portrait ihrer Lebewesen dienen – allem voran : als Portrait von uns Menschen.

Voyager 1 DieOrdnungDerDinge Radialsystem Crew
Foto: DieOrdnungDerDinge

Kinder zwischen Sternen und Fragen

Feuilletonscout: Was können die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer bei „Voyager1“ erleben – ist es eher eine Reise ins All oder eine Entdeckungsreise zu sich selbst?
Vera Kardos: Im Idealfall beides. Wobei die Narrative von Voyager 1 eher am Boden spielen. Am Anfang der Inszenierung steht eine spielerische Behauptung: Zum 50jährigen Jubiläum gibt die NASA eine NEUE GOLDEN RECORD in Auftrag. Aber anders als 1977 soll diesmal ein globales Netzwerk zu ihrer Entstehung beitragen. Diesem Team sollen erstmals auch Kinder angehören.
Die Fragen, die wir stellen, sind: Wie würdest Du einem Alien aus einem fernen Sonnensystem beschreiben, was ein Mensch ist? Welche Ausdrucksmöglichkeiten hast Du, wenn Du keine Sprache benutzen kannst? Wie können wir, als zufällige Gruppe von Menschen, uns auf eine Botschaft einigen, mit der sich alle identifizieren können?

Abheben mit Klang

Feuilletonscout: Wie lässt sich das Gefühl von „Schweben im Weltall“ auf einer Bühne zeigen? Welche Rolle spielen Licht, Musik und Bewegung dabei?
Vera Kardos: Ähnlich wie bei einem guten Soundtrack im Film, ist es bei Voyager 1 vor allem die Klangebene, die dazu beiträgt, dass die Zuschauer mit uns „abheben“. Gleichzeitig können – wie in all unseren Arbeiten – auch Licht und Bewegung zu Musik werden. In diesem Projekt werden wir dabei von Vince Varga mit Live Projektionen unterstützt.

Feuilletonscout: Wie bereiten Sie die Stücke vor? Wie proben Sie?
Vera Kardos: Wir arbeiten mit rotierender Leitungsfunktion. D.h. es  gibt eine oder zwei Personen aus dem  Team, die für das jeweilige Projekt eine Leitungsfunktion übernehmen- also für Konzept und Form hauptsächlich verantwortlich sind. Vieles fügt sich aber erst nach den ersten Probenphasen zusammen, immer in enger Zusammenarbeit und im Austausch mit den anderen.  Für dieses Projekt habe ich mit Franziska Seeberg viel dramaturgische Vorarbeit geleistet, das eigentliche Zusammenfügen beginnt jetzt während der Probenarbeit im Januar. Dieses Rotationsprinzip hat sich für uns sehr bewährt- erstens hält sie uns frisch und empathisch füreinander, weil wir flexibel in alle Rollen schlüpfen müssen;  zweitens entstehen dadurch Produktionen mit ganz unterschiedlichem Profil und Ausrichtung, je nachdem, wer gerade die Leitungsfunktion innehat.

 

Voyager 1 DieOrdnungDerDinge Radialsystem Orbit
Foto: Gabi Altevers

Wenn das Publikum zur Crew wird

Feuilletonscout: Ihr Ensemble bezieht das Publikum oft sinnlich und räumlich in das Bühnengeschehen ein. Gibt es auch in dieser Produktion Momente, in denen die Grenzen zwischen Zuschauerraum und Bühne verschwimmen?
Vera Kardos: Total. Im Idealfall werden die Kinder im Laufe des Stücks zu einem Teil des Ensembles. Als Abschluss machen wir eine Tonaufnahme, bei der alle, Ensemble und Publikum, mitwirken. Diese wird nach einem großen Countdown ins All geschickt.

Zwischen Fördermitteln und Fantasie

Feuilletonscout: Was war für Sie die größte künstlerische Herausforderung bei der Umsetzung von „Voyager1“ – konzeptionell, technisch oder emotional?
Vera Kardos: Ich bin da ganz ehrlich: das lange Warten auf Förderergebnisse und die Unsicherheit darüber, welche Mittel wir letztendlich zur Realisierung haben werden – das war schon sehr lähmend. Erst seit Dezember wissen wir, dass wir zwar spielen können, aber sehr viel weniger Mittel zur Verfügung haben, als ursprünglich geplant. Wir mussten kurzfristig sehr vieles neu konzipieren.

Feuilletonscout: Aus Ihrer Erfahrung: Wie reagieren Kinder während der Aufführung? Gibt es Momente, in denen sie staunen oder ganz still werden? Die Voyager-Thematik greifen Sie nächstes Jahr ja noch einmal auf, dann für Erwachsene. Was machen Sie bei einer Aufführung für Kinder anders?
Vera Kardos: Unsere Erfahrung mit Kindern ist, gerade bei interaktiven Formaten, dass man nie mit Gewissheit voraussagen kann, wie sie reagieren. Jedes Publikum ist anders – von uns im Ensemble fordert das viel Präsenz und Flexibilität, es ist in vieler Hinsicht herausfordernder, dafür in vielen Punkten auch berührender. Kinder sind ein total ehrlicher Spiegel, wenn sie einem etwas nicht abkaufen, aber auch viel begeisterungsfähiger, wenn der Funke springt.

Kosmos im Studio des Radialsystems

Feuilletonscout: Das Radialsystem ist ein sehr besonderer Aufführungsort. Wie haben Sie den Raum genutzt, um das Weltall lebendig werden zu lassen?
Vera Kardos: Die Antwort auf diese Frage bezieht sich auf weiter oben, wo es um die Herausforderungen ging – eine der Umplanungen, die wir vornehmen mussten, war der Wechsel vom Saal des Radialsystems in eines der Studios. Durch die fehlenden Mittel müssen wir die Bühne aus dem zaubern, was unser eigener Fundus und der des Radialsystems hergibt – was zwar sehr nachhaltig ist und uns auf eine Art sehr kreativ werden lässt – aber viel künstlerische Freiheiten im Umgang mit materiellen Bühnenmitteln haben wir definitiv nicht. Zum Glück gibt es andere künstlerische Mittel, auf die wir zurückgreifen können: musikalische, performative, bildliche.

Was bleibt, wenn die Sonde schweigt

Feuilletonscout: Worüber sollen die Kinder nach dem Stück nachdenken oder vielleicht sogar weiterforschen?
Vera Kardos: Es wäre wahrscheinlich etwas idealistisch zu erwarten, dass die Kinder nach dem Theaterbesuch tief sinnierend nach Hause gehen. Trotzdem hoffen wir, dass es Spuren hinterlässt, wenn wir etwas in Frage stellen, das die meisten von uns im Alltag für selbstverständlich halten: Was es bedeutet ein Mensch zu sein. Ein Mensch unter Menschen – inmitten eines riesigen Universums.

Feuilletonscout: Wenn die echte Voyager1 eines Tages eine Botschaft aus dem All zurückschickt – was wünschen Sie sich, dass sie uns sagen würde?
Vera Kardos: Die Voyager 1 schickt uns in regelmäßigen Abständen Signale aus dem All – allerdings hat sie nicht mehr lange Zeit, um uns mit einer Botschaft aus dem All im Stil von Hollywood zu überraschen. Laut NASA reichen die Energiereserven nur noch bis ca. 2036. Danach werden beide Voyager-Sonden aus unserem Blick verschwinden – tragen aber immer noch die GOLDEN RECORD mit sich. Die Hoffnung der Mission, dass irgendwann darauf eine Antwort aus dem All zurückkommt, bleibt bestehen.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

DieOrdnungDerDingeVoyager 1
Radialsystem Berlin
Holzmarktstraße 33, 10243 Berlin
am 28. Februar und am 1. März 2026
Alle Infos

Das Wichtigste in Kürze

  • NASA-Voyager-Mission als Theaterlabor im Radialsystem
  • Kinder gestalten eine neue Golden Record auf der Bühne
  • Live-Projektionen, Klangräume und interaktives Ensemble

Voyager 1 in the Radialsystem: Theater among the stars

It was an extraordinary, perhaps even daring mission when NASA launched the Voyager space probes in 1977, sending the famous Golden Record – an audible portrait of humanity – into space. At Berlin’s Radialsystem, Vera Kardos and her ensemble DieOrdnungDerDinge take up this journey and bring it into the present. Their starting point is the question which message humans would send into space today – and who would be allowed to shape it. In “Voyager 1”, a new Golden Record is commissioned for the mission’s 50th anniversary, this time created by a global network that, for the first time, includes children.

Take off with sound

The production relies less on science fiction than on sensual experience: soundscapes, live projections by Vince Varga, light and movement create a floating atmosphere while the narrative stays firmly on the ground. The children gradually become part of the ensemble, and in the end a collective sound recording is made and symbolically sent into space.

Despite limited funding – the move from the main hall into a studio was a late consequence of budget cuts – the ambition remains to explore what it means to be human in the cosmos through performance, music and imagery. Voyager 1 is expected to transmit signals only until around 2036, but the Golden Record will continue its journey – along with the hope for an answer from the stars.

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