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Jules Massenet „Werther“: Goethe auf Französisch

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Interessante kulturelle Transformationen an der Oper und im Goethehaus: Wie lasen Franzosen Die Leiden des jungen Werthers, wie sahen sie Goethe? Von Stephan Reimertz anlässlich seines Besuchs der Oper von Jules Massenet „Werther“ in Frankfurt.

Französische Leidenschaft für Goethe

Napoleon führte bekanntlich den Werther auf seinen Feldzügen immer mit sich. Auf den außergewöhnlichen Liebesroman bezog er sich, als er Goethe mit dem legendären Wort: Vous-êtes un homme! lobte. Durch das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch war unseren Nachbarn, nicht zuletzt dank zweier einflussreicher Übersetzungen, der epochale Roman nicht minder geläufig denn ihre eigene Literatur. Mitte des Jahrhunderts bewies Hector Berlioz mit seiner Légende-dramatique La damnation de Faust, dass er der rechte Mann gewesen wäre, auch die Geschichte des jungen Werthers zu vertonen: Atmosphäre, Duft, Begehren, Erregung, Puls dieser Chorsymphonie sind einzigartig. Die ikonische Arie L’amour l’ardente flamme, die nichts anderes ist als unser Gretchen am Spinnrade, beweist dabei am besten, wie weit sich ein sittsames deutsches Mädel aus seinem fast noch mittelalterlichen Dorf entfernen kann in die heißen Winde südfranzösischer Sinnlichkeit.

Ein Komponist zwischen den Zeiten

Jules Massenet tut sich Anfang der 1890er-Jahre schon sehr viel schwerer, die zwar ursprünglich deutsche, längst aber universale Liebesgeschichte Werthers in eine Opernhandlung aus einem Guss einzubinden. Allerdings ist er mit seinem Projekt in eine Zeit des künstlerischen Auf- und Umbruchs geraten: Romantik, Verdi, Wagner, Verismo, Impressionismus, Ästhetizismus und beginnende Moderne bestehen nebeneinander. Massenet versucht, sein ehrgeiziges Opernprojekt als Erbe von Grand Opéra und Comédie lyrique zu platzieren, ihm zugleich die Modernität eines konsequent durchkomponierten Musikdramas zu verleihen. Das ist viel auf einmal. Doch man muss dem Komponisten zugestehen, einen von den konkurrierenden Stilen unabhängigen musikdramatischen Stil geschaffen zu haben, der viele Zeitströme aufnimmt und sie zu einer authentischen Vollblut-Oper verschmilzt, mag deren Pathos und Sentimentalität dem heutigen Hörer auch leicht abgestanden erscheinen.

John Osborn Jules Massenet Werther
John Osborn (Werther) / Bildnachweis: Barbara Aumüller

Fleischbeschau der Partitur statt Sfumato

Kapellmeister Felix Bender und das Opern- und Museumsorchester hätten mit einer Meta-Ebene, einer kunstvollen Verunklärung der Partitur dem Komponisten einen Schritt entgegenkommen und die atmosphärischen Stärken der Partitur herausarbeiten können statt ihre stilistischen und dramaturgischen Probleme zu betonen. Immerhin ist es Massenet mit seiner Komposition doch gelungen, die Fliehkräfte des stilistischen Chaos, auf das sich das ausklingende neunzehnte Jahrhundert zubewegte, noch einmal zusammenzuhalten. Die Interpretation des Orchesterparts hätte ihm hilfreich zur Seite stehen können mit einem atmosphärischen Tuning-in. Doch statt eines atmosphärisch verdichteten, mitschwingenden, die Sänger in ein Gesamtbild mit einschmelzenden Instrumentalzaubers bekommen wir eine schulmäßige, gnadenlos ausgeleuchtete Partiturbetrachtung aus dem Anatomiesaal. Mit Willy Deckers meisterlicher, von der mittelgroßen Bühne kongenial Gebrauch machender Regiearbeit will der gnadenlos enthüllende Orchesterpart nicht verschmelzen.

Jules Massenet Werther Barbara Aumüller Bianca Andrew Anna Nekhames
Bianca Andrew (Charlotte; auf dem Stuhl sitzend) und Anna Nekhames (Sophie; rechts stehend, mit der Hand auf dem Arm des Jungen) sowie Ensemble / Bildnachweis: Barbara Aumüller

Eine weitere Meisterregie von Willy Decker

Willy Decker als Regisseur und Wolfgang Gussmann für Bühnenbild und Kostüme nehmen in virtuosen vorwiegend blaugrüner Farbregie den französischen Tick auf, in Deutschland eine halb angelsächsische, halb skandinavische Gegend zu erblicken. Die zusammengedrängte, gekonnt mit Schrägen arbeitende Bühne versinnbildlicht eine Enge des Kleinstädtischen, die zugleich an Faust denken lässt. John Osborn als Werther besitzt eine in Prinzip silbrige, hier an unserem Abend aber mehr blecherne Stimme, die der Sopran der Bianca Andrews als Charlotte gütig und abgerundet ausgleicht. Sebastian Geyer verkörpert einen strengen, wiederum skandinavischen und an Torvald Helmer aus der Nora gemahnenden Albert, der uns das hölzerne Leben in deutschen Landen, die moralerfüllte Härte agogisch und stimmlich vor Augen führt.

Goethes Antlitz pur in französischer Sicht können wir derzeit ein paar Häuser weiter am Großen Hirschgraben in einer Replik der gütig und skeptisch dreinblickenden Büste aus der Hand von Pierre Jean David d’Angers bewundern, schönstes Zeugnis der Anerkennung und Bewunderung, die der deutsche Dichter in Frankreich gefunden hat, ergänzt um einige Medaillen aus der Hand des Künstlers und sein Porträt, gemalt von Jacques-Augustin-Catherine Pajou.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Jules Massenet „Werther“Musikalische Leitung: Felix Bender
Inszenierung: Willy Decker
Oper Frankfurt/MainWeitere Aufführungen

Das Wichtigste in Kürze

  • Virtuose Regiearbeit von Willy Decker in kühlem Blaugrün
  • John Osborns Werther zwischen silbrigem Glanz und Distanz
  • Massenets Partitur als spannender Stilbruch des Fin de Siècle

Jules Massenet „Werther“: Goethe in French

French artists have long viewed Goethe’s Werther as more than a German tale of sentiment. Napoleon carried the novel on his campaigns, and Berlioz echoed its passion in his music. In the 1890s, Jules Massenet revisited the story, balancing Wagnerian drama and Impressionist color to create an operatic hybrid—both modern and nostalgic.

In Frankfurt, conductor Felix Bender offers a precise but somewhat dissecting reading, leaving little of Massenet’s atmospheric allure. What the orchestra lacks in warmth, Willy Decker’s direction restores through visual poetry: a stage bathed in blue-green tones evoking confinement and longing. Tenor John Osborn’s metallic Werther contrasts strikingly with Bianca Andrews’s luminous Charlotte.Just a few steps away, in Frankfurt’s Goethe House, David d’Angers’ marble bust reminds us of the enduring cultural exchange between France and Germany—an image reflected in this production’s refined tension between clarity and emotion.

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