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Roswitha Quadflieg und die leise Spurensuche

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Buch Literatur

Von Birgit Koß.

Was immer Roswitha Quadflieg in ihrem Leben tut, macht sie mit großem Engagement und viel Herzblut. Dazu gehört auch ihr Dasein als Schriftstellerin. Ihr erstes Buch veröffentlichte sie1985: „Der Tod meines Bruders – ein Bericht“, in dem sie sich mit dem plötzlichen Unfalltod ihres Bruders und den Auswirkungen auf ihre Familie beschäftigte. Fast dreißig Jahre später erschien „Neun Monate – über das Sterben meiner Mutter“.

Abschied als Bewegung

Diese sehr persönliche Auseinandersetzung mit der plötzlichen Demenz der Mutter kurz vor ihrem 94. Geburtstag ist in 9 Kapitel gegliedert: neun Monate – wie eine Schwangerschaft – in diesem Fall der Weg aus der Selbständigkeit bis in den Tod. „Mit dem Tod schwanger gehen. Gibt es das? Bei meiner Mutter scheint es tatsächlich so zu sein. Jedenfalls findet eine Entwicklung statt, ein Werden in all dem Vergehen, an dessen Ende der Tod Erlösung sein wird – und ein Neubeginn. Für Alle“

Familie im Rückblick

Mit großer Liebe und Empathie beschreibt Roswitha Quadflieg die Veränderungen ihrer Mutter und die Reaktionen ihrer Umwelt darauf. Die immer sehr beherrschte, auf die Form achtende Grande Dame verwandelt sich in „Frau Anders“, die sich danebenbenimmt und ihre Umwelt in großes Erstaunen versetzt. Besonders ehrlich und offen geht die Autorin mit sich selber um. Sie berichtet, was es für sie heißt, sich mit dem Abschied von der geliebte Mutter auseinanderzusetzen, aber auch mit dem Tod überhaupt. Gleichzeitig erfährt man beim Lesen einiges über die gesamte Familiengeschichte. Wie die junge Benita von Vegesack mit ihrer Mutter, der Baronin, durch die Welt reiste und dort auf Capri 1933 den jungen Will Quadflieg kennen und lieben lernte. Wie sie 1940 heirateten, wie sie nach Berlin kam, von 1941 – 1944 Medizin studierte und schnell hintereinander ihre ersten zwei Kinder bekam.

Diese Fakten finden sich auch auf der ersten Seite von „Ich will lieber Schweigen“ von Will und Roswitha Quadflieg. Das Tagebuch eines Schauspielers aus den Jahren 1945/46 und die Fragen seiner Tochter.

Fundstücke der Vergangenheit

Roswitha Quadflieg hatte mit dem Tod der Mutter eine große Kiste mit „Briefen & Kurioses“ geerbt, die sie erstmal im Keller verstaute. Erst im langen Corona-Winter 2021/22 schaute sie genauer in die Kiste und fand unter anderem 476 Briefe ihres Vaters, geschrieben von Januar 1934 bis September1946 an seine zunächst „ferne Geliebte“ und spätere Ehefrau.   „Und ja, zwischen all dem steckte auch das kleine Tagebuch meines Vaters. Eine kleine Sensation! — Ein nur DIN A6-großes, in schwarzes geprägtes Leder gebundene Notizbuch mit Goldschnitt. … Begonnen während der letzten Rezitationsreise meines Vaters vor Kriegsende, am 19.März 1945 in Göttingen, beendet am 21. September 1946 in Hamburg – Benita gewidmet und ihr am 21. November 1946, ihrem 29. Geburtstag, überreicht. Ein langer Liebesbrief, wie ich nach und nach feststellte.“

Dialog mit dem Vater

Was fängt die Autorin, die jüngste Tochter dieses Ehepaares, die dreizehn war, als es sich scheiden ließ, mit diesem wertvollen Fund an? Sie gibt zu, dass sie keine Quadflieg-Expertin sondern „nur“ die Tochter sei und begibt sich auf ihre ganz persönliche Spurensuche nach dem häufig abwesenden Vater. Sie stellt sich und ihm viele Fragen über sein Leben als Künstler, als Mann und seine Haltung während der NS-Zeit und sucht seine Antworten in seinem Tagebuch und in den Briefen. Akribisch rekonstruiert sie die 103 Tage im Leben ihres Vaters und geht darüber mit ihm in den Dialog – posthum. Sie zeigt, wie er durch das zerstörte Deutschland irrt auf der Suche nach einem Weg zu seiner Familie, die inzwischen in Schweden ist, wo Benita ihr drittes Kind zur Welt gebracht hat. Roswitha Quadflieg konfrontiert ihren Vater mit seiner Verblendung auf der Suche nach der „richtigen deutschen Kultur“, mit seinen Lügen und Selbstlügen.

Zeitzeugnis und Versöhnung

Dieses Buch ist nicht nur ein interessantes und aufschlussreiches Zeugnis über die Auseinandersetzung zwischen der Tochter und ihrem berühmten Vater, die zu Lebzeiten so nie stattgefunden hat, sondern auch ein ungewöhnliches, lesenswertes Zeitdokument über die Tage kurz vor und nach Kriegsende, aus der nur noch wenig Zeitzeugenberichte vorhanden sind. Es gelingt der Autorin dabei kritisch distanziert zu bleiben und ihren Vater nicht zu verurteilen.  Und so endet das Buch mit den versöhnlichen Worten: „Was aber bei aller ‚Verstricktheit‘, der ich hier begegnet bin, nicht untergehen darf, ist, auf deine große Liebe zu der Frau, gestoßen zu sein, die vier Jahre später meine Mutter wurde – und ein unabdingbares Brennen für das Theater. Für das gesprochene Wort.“

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Roswitha QuadfliegNeun Monate. Über das Sterben meiner Mutter
Aufbau Verlag,
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Will und Roswitha QuadfliegIch will lieber schweigen
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Das Wichtigste in Kürze:

  • Intime Annäherung an Verlust und Sterben
  • Briefe und Tagebuch als literarische Spurensuche
  • Differenzierter Blick auf Kunst und NS-Zeit

Weiteres von Roswitha Quadflieg: Ein Mann seiner Zeit und Das kurze Leben des Guiseppe M

Roswitha Quadflieg and the Quiet Search for Traces

Roswitha Quadflieg combines personal memory with literary reflection. In earlier works, she addressed the death of her brother and later the passing of her mother. In “Nine Months,” she portrays the final phase of a once composed woman who, through dementia, transforms into someone unfamiliar. The narrative traces a process of farewell that also suggests a form of becoming.

At the same time, the text opens onto a broader family history. The lives of her mother Benita von Vegesack and her father Will Quadflieg lead through Europe in the 1930s and 1940s. A crucial discovery shapes the narrative: hundreds of letters and a diary written by her father between 1945 and 1946.

Quadflieg turns this material into a personal investigation. She reconstructs the final months of the war and enters into a posthumous dialogue with her father, confronting questions of responsibility, illusion, and artistic identity during the Nazi era.The result is more than a family story. It is a quiet historical document that balances critical distance with emotional depth. Rather than judging, Quadflieg arrives at a tentative reconciliation, grounded in memory, love, and the enduring force of art

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