Philippe Collin, renommierter Historiker und Radiomacher, bekannt für seine differenzierte Sicht auf Geschichte, schenkt uns mit „Der Barmann des Ritz“ ein atmosphärisch dichtes Porträt einer Zeit, die zwischen Glanz und Grauen oszilliert. „Der Barmann des Ritz“ ist ein glänzendes Denkmal für das legendäre Hotel und seine Gäste – und das Porträt von Frank Meier, ein Mann, der zwischen Anpassung und Widerstand lebt. Von Barbara Hoppe.
Paris, 1940. Die Stadt ist besetzt, doch im Hotel Ritz am Place Vendôme scheint die Welt noch zu funkeln. Hier, wo die Elite der Gesellschaft ihre Cocktails schlürft, wo Nazis, Kollaborateure, Widerständler und Künstler aufeinandertreffen, spielt sich ein stilles Drama ab – hinter der Bar. Frank Meier, österreichisch-jüdischer Barmann, ist der Mann, der alles sieht, alles hört und doch nichts verrät.
Frank Meier: Der Mann hinter der Theke
Frank Meier ist eine historische Figur, deren Leben paradoxerweise gerade durch seine Leerstellen reizvoll wird. Der Mann, der der Welt das schmale Büchlein „The Artistry of Mixing Drinks“ schenkte und als einer der besten Barkeeper seiner Zeit galt, hat kaum biografische Spuren hinterlassen. Diese Unschärfe macht ihn zur idealen Projektionsfläche – nicht für Heldenlegenden, sondern für die Frage nach dem Überleben in moralischen Grauzonen. Ein Mann, der seine jüdische Herkunft verbirgt, um zu überleben, und gleichzeitig anderen hilft, zu fliehen. Seine Bar wird zum Ort der Begegnung, der Spannung und der stillen Beobachtung.
Ambivalenz als Methode
Collin schreibt Meier Gedanken und Worte zu, die wir nicht überprüfen können – und doch wirken sie wahrhaftig. So betont es der Autor auch in seinem Vorwort: nicht um historische Wahrheit gehe es ihm, sondern um Wahrhaftigkeit. Darum, wie es hätte sein können. Der Autor entscheidet, wie sympathisch oder ambivalent seine Figuren erscheinen, und dies tut er mit großer literarischer – und wenn möglich, auch historischer – Sorgfalt. Die Gäste des Ritz – ob französisch oder deutsch – sind keine Karikaturen. Sie verachten den Krieg, doch sie profitieren auch von ihm. Collin gelingt es, diese Ambivalenz literarisch greifbar zu machen, ohne zu verurteilen.
Er erzählt von Juni 1940 bis August 1944, jener Zeit, in der das Ritz zum Hauptquartier hochrangiger Nazi-Funktionäre wurde und gleichzeitig Treffpunkt der noch verbliebenen Pariser Elite blieb. Die Bar wird zum Brennglas einer Gesellschaft, die zwischen Anpassung und Widerstand, Opportunismus und verstecktem Aufbegehren changiert. Niemand hier ist ein strahlender Held. Alle sind Gefangene ihrer Zwänge, ihrer Ängste, ihrer persönlichen Abgründe.
Historie mit dichterischer Freiheit: Luciano und Süss
Dazu gehören auch zwei fiktive Figuren – Luciano und Süss. Sie ergänzen das historische Personal und sind geschickte, dramaturgische Kniffe, die dem Roman Spannung verleihen. Luciano, ein junger jüdischer Italiener, der im Ritz seine Ausbildung zum Barmann absolviert, und Süss, ein Schweizer, der in der Geschäftsführung tätig ist. Beide auf unterschiedliche Weise in Gefahr, beide mit undurchsichtiger Geschichte. Was die Zukunft bringt, ist ungewiss.
Ein Roman wie ein guter Drink
Collins schreibt bildgewaltig und voller Liebe zu seinen Figuren. Er beschreibt das warme Licht auf der Messingtheke, die Gespräche in der Petit Bar, die Spannung zwischen den Zeilen – und schafft so eine Atmosphäre, die den Leser hineinzieht. Der Roman ist gut recherchiert, der umfangreiche Anhang zu den historischen Figuren zeugt von akribischer Arbeit. Doch Collin bleibt stets Erzähler, nicht Dozent.
Und doch ist Der Barmann des Ritz mehr als ein historischer Roman. Es ist ein Denkmal für das Hotel Ritz, für seine illustren Gäste, für einen Mann, dessen Leben bis heute geheimnisvoll ist. Es ist ein Buch über Menschlichkeit im Ausnahmezustand, über Geschichte ohne Schwarz-Weiß-Malerei. Philippe Collin gelingt es, eine glanzvolle Zeit auferstehen zu lassen, die gerade wegen des Krieges besonders leuchtet.
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| Philippe Collins | Der Barmann des Ritz a. d. Französischen von Amelie Thoma |
| Insel Verlag Berlin, 2025 | bei amazon bei Thalia |
Frank Meier – ‘The Bartender at the Ritz’ – between glamour and horror
Philippe Collin’s novel “The Bartender of the Ritz” paints a dense portrait of occupied Paris. At the Ritz Hotel, elites still gather as perpetrators, collaborators, and resisters intersect. At its center is Frank Meier, an Austrian-Jewish bartender hiding his identity while helping others escape.
Meier remains elusive, his biographical gaps deliberately preserved. Collin seeks not factual certainty but emotional truth. His characters are deeply ambivalent, benefiting from a system they also reject.The Ritz becomes a microcosm of a society under pressure. Between 1940 and 1944, the novel depicts a world without clear heroes. Fictional figures such as Luciano and Süss add narrative tension.Collin’s language is vivid yet restrained. The novel stands as more than historical fiction: it is a literary monument to human complexity under extreme conditions.


