Von Barbara Hoppe.
Es gibt Schriftsteller, die für die große Literatur viele, viele Worte brauchen. Und es gibt Heinrich Steinfest, der für ein ganzes literarisches Universum gerade einmal 112 Seiten benötigt. Der 1961 im australischen Albury geborene, in Wien aufgewachsene und heute bei Heidelberg lebende Autor hat sich in mehr als zwei Jahrzehnten einen Ruf als Meister der sprachlichen Eleganz, Komik, Absurdität und Fabulierlust erarbeitet. Seine Kriminalromane sind preisgekrönt. Für sein phantastisches Werk „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“ erhielt er 2016 den Bayerischen Buchpreis. „Die Büglerin“, „Der Chauffeur“ und „Sprung ins Leere“ sind nur einige seiner Romane, die begeistern. Mit „Die Linkshänderinnen“ legt er nun eine Novelle vor, die diesen Ruf mit spielerischer Leichtigkeit bestätigt.
Drei Linkshänderinnen, eine Bar und 35 verschwundene Franzosen
Nora, Tilda und Ruth verbindet zunächst nur, dass sie zufällig im selben Flugzeug sitzen, und durch einen weiteren Zufall schließlich auch nebeneinander. Was sie hingegen eint, ist die Hand, mit der sie schreiben, greifen, ein Glas halten. Sie sind Linkshänderinnen. Eine Entdeckung, die den drei Frauen, die sich mehr als sympathisch finden, reicht. Aus dem Zufallstreffen wird ein Projekt: eine Bar, in der Linkshändigkeit zum Markenzeichen wird und selbst das Mixen der Drinks zur kleinen Choreographie gerät. Und weil die drei zudem ein Gespür für Ästhetik und Geschmack haben, wird aus der Nische im kleinen österreichischen Touristenort im Handumdrehen ein Publikumsmagnet, den man landauf, landab kennt. Doch dann, an einem gewöhnlichen Abend, geschieht das Ungeheuerliche: Eine Reisegruppe von 35 Franzosen, eben noch Gäste im Lokal, ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Steinfest bliebe nicht Steinfest, würde aus diesem rätselhaften Krimielement nicht eine Geschichte beginnen, die voller Absurditäten und weiterer Zufälle – so viel sei verraten – zu einem stimmigen Schluss führt.
Der Steinfest-Sound: Schachtelsätze mit Sprengkraft
Wer Heinrich Steinfest kennt, wird all das wiederfinden, was seine Bücher so besonders macht. Wer ihn noch nicht gelesen hat, entdeckt mit dieser Novelle einen wunderbaren Einstieg in einen der eigenwilligsten deutschsprachigen Erzähler unserer Zeit. Denn der Autor beherrscht eine ganz besondere Kunst: Er verliert sich scheinbar in Nebensächlichkeiten, ohne jemals den roten Faden aus den Augen zu verlieren. Seine langen, kunstvoll verschachtelten Sätze wirken wie Spaziergänge, bei denen man immer wieder kleine Schnörkel geht – und plötzlich genau dort ankommt, wo alles Sinn ergibt. Dabei klingt alles so beiläufig-harmlos, dass die Präzision überrascht, mit der Zufälle, die fast nicht von dieser Welt zu sein scheinen, das Geschehen vorantreiben.
Die Absurdität, mit der Heinrich Steinfest ganz normale Geschehnisse behandelt, als wären sie die selbstverständlichste Sache der Welt, ist frappierend komisch. Das Verschwinden von 35 Franzosen? Eine Randnotiz, mit derselben Gelassenheit erzählt wie die Wahl des richtigen Gins. Wer offen ist für Literatur, die das Kuriose zur Methode erhebt, wird hier fündig. Und wer schon Fan ist, bekommt genau das, was man von diesem Autor erwartet: Unterhaltung auf höchstem sprachlichem Niveau, serviert mit einem Augenzwinkern – mit links, sozusagen.
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
| Heinrich Steinfest | Die Linkshänderinnen |
| Piper Verlag, München 2026 | bei amazon bei Thalia |
Das Wichtigste in Kürze
- Sprachkunst zwischen Leichtigkeit und Präzision
- Absurdität als erzählerischer Motor
- Elegante Komik mit literarischem Eigensinn
„Die Linkshänderinnen“ (The left handed women) by Heinrich Steinfest
Heinrich Steinfest, born in Australia in 1961 and raised in Vienna, is one of the most distinctive voices in contemporary German-language literature. With “The Left-Handed Women,” he presents a novella that condenses his characteristic blend of elegance, humor, and absurdity.
At its center are three women—Nora, Tilda, and Ruth—who meet by chance on a plane. What unites them is their left-handedness, which they turn into the concept for a bar. In a small Austrian tourist town, it quickly becomes a unique and successful venue. The harmony is disrupted when, one evening, 35 French guests suddenly disappear. What begins like a crime story unfolds into a playful narrative driven by coincidence and resisting clear categorization.
Steinfest’s signature style is evident in his long, intricately structured sentences that seem to wander yet arrive with precision. The ordinary slips into the absurd without losing its sense of normality. “The Left-Handed Women” thus offers both an excellent introduction to Steinfest’s work and a refined literary pleasure for experienced readers.


