- Ein musikalischer Dialog zwischen Liszt und Wagner
- Kodály und die Stimme eines verletzten Landes
- Ein historischer Resonanzraum
- Zwischen Volksmusik und Spätromantik
- Die Donaumonarchie als Gründung und als Erinnerung
- Merseburger Orgeltage (Merseburg Organ Festival): A Highly Symbolic Evening at the Cathedral
Zum 56. Mal fanden im September die Merseburger Orgeltage statt. In diesem Jahr waren sie dem Musikland Ungarn gewidmet. Wir besuchten das Große Abendkonzert im Dom St. Johannes und St. Laurentius, das als Höhepunkt dieser Sommerfestspiele gilt. Auf dem Programm standen Werke von Zoltán Kodály und Franz Liszt. Von Stephan Reimertz
Merseburg zählt zu den unterschätzten Höhepunkten einer Kulturlandschaft, die von der Geschichte der Ottonen und des mittelalterlichen Europa geprägt ist. Der im elften Jahrhundert begründete Dom beeindruckt heute nicht zuletzt mit seiner überarbeiteten Ladegast-Orgel, die Franz Liszt im Jahre 1855 mehrfach anspielte. Beim Großen Abendkonzert im Merseburger Dom standen in diesem Jahr zwei Werke Liszts auf dem Programm, die der Meister für zwei andere Kirchenräume vorgesehen hatte, von denen der eine nicht minder bedeutsam ist als der Dom zu Merseburg. »Die Glocken des Straßburger Münsters« eine Komposition für Soli, Chor, Orgel und Orchester nach einem Text von Henry W. Longfellow, der nicht unbedingt mit Understatement besticht, lässt freilich den Kenner der Opern Wagners aufhorchen.
Ein musikalischer Dialog zwischen Liszt und Wagner
Nicht anders als der »Parsifal« beginnt Liszts Werk mit aufsteigender großer Terz + kleiner Terz (bei Liszt: B – Des – F – Ges, bei Wagner: As – C – Es – F); ein kleiner Ausschnitt aus dem musikalischen Dialog der beiden Komponisten, über den sie sich auch mündlich und schriftlich ausgetauscht haben. Ansonsten artet das Monumentalwerk in eine musikalische Materialschlacht aus und wird nur noch von der darauf folgenden »Ungarischen Krönungsmesse« überboten. Der Komponist schrieb diese für die Krönungszeremonie von Kaiser Franz-Joseph und Kaiserin Elisabeth zur ungarischen Königen in St. Matthias in Buda 1867. In beiden Fällen vermag die Aufgipfelung aller zur Verfügung stehenden Mittel uns heute schwerlich noch zu berühren. Dennoch ist dem Organisten Denny Wilke, der Domkantorei Merseburg, dem Collegium Vokale Leipzig und der Staatskapelle Halle u. d. L. von Stefan Mückisch zu danken, dass sie diese dem Historismus bzw. Neufeudalismus zuzurechnenden Werke noch einmal ins Bewusstsein gerückt haben.
Kodály und die Stimme eines verletzten Landes
Anders verhält es sich mit dem »Psalmus Hungaricus« von Zoltán Kodály. Die Komposition für Tenor, Chor, Orchestern und Orgel setzt ebenfalls auf Monumentalität. Kodálys op. 13 gehört zu den lautesten Musikstücken des zwanzigsten Jahrhunderts. Er komponierte das Werk anlässlich des 50. Jahrestages der Vereinigung von Buda, Pest und Óbuda zur Metropole Budapest. Die Uraufführung fand am 19. November 1923 statt. Den Text bildet eine ungarische Nachdichtung des 55. Psalms, die der Dichter und Reformator Mihály Vég im sechzehnten Jahrhundert verfasste. Im Mittelpunkt steht ein Mensch, der von Feinden verfolgt und verraten wird, über sein Schicksal klagt und schließlich in alttestamentarischer Manier auf Gottes Gerechtigkeit baut.
Ein historischer Resonanzraum
Solche Klage erhielt 1923 besondere Bedeutung. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Ungarn mit dem Vertrag von Trianon etwa zwei Drittel seines Staatsgebiets verloren; Millionen Ungarn lebten nun außerhalb ihres Staates. Kodály vertonte zwar keinen politischen Text, doch die Klage des Psalms konnte als Gleichnis des Schicksals seines Landes verstanden werden. Aus dem biblischen Jammer eines einzelnen Menschen wird die Beschwerde des ungarischen Volkes.
Zwischen Volksmusik und Spätromantik
Musikalisch verbindet Kodály Moderne mit ungarischer Überlieferung. Gemeinsam mit Béla Bartók sammelte und erforschte er ungarische Volksmusik. Diese Beschäftigung ist auch im »Psalmus Hungaricus« nachweisbar. Die Melodik wirkt häufig modal und archaisch und erinnert stellenweise an alte ungarische Gesänge. Gleichzeitig entwickelt Kodály hier eine spätromantische Klangsprache mit starken Steigerungen und einer wirkungsvollen Orchester- und Chorgestaltung.
Die Donaumonarchie als Gründung und als Erinnerung
Wenn man den »Psalmus Hungaricus« vor dem Hintergrund der ungarischen Geschichte hört, tut sich der zeitliche Abstand zu Kaiser Franz Joseph und Franz Liszts Werken auf. Als die Monarchen in Buda zu König und Königin von Ungarn gekrönt wurden, schien der österreichisch-ungarische Ausgleich eine neue Verbindung zwischen Wien und Budapest zu versprechen. Doch 1923 war diese Welt verschwunden: Franz Joseph und Elisabeth waren dahin, die Habsburgermonarchie zerfallen und Ungarn durch Krieg und den Vertrag von Trianon beschädigt. Tenor Daniel Johannsen, Istvan Ella an der Orgel, die Staatskapelle Halle und der Cantemus-Chor Nyíregyházi gaben das äußerste an Gestaltungskraft und rückten so das Werk über den Anlass seines Entstehens hinaus. Der Zuhörer im Dom zu Merseburg konnte nicht umhin, den Klagegesang nicht nur auf den Ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch der Monarchie, sondern auch auf jene Leiden zu beziehen, die Ungarn erst noch bevorstehen sollten, als Zoltán Kodály dieses Werk schuf.
Das Wichtigste in Kürze:
- Liszts selten gespielte Monumentalwerke im Merseburger Dom
- Kodálys „Psalmus Hungaricus“ zwischen Klage und Geschichte
- Ladegast-Orgel, Chor und Staatskapelle in großer Besetzung
Merseburger Orgeltage (Merseburg Organ Festival): A Highly Symbolic Evening at the Cathedral
For the 56th time, the Merseburg Organ Festival took place in September, this year dedicated to Hungary as a musical nation. The main evening concert at the Cathedral of St John and St Lawrence presented works by Franz Liszt and Zoltán Kodály.
Merseburg is among the underestimated highlights of a cultural landscape shaped by the Ottonians and medieval Europe. Its 11th-century cathedral houses the restored Ladegast organ, an instrument that Franz Liszt played several times in 1855.
The programme included Liszt’s The Bells of Strasbourg Cathedral and the Hungarian Coronation Mass. Both works rely on monumental forces and an accumulation of effects that can only partly move a modern audience. Yet Denny Wilke, the Merseburg Cathedral Choir, Collegium Vokale Leipzig and the Staatskapelle Halle under Stefan Mückisch deserve credit for bringing these works back into view. Kodály’s Psalmus Hungaricus was different. Composed in 1923, it sets a Hungarian paraphrase of Psalm 55 and gained particular resonance after the Treaty of Trianon. The lament of a persecuted individual became the complaint of an injured country. Daniel Johannsen, Istvan Ella, the Staatskapelle Halle and the Cantemus Choir of Nyíregyháza gave the work compelling force.
