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„Figaro“ in Halle: Modernes Musiktheater

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Theater

Genau das war Mozarts Opera buffa nämlich schon zu ihrer Zeit. Walter Sutcliffe präsentiert den Hallensern das vielgespielte Hauptwerk auf State-of-the-Art-Niveau. Die Sängerinnen entzücken. Doch besonders eine Figur wird von dieser überzeugenden Produktion im Gedächtnis bleiben. Von Stephan Reimertz.

Kapellmeister Andreas Wolf und die Staatskapelle Halle setzen Mozarts Wunder-Partitur mit Schwung und Leidenschaft um, und steigerten sich bei der Premiere in mancher Szene ins Musikantisch-Solistische. Die Bläser bezaubern, die Streicher lassen sich mitreißen, manches Mal eher zögernd. Halles Opernhaus ist mittelgroß und daher klanglich und szenisch besser für Mozart-Opern geeignet als manches Riesenhaus, in dem sich alles verliert und breiig ausufert. Die mittelgroße Drehbühne ist virtuos eingesetzt. Dorata Karolczak kontrastiert als Bühnen- und Kostümbildnerin beide Elemente brillant. Die Bühne metallisch-abstrakt und monochrom, die Kostüme ironisch-zeitgenössisch und farbenfroh. Die dehnbare Spiegelwand im Rücken der Sänger besitzt zudem den Vorteil, den Klang zu reflektieren und zu verstärken. Geheime Liebesbotschaften zwischen den Protagonisten flutschen auch schon einmal als Whatsapp-Nachrichten hin und her; man darf mitlesen. Die Obertitel (in Halle: Seitentitel) geben sich zwar oft anschmeißerisch-peinlich und scheren damit aus jeder Wirkungstreue aus, denn da Pontes Libretto ist eingängig und populär, nicht aber plebeijsch und vulgär, finden aber hier und da eine gelungene zusammenfassende Übersetzung des komplexen Operntextes.

Im Spiegel der Gegenwart

Ein vergnüglicher, dabei anspruchsvoller und virtuoser Abend. Ki-Hyun Park begegnet als titelgebender Bedienter Figaro seinem Dienstherrn Grafen Almaviva mit kräftigem Bariton auf gleicher Augenhöhe und schauspielerisch uneingeschüchtert. Am Abend der Uraufführung vor der Französischen Revolution waren Figaro und die Seinen die aufsteigende Schicht, während wir heute am Ende all der Totalitarismen stehen, die die plebeijischen Herrschaftsformen mit sich gebracht haben. Wir besitzen also eine genau entgegengesetzte Sicht auf das Stück, ein Problem, das sich beispielsweise bei Lessings Emilia Galotti noch schneidender abzeichnet. Selbst Sozialisten und Linke fühlen sich heute entspannt und atmen auf, wenn sie mit altem Adel zusammentreffen, wie ja schon Karl Marx am liebsten Aristokraten und Großbürger traf und nichts mit Arbeitern zu tun haben wollte. Leider habe ich noch keine Figaro-Inszenierung gesehen, die der Crux dieses Schlüsseloper des erotischen Klassenkampfs Rechnung getragen hätte. Offenbar haben sich Regisseure und Mitwirkende den springenden Punkt noch nicht bewusst gemacht.

Ein schwankender Gott

Man muss Figaros Hochzeit vollkommen gegen den Strich inszenieren und gerade dadurch ernst nehmen. Die Hallenser Version hebt alles in eine Art postmoderne Ironisierung und lässt dem Zuschauer maximale eigene Interpretation offen. Hinreißend singt und spielt Yulia Sokolik die Hosenrolle des Jünglings Cherubino, der sich beim Anflirten aller Damen schon einmal auf seine Zukunft als Don Giovanni vorbereitet und sowohl mit Figaro als auch mit dem Grafen in ödipale Konflikte gerät. Hinreißend bietet Franziska Krötenheerdt als Gräfen die Einsamkeitsarie dar und wird von Szenenapplaus überhäuft, taucht dann aber sofort mit Vanessa Waldthart als Susanna in ein glorioses Sopranduett ein, das zu den musikalischen Höhepunkten des Premierenabends geriet. Jonathan Michie war es jedoch, der stimmgewaltig und im ambivalenten Auftritt die dramatische und historische Schlüsselfigur des Grafen Almaviva verkörperte. So wie man Donna Anna als Hauptgestalt im Don Giovanni auffassen (und inszenieren) kann, so den Grafen Almaviva in Figaros Hochzeit. Er ist die tragische Figur, an welche alle anderen sich kristallisieren. Er will und will doch nicht seine patriarchalischen Rechte einfordern. Er ist der schwankenden Gott, dessen Sturz unmittelbar bevorsteht, ein Verwandter Wotans. Felix Lemke sekundierte den Rezitativen am Hammerklavier als beispielhaft historisch unterrichteter Musiker und musizierender Musikwissenschaftler.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Wolfgang Amadeus MozartDie Hochzeit des Figaro
Bühnen HalleMusikalische Leitung: Andreas Wolf
Regie: Walter Sutcliffe

Das Wichtigste in Kürze

  • Andreas Wolf und die Staatskapelle Halle mit Schwung
  • Metallische Drehbühne und bewegliche Spiegelwand
  • Jonathan Michie als ambivalenter Graf Almaviva

“Figaro” in Halle: Modern Musical Theater

Walter Sutcliffe opens the season at Opera Halle with Mozart’s The Marriage of Figaro as modern music theatre. Andreas Wolf and the Staatskapelle Halle perform the score with energy and passion; the wind players are particularly captivating. The medium-sized opera house proves ideally suited to Mozart, both acoustically and theatrically.

Dorata Karolczak’s design contrasts a metallic, abstract and monochrome stage with colourful, ironic contemporary costumes. A flexible mirrored wall not only amplifies the sound but also shapes the visual space. WhatsApp messages and occasionally overly playful side titles transfer the opera into a postmodern mode of irony.

Ki-Hyun Park presents Figaro with a powerful baritone and fearless stage presence. Yulia Sokolik is persuasive as Cherubino; Franziska Krötenheerdt gives the Countess’s aria of loneliness great intensity and joins Vanessa Waldthart’s Susanna in a splendid soprano duet. Felix Lemke accompanies the recitatives on the fortepiano.

The production leaves the work’s social conflicts unresolved. Its strongest figure is Jonathan Michie’s Count Almaviva: vocally commanding and deeply ambivalent, tragic and threatened. He wishes to uphold his patriarchal rights, yet cannot fully do so. A wavering god on the verge of falling, the Count becomes the dramatic centre of the evening.

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