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Biennale Venedig: Palazzi – Klöster – Giardini

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Der letzte Teil der Reise zur Biennale Venedig von Irma Hoffmann.

Biennale Venedig

Palazzo Pisani Moretta

Überraschend versteckt in einer engen Gasse liegt der Zugang zum Palazzo Pisani Moretta, wo der Eigentümer und Gründer der nach ihm benanntenFondazione Dries van Noten seine Tore für Besucher zu seiner ersten Ausstellung mit dem Titel „The Only True Protest is Beauty“ öffnet. An dem Eingang, der sich auf der rückwärtigen Seite des imposanten neoklassizistischen Prachtbaus mit Blick auf den Canal Grande befindet, läuft man leicht vorbei.

Biennale Venedig 2026 Christian Lacroix
Christian Lacroix: Comme des Garçons, Collection Spring/Summer 2025, Headpiece by Julien d’Ys, Foto: Matteo de Mayda, mit freundlicher Genehmigung von Comme des Garçons

Nur noch bis zum 4. Oktober dieses Jahres war die private Sammlung des belgischen Modedesigners für die Öffentlichkeit zugänglich. Bisher galt der Palazzo als Geheimtipp unter gut informierten Kulturliebhabern. Das dürfte sich inzwischen geändert haben: Bereits lange vor der Öffnung zu der wirklich sehenswerten Präsentation erlesenster Objekte und Modelle des französischen Modeschöpfers Christian Lacroix (*1951) bildete sich eine lange Menschenschlange vor dem Eingang in der engen Gasse.

Der Titel dieser ersten Ausstellung „The Only True Protest is Beauty“ entstammt einem 1967 entstandenen Studioalbum des amerikanischen Songwriters und Aktivisten Phil Ochs (1940-1976) und heißt vollständig: „In Such Ugly Times, the Only True Protest is Beauty“.

Quartiere San Polo, 2766, 30125 Venezia

Gallerie dell‘ Accademia

Die Gebäude des ehemaligen Klosters Santa Maria dell‘ Carità aus dem 12. Jahrhundert beherbergen die weltweit bedeutendste Sammlung venezianischer Malerei vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Ursprünglich dienten sie als Lehrsammlung für Kunststudenten. Hier befinden sich Ikonen der Kunstgeschichte von Leonardo da Vinci, Paolo Veronese über Tintoretto zu Giovanni Bellini. Die Bedeutung des Gemäldes Das Gewitter von Giorgione, entstanden zwischen 1503 und 1509, ist mir noch heute aus meinem Kunstgeschichtsstudium als erste eigenständige Landschaftsdarstellung der italienischen Kunst in Erinnerung.

Biennale Venedig 2026 Marina Abramović
Marina Abramović: Pietà (Anima Mundi), 1983–2002, C-print (li.) gegenüber: Tizian (1490-1576): Pietà (1575-1576), Öl auf Leinwand / Image courtesy of Lisson Gallery, Marina Abramović, Gallerie dell’Accademia in Venice. Foto: Matteo de Fina

In einer Sonderausstellung anlässlich des 80. Geburtstags von Marina Abramović, „The Exhibition Transforming Engergy, wird die Fotografie Abramovićs mit dem Titel Pietà (with Ulay) dem Gemälde Pietà von Tizian gegenübergestellt, das in diesem Jahr sein 450. Jubiläum feiert. Abramović, die schon seit den frühen 1970ern mit ihren körperbetonten Performances schockiert, integriert in ihre Ausstellung interaktive Kristallbetten, Transitory Objects, die nach ihrer Vorstellung Energie auf die Besucher übertragen sollen. Meines Erachtens geht diese Performance zu stark in Richtung Eventkultur – was wohl dem aktuellen Zeitgeist geschuldet ist.

Noch bis 19.10.2026, geöffnet 9:00 – 14:00 Uhr, Dienstag – Sonntag, Feiertag 9:00 – 19:15 Uhr; Campo della Carità – Dorsoduro 1050, 30123 Venedig

Cafe Moro

Ein „kulinarisches Juwel“, das ich zufällig auf dem Weg zur nächsten Ausstellung entdeckte, darf hier nicht unerwähnt bleiben: Das Cafe Moro im Garten des Palazzo Franchetti, das mit seinen Köstlichkeiten alle meine Vorstellungen von italienischer Genussfreude übertraf. Das Café liegt idyllisch im Garten des Palazzo Franchetti. Meine Burrata, kunstvoll dekoriert mit einer Vielfalt aus Tomaten und Oliven, entsprach genau meiner Vorstellung einer Buona Cucina Italiana. Selbst das frisch gebackene Brot und das Olivenöl waren von erlesenem Geschmack. Eine Oase inmitten der von Touristen stark frequentierten Stadt.

täglich von 9-16 Uhr geöffnet

Palazzo Cavalli-Franchetti

Auch die von der iranischen Kunsthistorikerin Ziba Ardalen kuratierte Ausstellung Turandot findet im Rahmen der die 61. Biennale begleiteten Ausstellungen statt. Elf Künstlerinnen aus Zentralasien und den angrenzenden östlichen Regionen zeigen hier ihre Werke: Videoarbeiten, Installationen, Skulpturen und Malereien zu den Themen Existenz, Mythos und Geschichte.

Die titelgebende Gestalt Turandot, uns besonders aus der gleichnamigen Oper von Giacomo Puccini bekannt, entstammt vermutlich einer Sammlung aserbaidschanischer Geschichten, die stark gekürzt und verändert später in persischen Märchen auftaucht und im 18. Jahrhundert nochmals gekürzt und verändert als Tausendundein Tag in französischer Übersetzung herausgegeben wurde. Der erhoffte Verkaufserfolg wie bei seinem Vorbild „Tausendundeine Nacht“ stellte sich hier nicht ein. Die Geschichte handelt von einer grausamen, von der Untreue der Männer überzeugten Prinzessin aus Kaschmir (in Puccinis Oper aus Peking), deren Heiratsanwärter, wenn sie die drei von ihr gestellten Rätsel nicht lösen können, hingerichtet werden.

In der Ausstellung „Turandot: To the Daughters of the East“ wird Turandot nicht als grausame unnahbare Gestalt, sondern als Verkörperung standhafter Unabhängigkeit und innerer Stärke interpretiert. Themen sind: Selbstermächtigung, Resilienz und intellektuelle Autonomie angesichts patriarchaler Zwänge.

Giardini della Biennale

Die Giardini im Stadtteil Castello sind ein Vermächtnis Napoleon Buonapartes. Nach der Besetzung Venedigs und der Beendigung seiner Unabhängigkeit ließ er Anfang des 19. Jahrhunderts das Sumpfgebiet am östlichen Rand Venedigs entwässern, um am Ufer des Bacino di San Marco einen öffentlichen Garten zu schaffen.

Der Besuch aller 29 historischen Länderpavillons in den Giardini an nur einem Nachmittag ist kaum zu bewältigen und wäre zu Lasten der Ausstellungen gegangen. Da dies ohnehin nicht der Plan war, folgte ich meiner ganz persönlichen Auswahl:

Biennale Venedig 2026 María Magdalena Campos-Pons
María Magdalena Campos-Pons: Installation View: „Anatomy of the Magnolia Tree for Koyo Kouoh and Toni Morrrison“, Foto © Andrea Avezzù

Beliebtes Fotomotiv im Zentralpavillon ist die Installation „Anatomy of the Magnolia Tree for Kouoh and Toni Morrison“ (2026) von Maria Magdalena Campos-Pons (* 1959), arrangiert aus:
Einem aus acht großformatigen Kompartimenten bestehenden Gemälde mit Porträts von Toni Morrison (1931-2019), einer der bedeutendsten Vertreterinnen der afroamerikanischen Literatur und der Kuratorin der 61. Biennale Koyo Kouoh (1967-2025). Die beiden Frauen sind umgeben von Pflanzen und Blumen und haben Füße aus Vogelkrallen, mit denen sie sich an einem Ast festklammern.
Davor eine Gruppe von sieben riesigen farbig gefassten Magnolienskulpturen aus Glas und Keramik.
Umgeben ist die Installation von blauen Stoffbahnen, an denen Gedichte hängen, wie zum Beispiel das von dem palästinensischen Lyriker Refaat al-Areer (1979 – 2023).

Deutscher Pavillon – ostdeutsche Geschichte

Biennale Venedig 2026 Sung Teu
Sung Teu: Human Dignity Shall be Inviolable, 2026, Deutscher Pavillon, Außenansicht,
Foto © Andrea Rossetti, Courtesy: La Biennale di Venezia

Aus der Ferne sind die unzähligen winzigen Mosaiken, mit denen der monströse faschistische Bau des deutschen Pavillons verkleidet ist, nicht auszumachen. Den deutschen Pavillon ließ die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Kathleen Reinhardt aus Thüringen von zwei ostdeutschen Künstlerinnen, Henrike Naumann (1984-2026) und Sung Tieu (* 1987) gestalten. Beide haben ostdeutsche Geschichte geschrieben: Der Titel „Ruin“ weist auf einen Zustand des Zusammenbruchs hin –ökonomisch, gesellschaftlich und moralisch. Sung Tieu meint damit den Berliner Plattenbau, in den sie 1994 gemeinsam mit ihrer Mutter zog. Ihre Mutter gehörte zur ersten Generation der unzähligen vietnamesischen Vertragsarbeiter, die noch zu DDR-Zeiten ins Land geholt wurden. Die Gehrenseestraße in Lichtenberg, in der sie mit ihrer Mutter wohnte, ist heute eine Ruine.

Biennale Venedig 2026 Henrike Naumann
Henrike Naumann: The Home Front, 2026, Foto © Jens Ziehe
Courtesy: La Biennale di Venezia

Henrike Naumann, in Zwickau geboren, hat ihre Kindheit in der DDR verbracht und verstarb nach schwerer Krankheit im Februar 2026. Das Mintgrün in der Ausstellung verweist auf das Grün der sowjetischen Kasernen in der DDR. An ihren Großvater, erinnert das Relief an der Wand mit applizierten Kleidungsstücken. Er war Studienkollege von Gerhard Richter, blieb aber in der DDR und ist inzwischen vergessen. Naumann beschäftigten Fragen, wie: Was hat Ostdeutschland mit der Geschichte der Welt zu tun? Mit Themen, wie dem Eisernen Vorhang, dem Fall des Ostblocks, derWiedervereinigung, der geographischen Verschiebung der Systeme und deren Folgen bis heute. Und: Wie können sich Menschen zu Hause so radikalisieren, wie das zum Beispiel bei dem NSU passierte?

Unbedingt sehenswert: Die Tanz-Performance „Trümmerfrau“, entwickelt von Henrike Naumann in Zusammenarbeit mit der venezianischen Tanzgruppe Il Posto. Sie wird noch am 23. und 24. Oktober und am 20., 21. und 22. November jeweils um 13 und 16 Uhr im Deutschen Pavillon aufgeführt.

Japanischer Pavillon

Biennale Venedig 2026  Ei Arakawa-Nash
Ei Arakawa-Nashs interaktive Ausstellung “Grass Babies, Moon Babies” im japanischen Pavillon auf der “Venice Biennale” 2026, Foto © Luca Zambelli Bais, Courtesy: La Biennale di Venezia

Zum ersten Mal in der Geschichte der Biennale arbeiten der koreanische und der japanische Pavillon zusammen. Ein historischer Schritt angesichts der tiefen Wunden in der Vergangenheit durch die japanische Gewaltherrschaft, Zwangsarbeit und das Leid der Trostfrauen. In einer A-cappella Opernperformance mit dem Titel „Opera Grass Babies, Moon Babies MORE THAN MUSICAL“ wurden unter Mitwirkung teilnehmender Besucher und professioneller Sänger beide Pavillons musikalisch verbunden (diese Performance wird leider nicht mehr aufgeführt.)

Stark frequentiert wurde der vor 70 Jahren von Yoshizaka Takmasa entworfene japanische Pavillon vor allem wegen seiner von Lisa Horikawa und Mizuki Takahashi kuratierten interaktiven Ausstellung mit dem Titel: „Grass Babies, Moon Babies“ des japanisch-amerikanischen Künstlers Ei Arakawa-Nash, in der er auf die Themen sinkende Geburtenraten, Überalterung und der Bedeutung von Care-Arbeit eingeht.Besucherinnen und Besucher können sich hier aktiv in die Elternrolle versetzen: sie dürfen die lebensecht wirkenden Puppen mit einem Körpergewicht zwischen 4 und 5,5 kg herumtragen und sich um sie kümmern.

Österreichischer Pavillon – Gender-kritisches Spektakel

Großes Aufsehen erregt die österreichische Choreografin Florentina Holzinger (*1986) mit ihrer Performance „Seaworld Venice“, kuratiert von Nora-Swantje Almes.

Holzinger setzt sich schon seit Jahren mit dem Thema Wasser, hier mit dem Wasser in der Lagune Venedigs auseinander: Als lebenserhaltende natürliche Ressource, in das man eintaucht, abtaucht, verbunden mit Tanz, Theater und Performance. Außer Kontrolle ist das Öko-System, verbunden mit Überflutungen, Leben inmitten der Abfälle anderer. Auf der offiziellen La Biennale di Venezia –  Seite wird die Performance beschrieben als „Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper in einer sich radikal verändernden Landschaft, in der Natur und Technologie aufeinandertreffen.“

Am Eingang stehen mobile Toiletten, in die die Besucher urinieren können. Der Urin wird in einer für den Besucher sichtbaren Filteranlage gereinigt und wird dann in einem gläsernen Wassertank gesammelt. Eine Taucherin mit Sauerstoffgerät sitzt in dem bis zum Rand mit gereinigtem Urin gefüllten Becken und schaut den Besucher direkt an. Für mich war das bedrückend.

Biennale Venedig 2026 Seaworld Venice
Performance: Seaworld Venice, 2026, Foto: © Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia

Auch die Performance, in der eine nackte Frau kopfüber in einer riesigen, an einem Kran aufgehängten Messingglocke hin- und herschwingt und bei jedem Schwung mit ihren Schultern an den Glockenrand schlägt, berührt und entsetzt den Betrachter gleichermaßen. In die Glocke ist ein Zitat Ciceros eingraviert, in dem er den Verfall der Werte beklagt: „O Tempora, o mores“ –  o was für Zeiten, o was für Sitten. Neu ist die Idee dieser Performance allerdings nicht: Schon vor 36 Jahren, hat sich der österreichische Aktionskünstler Wolfgang Flatz (* 1952) in der Silvesternacht 1990/91 in Tiflis kopfüber zwischen zwei Stahlplatten hin und her schwingen lassen und verwies damit auf eine historische Foltermethode in der Zarenzeit.

Russischer Pavillon

Biennale Venedig 2026 Russischer Pavillon
Russischer Pavillon, Außenansicht, Foto: Andrea Avezzù, Courtesy: La Biennale di Venezia

Den einzigen Pavillon, den man nur von außen durch die Scheibe betrachten kann, ist der russische, ausgerechnet auch der einzige mit Blick auf die Lagune. Geöffnet war er nur kurze Zeit vom 5. – 8. Mai 2026 für Presse und Fachbesucher, also vor der offiziellen Eröffnung. Seitdem und bis zum Ende der Biennale ist er geschlossen. Der Titel der für die Besucher nur von außen zu besichtigenden Video- und Performance-Präsentation „The Tree is Rooted in the Sky“ zitiert die französische Philosophin Simone Weil (1909-1943) als Sinnbild für den Menschen und die Gesellschaft.

Fazit

Nicht alle Ausstellungen waren vergnüglich, einige sogar bedrückend. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind unglaublich interessant, tiefgründig und regen zum Nachdenken an.

Abschließend fahre ich noch einmal mit dem Vaporetto auf dem Canal Grande, vorbei an all den imposanten Palazzi der Serenissima Venedig.

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