Tag 2: die Biennale begleitende Events
Von Irma Hoffmann – Ausgeschlafen und voller Vorfreude begann ich den zweiten Tag meiner Venedig-Exkursion. Die Navigations-App sollte mich führen. Auf dem Programm standen sechs kollaterale Ausstellungen der Biennale Venedig in historischen Palazzi. Zumindest war das der Plan. Nicht bedacht hatte ich dabei, dass der GPS-Empfang in den engen Gassen Venedigs oft versagt und die App einen gerne mal in die falsche Richtung schickt. Dabei war ich nicht allein: Rings um mich herum reckten Suchende ihre Handys gen Himmel, doch weder der Allmächtige noch ein übernatürliches Wesen wiesen ihnen den rechten Weg. So verlängerte sich meine sorgfältig geplante Route erheblich. Das war zwar spannend, ging aber auf Kosten meiner wertvollen Zeit. Schließlich musste ich zwei der geplanten Besichtigungen streichen. Und doch erfüllte es mich mit Glück, in dieser geheimnisvollen, unvorstellbar faszinierenden Stadt umherzustreifen.
Palazzo Fortuny

Der Palast am Campo San Beneto, den die Familie Pesaro um 1470 erbauen ließ, beherbergt seit 1956 ein Museum mit Werken seines letzten Besitzers: Der Bildhauer, Architekt und Erfinder Mariano Fortuny y Madrazo lebte und arbeitete in diesem Palast bis zu seinem Tod im Jahr 1949. Danach vermachte seine Witwe den Palazzo mit dem gesamten Inventar der Stadt Venedig.
In seinem ehemaligen Atelier, im piano nobile – dem ersten Obergeschoss und dem secondo piano des Palazzo – haben Elisabetta Barisoni und Cristina Da Roit die erste Einzelausstellung von Erwin Wurm in Italien kuratiert. Der 1954 geborene Bildhauer, Aktionskünstler, Zeichner und Autor gilt als Meister des hintergründigen, skurrilen Humors. Er setzt seinen Witz gezielt ein, um den „Alltag aus einer anderen Perspektive“ zu zeigen, wie er seine Kunst im Magazin Focos online analysierte. Legendär ist sein „Selbstporträt als Essiggurkerl“ aus dem Jahr 2008. Die Gurke, ein beliebtes Motiv, das auch in dieser Ausstellung nicht fehlt, definiert Wurm als „…individuell verschieden, aber doch sofort als Gurke erkennbar und einem Ganzen zuordenbar … ähnlich den Menschen.“
Im Zentrum der Ausstellung Dreamers stehen neben Kurzperformences mit Alltagsgegenständen, an denen auch Besucher gestalterisch teilhaben können, den sogenannten One Minute Sculptures, seltsame überdimensionale Kissen-Skulpturen als Metaphern für die Traumwelt. Inspiriert wurde Erwin Wurm dabei vermutlich von den Kissen, die überall auf allen Couchen und Sitzgelegenheiten des ehemaligen Ateliers verteilt sind. Eine gelungene Inszenierung von Gegenwartskunst in historischem Ambiente.
Ausstellung Erwin Wurm: Dreamers
noch bis 22. November 2026
San Marco 3958, Campo San Beneto Venedig
Mittwoch – Montag 10-18 Uhr (ab 1. November bis 17 Uhr), Dienstag Ruhetag
Palazzo Grassi
Legendär ist die Privatsammlung zeitgenössischer Kunst des französischen Milliardärs François Pinault, die über 10.000 Werke von rund 350 Künstlern umfasst. In Venedig wird sie an zwei Standorten präsentiert: Im Palazzo Grassi und im ehemaligen Zollhaus Punta della Dogana, die beide im Eigentum des bedeutenden Kunstmäzens sind.
Der Palazzo Grassi zeigt noch bis zum 10. Januar 2027 zwei große Einzelausstellungen: „The Promise of Change“ – Das Versprechen des Wandels – des kenianisch-britischen Künstlers Michael Armitage, geboren 1984 in Nairobi, und „Co-tavellers“ mit zwei multimedialen Installationen des indischen Dokumentarfilmers und Künstler Amar Kanwar, geboren 1964 in Neu-Delhi. Kuratiert wurden die beiden Ausstellungen von Jean-Marie Gallais, Caroline Bourgeois, Michelle Mlati und dem Schweizer Hans Ulrich Obrist, der auch den Pavillon des Vatikans in der diesjährigen Biennale als Co-Kurator betreut.

Michael Armitage bewegt sich in seinen Gemälden zwischen ostafrikanischer und europäischer Maltradition, zwischen Realität und traumhafter Vision, gesellschaftlichen Spannungen, Gewalt und den weltweiten Migrationskrisen. Inspiriert wird er von historischen und zeitgenössischen Nachrichten über politische Demonstrationen oder Ereignisse während des Lockdowns in der Corona-Krise.

Einer der Auslöser für Amar Kanwars Dokumentarfilme waren die Massaker an den Sikhs infolge des Attentats auf Indira Gandhi 1984, einem der schwärzesten Kapitel der indischen Demokratie. Im Palazzo Grassi präsentiert Kanwar zwei Multimedia-Installationen „The Torn First Pages“, 2004-2008 über die Komplexität des Kampfes um die Demokratie in Myanmar und die siebenteilige Installation „The Peacock’s Graveyard“ von 2023, eine tiefgründige Meditation über Vergänglichkeit und den Kreislauf des Lebens, akustisch unterlegt mit einem Raga (einer auf Improvisation basierenden indischen Musikform).
Palazzo Grassi
Campo San Samuele, 3231, Venezia
noch bis zum 10 Januar 2027, tägl. 10 bis 18 Uhr, Dienstag Ruhetag
Palazzo Ducale

Im Dogenpalast musste ich lange suchen, bis ich die groß angekündigte Live-Restaurierung eines Gemäldes von Paolo Veronese gefunden hatte. Wer den Palazzo Ducale schon einmal besucht hat, weiß, welche Strecken man durch die riesigen Palastsäle zurücklegt. Vor Ort angekommen, folgte die Ernüchterung: am Samstagvormittag arbeiten die Restauratoren nicht. Nun wollte ich nur noch den Ausgang finden, ohne wieder durch sämtliche Säle zurücklaufen zu müssen. Dabei bin ich prompt in die Falle getappt: Plötzlich befand ich mich in den engen Gängen in Richtung Seufzerbrücke, il Ponte dei Sospiri, die den Dogenpalast mit dem damaligen Gefängnis verbindet. Zurückgehen war nicht möglich. So verlor ich kostbare Zeit mit der „Besichtigung“ unzähliger Kerkerzellen. Weder die Tatsache, dass Casanova einmal in einer der Bleikammern eingesperrt war, noch der „seufzende“ Blick durch ein steinernes Maßwerkfenster auf den Kanal konnten mich dafür entschädigen.
Palazzo Ducale
Piazza San Marco 1, 30124 Venedig
tägl. 9 bis 19 Uhr, ab 1. November 9 bis 18 Uhr
Ca‘ Corner della Regina: Fondazione Prada
Doppelausstellung mit Arthur Jafa und Richard Prince: „Helter Skelter“
Gegenwärtige Konflikte, die das amerikanische Volk spalten, werden im offiziellen US-Pavillon auf der Kunstbiennale von der Künstlerin Alma Allen mit ihren biomorphen Skulpturen aus lokalen Materialien vollkommen ignoriert; sie sollen kollektiven Optimismus vermitteln.
Ganz anders und ohne Einschränkungen setzen sich die beiden US-amerikanischen Künstler Arthur Jafa und Richard Prince mit den tiefgreifenden Spannungen in der amerikanischen Gesellschaft auseinander.
Der Titel der Ausstellung bedeutet umgangssprachlich „Chaos“. Ein komplexer Begriff, der von den Künstlern wegen der Vielschichtigkeit ihrer Ausstellungen bewusst gewählt wurde. „Helter Skelter“ geht auf einen Beatles Song aus dem Jahr 1968 zurück und auf den Begriff, den Charles Manson (1934-2017, krimineller Sektenführer, Musiker und Mörder) für das Chaos eines angeblich bevorstehenden Rassenkrieges verwendete – in seinerProphezeiung von rebellierenden schwarzen Amerikanern ausgehend.
Kaum auszuhalten sind die Clips des US-amerikanischen Videokünstlers und Regisseurs Arthur Jafa (* 1960 Tupelo, Mississippi), die er aus Segmenten historischer Filmaufnahmen, wie zum Beispiel von den Harlem Race Riot von 1964 nach dem gewaltsamen Tod des Teenagers James Powell zusammengestellt und mit Social-Media und YouTube-Videos gegenwärtiger Polizeigewalt collagiert hat.
In seinem Oeuvre greift Richard Prince (* 1949, Panamakanalzone) stilistisch auf Ikonen der Klassischen Moderne wie Pablo Picasso, Marcel Duchamp, Willem De-Kooning zurück. Appropriation Art nennt sich diese Kunstrichtung, deren Konzept die Aneignungen anderer Kunstwerke ist. Diese Arbeitsweise ist juristisch umstritten: 2008 verklagte der französische Fotograf Patrick Cariou (* 1963) Richard Prince wegen Urheberrechtsverletzung – und bekam recht.
Fondazione Prada, Santa Croce 2215, Venezia
noch bis 23. November 2026, Mittwoch bis Montag 10-18 Uhr, Dienstag geschlossen
Ca‘ Pesaro
Der barocke Stadtpalast am Canal Grande aus dem 17. Jahrhundert Ca‘ Pesaro, beherbergt die Galleria Internazionale d’Arte Moderna im Piano Nobile, dem primo piano, einer Sammlung von Gemälden und Skulpturen des 19. und 20. Jahrhunderts, im zweiten Stock das Museo d’Arte Orientale.

Kuratiert wurde diese erste große Einzelaussstellung der britischen MalerinJenny Saville (* 1970 Cambridge) von der Direktorin der Galleria Internazionale d’Arte Moderna, Elisabetta Barisoni.
Jenny Saville ist mit der venezianischen Malerei durch ihre stets wiederkehrenden Besuche Venedigs bestens vertraut. Sie gehört zu der Generation Young British Artists und zählt zu den bedeutendsten Malerinnen Großbritanniens. Charakteristisch für sie sind ihre großformatigen pastosen Ölgemälde übergewichtiger Frauen, die maltechnisch an Peter Paul Rubens erinnern. Pablo Picassos Einfluss zeigt sich in einer Reihe von Gemälden, die die Überlagerung mehrerer Körper zeigt, wie zum Beispiel bei dem hier gezeigten Gemälde Fulcrum.
Um die menschliche Haut, Hämatome und Blutgefäße farblich realistisch wiederzugeben, nutzt sie medizinische Fachzeitschriften als Studienmaterial. Mit ihren Darstellungen unförmiger, von unschöner Haut umspannter Körper bricht sie gezielt mit dem gängigen, oft als ausdruckslos wahrgenommenen Schönheitsideal.
Ca‘ Pesaro, Palazzo, Fondamenta Santa Caterina 30121 Venezia
noch bis 22. November 2026, täglich 10 bis 18 Uhr, Dienstag geschlossen
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| Biennale Arte | Venedig |
| 9. Mai bis 22. November 2026 | https://www.labiennale.org/en |


