Der legendäre Chor des Clare College in Cambridge führt das Requiem von Maurice Duruflé in der Fassung mit Orgel auf. Einen entscheidenden Beitrag zur musikalischen Umsetzung des Duruflé-Requiem leistet die Kapelle aus dem 18. Jahrhundert. Von Stephan Reimertz
Ob wir nach dem Tod vor Petrus am Himmelstor stehen – wer weiß das schon. Eines aber ist sicher: Sollten die Engel im Himmel Musik machen, klingt sie so wie das Requiem von Maurice Duruflé; allerdings wie die Version mit Chor, Orgel und Orchester. Diese durfte ich vor zehn Jahren in der Abteikirche St. Bonifaz in München hören. In dieser Fassung durchwirken die drei Elemente einander permanent, so dass man das ganze Werk unter die Überschrift des neunten und letzten Teils der Totenmesse, In paradisum, stellen könnte. Die Fassung allein mit Orgel freilich – wenn auch in Cambridge einmal bereichert um ein Cello – spitzt das Werk auf einen dramatischen Dialog der Seele mit sich selbst zu. Nun möchte man die außergewöhnliche Komposition eher in purgatorium verorten.
Zwischen Himmel und Fegefeuer
Die langgestreckte Architektur der aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts stammenden Kapelle des Clare College treibt den Dialog zwischen Chor auf der einen und Orgel auf der anderen Seite auf die Spitze. Die Art und Weise, wie Maurice Duruflé die an gregorianischen Gesang erinnernden langgezogenen Bögen in eine Musik von moderner Archaik einbaut, stellt eine faszinierende Verbindung des Uralten mit dem völlig Neuen dar. Zu Allerseelen 1947 wurde das Werk im französischen Rundfunk uraufgeführt, und das Konzert des Chores des Clare College unter Timothy Brown mit Jacob Costard an der Orgel und dem Cellisten Leo Popplewell Anfang November bezog sich ausdrücklich auf den voraufgegangenen Allerseelentag. Costard erhob den Orgelpart zu einem geistigen Kontrapunkt. Eine erlöste Seele ist das nicht, die hier spricht, klagt und sich windet. Noch ist sie verdammt.


Widerpart mit hellen Stimmen
Die Orgel, ein bemerkenswertes Instrument des Hamburger Orgelbauers Rudolf von Beckenrath aus dem Jahre 1971, besitzt ein stark neo-barockes Klangprofil mit einem hellen, obertonreichen Prinzipalchor. Sie entstand im Rahmen der Gegenbewegung zu den schweren, spätromantischen englischen Orgeln des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und tritt in unserem Konzert in einen ringenden, bisweilen spitzfindig-dramatischen Dialog mit dem ausgereift und nuanciert intonierenden Chor ein, den man nachgerade neo-thomanisch nennen könnte.
Als hors-d’œuvres zum Einsingen dienten A-capella-Kompositionen von William Harris, John Tavener und Edward Elgar und als Besonderheit eine schlichte Hymne aus dem byzantinischen Ritus, der im russisch-orthodoxen Gottesdienst in Kiew gesungen und in Cambridge mit einer Cellostimme unterstrichen wurde. Das starke Nach-Allerseelen-Konzert am zweitältesten College von Cambridge war völlig ausverkauft und überzeugte in seiner Schlichtheit und Prägnanz die Besucher des legendär musikalischen Colleges.
Vom Himmel dirigiert
Bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden scheint der chinesische Philosoph Zhuangzi eine Musik wie das Requiem von Maurice Duruflé vorausgeahnt zu haben, wenn er seinen Gelben Kaiser sagen lässt: »Mein Musikstück wurde von Menschen gespielt, dirigiert vom Himmel, arrangiert entsprechend den Riten und Harmonieregeln, so gelangte ich zu äußerster Reinheit. Vollendete Musik: sie korrespondiert zuerst mit den menschlichen Angelegenheiten, folgt dann der Ordnung der Himmelsgesetze, wird arrangiert entsprechend den fünf Wirkkräften, und schließlich kommt sie ganz natürlich aus sich selbst heraus – als würde sie die vier Jahreszeiten aufeinander abstimmen und den höchsten Ausgleich unter den zahllosen Lebewesen schaffen.«
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Das Wichtigste in Kürze
- Nuancierter Clare-College-Chor unter Timothy Brown.
- Jacob Costards Orgelspiel als dramatischer Widerpart.
- Räumliches Wechselspiel in der historischen Collegekapelle.
Duruflé-Requiem (Duruflé’s Requiem): College Choir in Purgatory
In the chapel of Clare College, Cambridge, Maurice Duruflé’s Requiem becomes a dramatic dialogue within the soul. Unlike the orchestral version, the performance with organ places the work less in paradise than in purgatory. A cello broadens the sound.
Under Timothy Brown, the choir sings with maturity and nuance. Jacob Costard shapes the organ part as a counterpoint; Leo Popplewell plays the cello. The elongated eighteenth-century chapel intensifies the confrontation between choir and organ. Duruflé’s Gregorian-inflected phrases unite the ancient with a music of modern archaism. Rudolf von Beckenrath’s 1971 organ brings a bright, overtone-rich, neo-Baroque sound. In place of late-Romantic weight, a struggle unfolds with the choir in a dialogue that is occasionally pointed. The soul laments and writhes, neither redeemed nor damned.
The programme opens with compositions by William Harris, John Tavener and Edward Elgar, alongside a hymn from the Byzantine rite, underlined by a cello part. Explicitly linked to All Souls’ Day, the sold-out concert in early November impresses through simplicity and concision. The closing reflection invokes Zhuangzi’s conception of perfect music: played by human beings, conducted by heaven and bound to an order connecting human affairs with cosmic harmony. The performance thus opens a horizon beyond the concert hall.

