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Iwona Sobotka über Verdi, Muti und das Gebet

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Interview

Am 15. August gab die polnische Sopranistin Iwona Sobotka als Solistin ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen in Guiseppe Verdis „Messa da Requiem“ mit den Wiener Philharmonikern, der Konzertvereinigung Wiener Staatsoper unter dem Dirigat von Riccardo Muti im Großen Festspielhaus.
Irma Hoffmann sprach mit der Sängerin in Salzburg.

Feuilletonscout: Herzlich willkommen und vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit für ein Gespräch mit mir nehmen. Ich bin Irma Hoffmann, Kunsthistorikerin und Journalistin aus München. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Wie geht es Ihnen in Salzburg?
Iwona Sobotka: Hallo Irma, sehr schön, Sie kennenzulernen. Ich fühle mich hier in Salzburg wirklich wohl – besonders zu dieser Jahreszeit, wenn man die Festspielatmosphäre überall spürt und sieht, wie sich die Menschen kleiden. Die Musik, die Kunst und all die Dinge, die hier in Salzburg stattfinden, schätze ich wirklich sehr; es gibt ein riesiges Angebot, und so herrscht hier eine sehr einladende Atmosphäre.

Iwona Sobotka M. Heller
Iwona Sobotka (c) M. Heller

Ankunft in Salzburg

Feuilletonscout: Wohnen Sie in einem schönen Hotel?
Iwona Sobotka: Wenn ich beruflich unterwegs bin, buche ich keine normalen Hotelzimmer. Ich wohne dann lieber in einem Hotel-Apartment. Ich mag es, mich ein wenig wie zu Hause zu fühlen – mir etwas zu kochen, Tee zuzubereiten und all diese Dinge zu tun, ohne dass ständig so viele Menschen um mich herum sind. Genau diese Qualität schätze ich sehr, wenn ich im Ausland bin. Ich bin hier mit meiner Tochter – sie ist acht Jahre alt – und wir genießen diese private Atmosphäre. Deshalb wohnen wir in einem Hotel-Apartment in der Altstadt.

Feuilletonscout: Was machen Sie in Salzburg am liebsten? Waren Sie schon einmal oben auf dem Mönchsberg, um den herrlichen Blick auf Salzburg zu genießen?
Iwona Sobotka: Wir haben die Burg und die umliegenden Hügel besucht, waren aber vor allem im Zentrum von Salzburg unterwegs – schließlich hatten wir viel zu tun, und es war zudem so heiß, dass man an einem Tag gar nicht so viel unternehmen konnte. Ich musste also im Voraus genau planen, wie lange und wie weit wir gehen wollten. Aber wir sind absolut begeistert von der Gegend und dem Essen hier. Meine Tochter liebt die vielen Eisdielen; wir genießen unseren Aufenthalt hier also sehr. Besonders das Essen und die historischen Stätten – wie zum Beispiel das Mozart-Wohnhaus, das meine Tochter zum ersten Mal gesehen hat und von dem sie ganz fasziniert war. Das war für sie wirklich etwas Besonderes. Ich bin sehr froh, dass sie das erleben konnte.

Die Stimme im Wandel

Feuilletonscout: 2004 gewannen Sie den Grand Prix und den ersten Preis bei der Queen Elisabeth International Music Competition in Brüssel. Dies brachte Ihnen internationale Anerkennung und eine Karriere ein, die Sie an bedeutende Opernhäuser und in große Konzertsäle führte. Ihre Opernlaufbahn ist bemerkenswert: Sie decken das gesamte Spektrum ab vom lyrischen Repertoire bis, aktuell, zu Spinto-Partien – wie hier in Salzburg. Am Samstag gaben Sie hier Ihr Debüt mit Verdis „Messa da Requiem“ unter der Leitung von Maestro Riccardo Muti und den Wiener Philharmonikern. Was bedeutet es für Sie, bei den Salzburger Festspielen aufzutreten?
Iwona Sobotka: Vielleicht fange ich bei dem Wettbewerb an, den Sie erwähnt haben, dem von 2004. Ich habe damals den Grand Prix gewonnen, aber seither hat sich alles verändert. Damals war ich Koloratursopranistin und begann gerade, mich in Richtung des lyrischen Repertoires zu orientieren. Eigentlich ist aus der Zeit vor 2004 kaum etwas geblieben, denn heute singe ich ein völlig anderes Repertoire. Meine Karriere hat sich in dieser Zeit so oft gewandelt, dass ich mich selbst wie ein ganz anderer Mensch fühle. Heute kann ich von mir sagen, dass ich eine sehr erfahrene Künstlerin bin; ich habe bereits Wagner gesungen und verfüge über ein enorm breites Repertoire – ein Werdegang, wie man ihn nicht oft sieht, denn manche Sänger beschränken sich vielleicht auf nur fünf Rollen. Doch die Arbeit an Opern, Liederabenden, Oratorien und Galakonzerten hat mich als Künstlerin geprägt. Ich bin eine Sängerin, die ihre Stimme genau kennt; ich weiß um die Klangfarben und welche Farbe für welches Repertoire die richtige ist.

Mit Muti hören lernen

Feuilletonscout: Was zeichnet Ihrer Meinung nach Riccardo Muti in Bezug auf Verdis Requiem besonders aus?Iwona Sobotka: Was nun Ihre Frage zu Muti und diesem unglaublichen Verdi-Erlebnis betrifft: Das ist das Ergebnis meiner langjährigen Erfahrung. Ich kann mich auf eine Weise ausdrücken, die große Tiefe besitzt, weil ich immer nach diesen Klangfarben, nach Schönheit, nach der Musik und nach Ausdruckskraft auf der Bühne gesucht habe. Ich habe mich an so vielen verschiedenen Stilen, Komponisten und Gesangstechniken versucht – denn das deutsche Repertoire verlangt ganz andere Dinge als das italienische oder französische. Dank dieser vielfältigen Erfahrungen fühle ich mich nun bestens gerüstet für die Zusammenarbeit mit einem Künstler wie Riccardo Muti. Er setzt genau diese Erfahrung und dieses Bewusstsein für die Stimme und das Musizieren voraus. Ich glaube also, dass ich hier am richtigen Ort bin und mit den richtigen Menschen zusammenarbeite.

Feuilletonscout: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern und dem Chor der Konzertvereinigung Wiener Staatsoper?
Iwona Sobotka: Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich klanglich mit den Wiener Philharmonikern mithalten kann – sie hören sehr genau zu. Für mich fühlte es sich wie Kammermusik an, selbst mit diesem riesigen Chor und Orchester; es war eine sehr intime Aufführung. Und natürlich Maestro Muti: Er verlangt wirklich das Allerbeste von einem. Er kennt die Musik so genau und erfüllt sie mit seinem Herzen; er hat genau im Ohr, was er von einem erwartet. Es ist also auch eine große Verantwortung, aber ich bin sehr dankbar für meinen bisherigen Weg, für das umfangreiche Repertoire, das ich singen durfte, und für all diese Erfahrungen. Viele fragen mich: „Wie ist es, mit Muti zu arbeiten?“ Sie sind oft nervös deswegen. Aber als Musiker ist man nicht nervös: Wenn man die Musik liebt, sie versteht und mit Leidenschaft singt, dann mag Muti einen – so einfach ist das. Er ist fünfundachtzig Jahre alt und brennt immer noch für die Qualität der Musik. Er besitzt zudem eine Gabe, die nur wenige Dirigenten haben: Er kann einen dazu bringen, wirklich das Beste aus sich herauszuholen. Das ist unglaublich. Wenn er merkt, dass man die Musik spürt und ein echter Musiker ist, dem er vertrauen kann, dann gibt er einem den nötigen Freiraum – man kann sich dann ganz frei entfalten.

Im Raum des Gebets

Feuilletonscout: Wie erleben Sie Ihre Rolle?
Iwona Sobotka: Es war für mich eine zutiefst bewegende Erfahrung. Selbst noch nach meiner letzten Arie, dem „Libera me“ – wenn wir uns verbeugen –, bin ich im Geiste noch in einer ganz anderen Welt; denn sie entführt einen in eine andere Sphäre. Auch für das Publikum fühlt es sich an, als würde etwas Metaphysisches geschehen. Das ist einfach unglaublich, denn es ist das Beste, was Musik bewirken kann: diese Verwandlung, diese unglaubliche Reise, auf die er einen mitnimmt. Das ist das Schönste, das großartigste Erlebnis – all die Jahre des Studiums haben sich gelohnt, um genau dieses wunderbare Musizieren erleben zu dürfen. Für mich als Künstlerin ist das von tiefer Bedeutung, aber auch als Mensch – für mein spirituelles Wachstum und mein Selbstverständnis. Dieses Gebet, dieses Alleinsein auf der Bühne während des „Libera me“ – es ist eine sehr persönliche Arie –, doch sie schafft Klangfarben, die einen wirklich verwandeln; genau darin liegt die Schönheit der Musik.

Feuilletonscout: Und was bedeutet es für Sie, erneut mit Riccardo Muti zusammenzuarbeiten, mit dem Sie 2024 in Paris in derselben Rolle große Erfolge gefeiert haben?
Iwona Sobotka: Es ist immer anders; selbst bei den Proben haben wir völlig andere Musik gemacht. Die Inspiration, die er vermittelt, und die Art, wie er einen dazu bringt, nach der Bedeutung in der Welt zu suchen – nach der Musik, nach dem Sinn, nach den eigenen Emotionen im Inneren, genau das macht es so anspruchsvoll. Man muss wirklich hochkonzentriert sein und sich ganz auf die eigenen Gefühle fokussieren. Er merkt sofort, wenn etwas nicht authentisch ist – wenn man etwas spielt, das nicht stimmt, und er sagt dann: „Nein, nein, das ist nicht das, was ich will.“ Die Zusammenarbeit mit ihm ist wirklich unglaublich, ebenso wie die Arbeit bei den Salzburger Festspielen.

Feuilletonscout: Festspielstadt Salzburg: Was verbinden Sie damit?
Iwona Sobotka: Salzburg ist ein historischer Ort; ich habe so viele Geschichten darüber gehört, dass Künstler wie Karajan hier waren. Es ranken sich Legenden um die Qualität der Musik, die hier gespielt wird, und um die Stars, die hier auftreten. Für mich fühlt es sich wie ein „Olymp der Musik“ an, denn der Ort blickt auf eine lange Tradition zurück, die sich über sehr lange Zeit kaum verändert hat. Das ist absolut großartig, denn man spürt förmlich die Bedeutung der Musik an diesem Ort und erlebt, wie die Menschen sie zelebrieren – wie sie sich schick machen, sich vorbereiten und sich informieren; sie sind einfach unglaublich gebildet, und genau das macht diesen Ort so einzigartig und besonders, denke ich.

Keine Antwort

Feuilletonscout: Riccardo Muti ist für einen präzisen und textorientierten Ansatz bekannt. Entspricht das Ihrer Vorstellung einer idealen Zusammenarbeit?
Iwona Sobotka: Ich glaube, ja, er ist sehr stark auf den Text fokussiert, aber eben auch auf die musikalische Gestaltung dieses Textes. Er verbindet diese beiden Aspekte: Er weiß ganz genau, wie die Phrasierung verlaufen muss, aber auch, wie er den Worten echte Aussagekraft verleihen kann – gerade auch in dem Werk.

Er wollte nicht – obwohl es ein überaus dramatisches Werk ist –, dass es wie eine Oper gesungen wird, also mit voller Stimme und unter lautstarkem Ausdruck aller Emotionen. Er wollte vielmehr, dass man betet; und wenn man betet, dann ruft man nicht einfach nur lautstark Forderungen heraus. Man betet zu Gott, man hegt Wünsche, man hofft auf dies oder jenes – man ist ganz in diesem Gefühl versunken. Man spürt die Emotionen, während man sich fragt: Wird mein Wunsch erfüllt? Erhalte ich eine Antwort von Gott? Werde ich Erlösung finden – sei es im vergangenen oder im künftigen Leben? Befreit er mich von all diesem Schmerz und Leid? Und dann ist da diese Stille; in der Musik hört man so viele Pausen vor der Antwort – doch es kommt keine Antwort. Wir lauschen der Musik und fragen uns: Bekommen wir die Antwort? Aber nein, es gibt keine Antwort – nur dieses „Dies irae“. Ich glaube, er hat ein tiefes Verständnis für diese Art von Musik und ein außergewöhnliches Gespür für all die Details – selbst für kleinste Akzente und deren Bedeutung. Das ist einfach unglaublich, wie er mit all diesen Elementen spielt. Natürlich sind die Worte sehr wichtig.

Ich würde sagen: Es geht nicht nur um den Text. Ich glaube, er weiß ganz genau, wie es gemacht werden muss. Er hat eine ganz bestimmte Vorstellung von dem Tonfall, der Art und Weise, wie man das angehen muss. Und das stellt hohe Anforderungen, denn man muss wirklich wissen, wie man mit der eigenen Stimme arbeiten muss, um das zu erreichen. Deshalb ist er auch so anspruchsvoll gegenüber allen Sängern – weil er genau weiß, was er will. Wenn man nicht über die nötige Erfahrung verfügt und nicht selbst nach genau diesen Dingen sucht – nach den Klangfarben, der Qualität, der Bedeutung –, dann wird die Zusammenarbeit mit Maestro Muti nicht funktionieren; denn genau das ist es, was er beim Musizieren verlangt. Das zeigte sich auch bei den Proben, die wir mit den Wiener Philharmonikern erlebt haben: Auch vom Orchester verlangt er eine ganz bestimmte Klangfarbe, eine Qualität, die fast etwas Gebethaftes hat.

Und er erklärt, dass es weder zu schnell noch zu langsam sein darf – es muss genau dazwischenliegen. Man muss also immer darauf achten; man darf es nicht einfach so spielen, wie es einem gerade in den Sinn kommt – so funktioniert das nicht. Oft hört man Interpretationen, bei denen das missachtet wird, weil nicht jeder die Partitur wirklich durchdringt – das passiert sogar großen Dirigenten. Deshalb war es für mich eine so tiefgründige Erfahrung.

Feuilletonscout: Die Sopranpartie in Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ ist die dramatische und emotionale Hauptstimme des Solistenquartetts. Ihre Rolle verlangt ein Höchstmaß an technischer und emotionaler Wandlungsfähigkeit. Sie fungieren als Fürsprecherin der Seelen, die zwischen Todesangst, flehentlichem Bitten und der Hoffnung auf Erlösung schwanken. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um, besonders mit dem „Libera me“ im 7. und letzten Teil des Requiems?
Iwona Sobotka: Sie hat wirklich aufgegeben, jede Hoffnung verloren. Sie schrie, tobte und betete. Sie versuchte alles, und der letzte Teil ist geprägt von der Haltung: „Was auch immer kommen mag, es wird kommen.“ Es hat also etwas sehr Opernhaftes– man muss das so sagen, denn es ist wirklich im Stil einer Oper komponiert, und doch ist es ein Gebet. Genau das macht es so unglaublich: Es vereint all diese Emotionen in sich. Und dieses letzte „Libera me“ – es ist schlichtweg ein Meisterwerk. Es ist bekannt, dass Verdi es für die Sopranistin Teresa Stolz schrieb; man sagt sogar, die beiden seien ein Liebespaar gewesen. Ursprünglich wollte er das Requiem mit dem Bass beenden, doch sie sagte: „Nein, nein, Giuseppe, du musst es so zu Ende bringen“ – und so schrieb er diese Arie für sie. Es ist der schönste, absolut schönste Teil des gesamten Requiems. Ich will damit nicht sagen, dass die anderen Teile weniger eindrucksvoll wären, aber dieses Stück deckt die gesamte emotionale Bandbreite ab: Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, Gebet – alles ist darin enthalten. Als letzte Arie erzählt sie von der menschlichen Fähigkeit zu empfinden und davon, wie hoffnungslos wir uns in dieser Welt bisweilen fühlen.

Denn wir bekommen nie die Antwort. Wir wissen es erst, wenn wir sterben und erfahren, was danach geschieht. Ob es noch etwas anderes gibt oder ob da nichts ist – ob es ein weiteres Leben gibt oder ob dies das Ende ist. Genau das ist das Schönste daran. Und ich liebe es einfach, dieses Lied zu singen, weil ich meine Stimme dabei voll entfalten kann.

Die Last des Unterwegsseins

Feuilletonscout: Sopranpartien können unglaublich anspruchsvoll sein. Wie bereiten Sie Ihre Stimme vor und bewahren sich Ihre Ausdauer während der intensiven Festspielsaison?
Iwona Sobotka: Man muss immer bedenken, dass wir auch nur Menschen sind. Manchmal wird man müde, weil es viele Proben gibt; man braucht Ruhe und muss auf die Stimme und andere Dinge achten – das ist sehr anspruchsvoll. Aber als erfahrene Künstlerin weiß man, was man braucht: mehr Schlaf, mehr Ruhe, Dehnübungen oder bestimmte Vorbereitungen – jeder hat seinen eigenen Plan für den Tag des Auftritts. Wenn ich an aufeinanderfolgenden Tagen singe, versuche ich an den dazwischenliegenden Tagen, mich so gut wie möglich auszuruhen. Die Partie der Verdi-Heldin ist sehr anstrengend und erfordert eine ganz unterschiedliche Herangehensweise an die Stimme zu Beginn und am Ende des Werks. Ich muss mir meine Kräfte für das gesamte Konzert einteilen, um auch am Schluss noch singen zu können. I

ch erinnere mich an eine Aufführung von Verdi in Barcelona, im Palau de la Música Catalana; ich war gerade erst Mutter geworden und stillte noch. Die zweite Aufführung fand nach einer schlaflosen Nacht statt – meine Tochter bekam Zähne. Das war das einzige Mal, dass ich auf die Bühne ging und nicht wusste, ob ich bis zum Ende des Stücks durchhalten würde. In Spanien beginnen Konzerte ja meist recht spät, um 21 Uhr, und an diesem Tag fragte ich mich ernsthaft, ob ich das schaffen würde. Ich sagte mir: Ich lege alles in Gottes Hand. Es war also mein ganz persönliches Gebet an Gott: Bitte hilf mir, das alles zu überstehen. Normalerweise lässt sich der Alltag ja organisieren, aber Mutter und Opernsängerin zugleich zu sein, fordert einem bisweilen mehr ab, als man zunächst ahnt. Ich erzähle diese Geschichte, weil sie so menschlich ist; wir stecken alle mittendrin und kennen diese Erfahrungen – gerade als Sängerinnen bleiben uns die Erinnerungen an jene Zeiten besonders lebendig im Gedächtnis. Wenn man es erst einmal geschafft hat, in diesem Beruf Mutter zu sein, dann ist man eigentlich eine Superfrau, die unglaublich viel bewältigen kann. Ich bin daher auch zutiefst dankbar für diese Erfahrung – Mutter zu werden und mich dieser bisweilen schwierigen Herausforderung zu stellen. Sie hat mir gezeigt, dass man es schaffen kann, selbst wenn man erschöpft ist – und das ist eigentlich etwas Wunderbares.

Iwona Sobotka Salzburger Festspiele 2026 Schlussapplaus
Foto: Irma Hoffmann

Feuilletonscout: Wie bewältigen Sie die Belastung ständiger internationaler Reisen und Auftritte in verschiedenen Städten alle paar Wochen?
Iwona Sobotka: Das ist der schwierigste Teil unseres Berufs: das ständige Reisen, das Buchen von Flügen und Hotels, die Arbeit mit Buchungssystemen – das ist es, was einen wirklich ermüden kann. Wenn man erst einmal auf der Bühne steht, denkt man natürlich nicht mehr an diese Dinge; aber um dorthin zu gelangen, muss man eben das Hotel und den Flug organisieren und die Proben absolvieren. Der eigentliche Auftritt ist da nur ein kleiner Teil des Ganzen. Der Großteil der Arbeit besteht in der Organisation und der Vorbereitung neuer Rollen. Das alles braucht Zeit und ist sehr anspruchsvoll – besonders in unserer schnelllebigen Zeit, in der wir innerhalb weniger Stunden von Tokio nach New York reisen können.

Manches davon ist sehr anstrengend, besonders für die Sänger – sie werden ja auch älter, und es ist wirklich ermüdend. Zu Zeiten einer Callas zum Beispiel hat man nicht so viel gearbeitet wie heute; die Vorbereitung war gründlicher. Auch was die Stimmhygiene angeht – wie man die Stimme klar und frisch hält –, darüber machen wir uns heute oft zu wenig Gedanken. Der Sänger muss gute Rahmenbedingungen haben und sich gut mit seinem Agenten absprechen können, um solche Dinge zu besprechen. Man muss sagen können: „Ich brauche zwischen diesen beiden Auftritten zwei Wochen Pause, weil ich mich ausruhen, in den Urlaub fahren oder Zeit mit meiner Familie verbringen möchte.“ Das ist auch ein großes Opfer, das wir bringen: Wir haben zwar eine Familie, sind aber ständig unterwegs. Das sind die Schattenseiten unserer Karriere, die Opfer, die uns viel Kraft kosten. Schließlich kehrt man nach der Vorstellung in ein leeres Hotelzimmer zurück, obwohl man die Erlebnisse vielleicht lieber mit seinen Liebsten teilen würde. Aber jeder Beruf hat seine Nachteile; Arzt zu sein ist zum Beispiel auch sehr fordernd – man wird ständig zu Notfällen gerufen. Selbst wenn Sie mit ihren Kindern in einer Wohnung leben, sind Sie oft nicht da, weil sie so viel zu tun haben. Ich versuche meiner Tochter das immer zu erklären, damit sie nicht das Gefühl hat, ich würde sie zurückweisen, nur weil ich Karriere mache. Aber so läuft das nun mal. Es ist eine Verpflichtung, der wir nachkommen müssen, und ja, wir zahlen einen Preis dafür – nämlich mit der Zeit, die wir nicht gemeinsam verbringen können. Deshalb fand ich es toll, als ich im Sommer nach Salzburg eingeladen wurde, meine Tochter mitzunehmen. So konnten wir Zeit miteinander verbringen, und ich konnte ihr zeigen, welche Qualität die Musik und die Atmosphäre haben und mit welch großartigen Künstlern ich dort auftrete. Das ist nicht nur wertvolle gemeinsame Zeit, sondern auch eine Bereicherung für ihre Zukunft. Ich freue mich also sehr, hier bei ihr sein zu können.

Feuilletonscout: Gibt es bestimmte Rollen, von denen Sie träumen?
Iwona Sobotka: Seit 2022 habe ich ungefähr 19 neue Rollen uraufgeführt, so um die 20. Ich war also in diesen vier Jahren ziemlich beschäftigt und habe hauptsächlich Verdi- und Puccini-Rollen uraufgeführt, weil sich meine Stimme verändert hat. Es gibt ein paar Rollen, die ich noch nicht gesungen habe, aber die sind für mich nicht unbedingt notwendig. Ich will ja keinen Guinness-Weltrekord im Rollenlernen aufstellen, wir sind ja keine Sportler, aber es gibt ein paar Rollen, die ich noch nicht uraufgeführt habe. Und ich würde zum Beispiel sehr gerne in Verdis Macbeth, oder in Nielsens Maskarade singen und noch in einigen anderen.

Feuilletonscout: Gibt es gerade Veränderungen in Bezug auf Ihre Engagements?
Iwona Sobotka: Ja, ich wechsle gerade langsam von Verdi und Puccini zu Wagner und Strauss – und jetzt zunehmend zu den Arien von Strauss –, weil ich von Richard Strauss absolut begeistert bin. Er liebte Sopranistinnen, und die Art, wie er für sie schreibt, empfinde ich als zutiefst persönlich. Ich verstehe wirklich, worauf es ihm ankommt, etwa bei der Phrasierung. Ich durfte auch schon die Marschallin im „Rosenkavalier“ singen. Das war eine großartige Erfahrung für mich, vor allem wegen der Tiefe der Rolle – nicht nur musikalisch, sondern auch im Hinblick auf den Text, auf das, was sie sagt. Sie ist eine wirklich intelligente Frau; wenn man sie zum Beispiel mit Tosca vergleicht – Tosca ist ja eher eine exzentrische Künstlerin, irgendwie leichtlebig –, da ist die Marschallin ganz anders. Sie war für ihr Alter so unglaublich intelligent und reif; sie wusste genau Bescheid –, sie hatte wirklich zu sich selbst gefunden und begriff das Leben in seiner ganzen Tiefe. Es war eine wunderbare Erfahrung für mich, diese Partie zu singen. Denn wenn wir singen, werden wir für einen kurzen Moment zu der Künstlerin, zu der Rolle, die wir verkörpern – wir verschmelzen regelrecht mit ihr. Ich empfand großen Respekt vor dieser Persönlichkeit, denn sie vermittelte mir ein tiefes psychologisches und philosophisches Verständnis des Lebens. Sie regte mich dazu an, über meine eigene Haltung nachzudenken und darüber, wie ich dem Publikum das nahebringen kann, was sie zum Ausdruck bringt. Es war also eine großartige Erfahrung.

Ich weiß, dass Strauss als Komponist sehr tiefgründig ist, und ich würde liebend gerne Strauss singen – aber natürlich mit der nötigen Zeit; ich möchte nicht alle diese Rollen innerhalb von zwei Jahren bewältigen. Schritt für Schritt – ich habe mittlerweile so viele Rollen erstmals gesungen, und ich möchte zu ihnen zurückkehren, sie erneut singen und noch tiefer in sie eintauchen. Denn jedes Mal, wenn man eine Rolle wiederholt, lernt man mehr darüber und entdeckt sich selbst, seine Stimme und die Figur in einer neuen Inszenierung immer wieder neu. Genau das macht den Reiz dieser Arbeit aus. Ich genieße es sehr, mich selbst neu zu entdecken, selbst in einem Repertoire, das ich bereits kenne. Es ist faszinierend, dass es jedes Mal anders sein kann. Die Musik ist so lebendig, sie wandelt sich ständig – so ist das eben bei Live-Musik. Deshalb lieben wir sie so sehr. Selbst wenn man Karten für Mutis Requiem kauft: Wir geben drei Konzerte, und jedes einzelne ist völlig anders. Das ist das Wunderbare an der Musik, die mir so viel Freude bereitet: Man weiß nie, was einen erwartet.

Feuilletonscout: Ich danke Ihnen sehr für Ihre Zeit und dafür, dass Sie Ihre wunderbaren Erkenntnisse mit uns geteilt haben.
Iwona Sobotka: Vielen Dank. Es ist mir ebenfalls eine Freude.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Das Wichtigste in Kürze

  • Intimes Musizieren mit Wiener Philharmonikern und Chor
  • Mutis Requiem als Gebet, nicht als Oper
  • Sobotkas „Libera me“ zwischen Hoffnung und Stille
     

Iwona Sobotka on Verdi, Muti and prayer

On 15 August, Iwona Sobotka made her Salzburg Festival debut as soloist in Giuseppe Verdi’s Messa da Requiem, performing with the Vienna Philharmonic, the Concert Association Vienna State Opera Choir and Riccardo Muti at the Großes Festspielhaus.

In conversation, the Polish soprano describes Salzburg as a place where the significance of music can be felt everywhere. Her own career, she says, has changed fundamentally since winning the Grand Prix at the Queen Elisabeth International Music Competition in 2004. From coloratura soprano, her path has led through lyric repertoire to Wagner, Verdi and Puccini.

Sobotka regards working with Riccardo Muti as an artistic challenge of exceptional precision. Muti, she says, does not ask for operatic emphasis, but for singing that honours the character of prayer. In the Libera me especially, she finds the tension between fear, hope, supplication and the absence of an answer.

Despite its large forces, she experienced the performance with the Vienna Philharmonic and choir as intimate, almost chamber-like. Sobotka also speaks of the demands of a singer’s life: travel, rehearsals, caring for the voice, and reconciling professional commitments with family life. Looking ahead, she hopes to devote herself increasingly to Wagner and Richard Strauss—step by step, with time to return to roles and explore them more deeply.

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