Die zusammengeraffte Sopranistin und der energetische Kapellmeister erwecken im Eröffnungskonzert beim Festival Barocco Alessandro Stradella mit dem nur aus Solisten bestehenden Ensemble Mare Nostrum musikwissenschaftlich scharf herausgearbeitete Arien, Szenen und Instrumentalsätze des Bologneser Großmeisters der Barockmusik zum Leben. Von Stephan Reimertz
Silvia Frigato und Andrea De Carlo
Silvia Frigato ist eine Sopranistin von frappanter Konzentration und Zusammengerafftheit. Als eine der bekanntesten Stimmen der italienischen Barockszene arbeitet sie regelmäßig mit Kapellmeistern wie John Eliot Gardiner, Sigiswald Kuijken, Ottavio Dantone oder, wie jetzt beim Eröffnungskonzert in Viterbo, mit dem energetischen Andrea De Carlo zusammen, Direktor des Barockfestivals »Alessandro Stradella«. Der enorm dynamische, wie ein moderner Hexenmeister wirkende Kapellmeister, sein musikwissenschaftliches Team und das Ensemble Mare Nostrum haben eine Vision und ein Ziel: Sie wollen dem norditalienischen Komponisten Alessandro Stradella (1643 – 1682), der auch als Sänger und Violinist wirkte, sehr erfolgreiche Opern, unzählige Kantaten und instrumentelle Werke schrieb, und der heute unter Barockmusikliebhabern höchstes Ansehen genießt, auch im breiten Publikum wieder einen Platz unter den Großen Meistern verschaffen.
Alessandro Stradella: Ein Komponist kehrt zurück
Die wichtigste Voraussetzung dafür dürfte der Komponist Stradella, Spross einer adeligen toskanischen Familie, dessen abenteuerliches Leben zwischen Bologna, Venedig, Rom und Genua an Da Ponte, Casanova oder Beaumarchais erinnert, in der Tat mitgebracht haben: Er verfügte über eine tiefe spirituell-musikalische Versenkung in die menschliche Stimme. Wie er dieses schönste unter den Instrumenten behandelt und welche Möglichkeiten ihm als Komponisten dabei zur Verfügung stehen, dies demonstrierte die Sopranistin Silvia Frigato beim Eröffnungskonzert in Viterbo in vielen Abschattierungen. Die charismatische Sängerin, die man aus ihren regelmäßigen Auftritten in der Fenice kennt, zeigte sich wiederum als vollkommene Silberschmiedin ihrer eigenen Stimme, als eine Künstlerin, die ihre eigenen Möglichkeiten und Stärken ganz genau einschätzen und einsetzen kann. Im Vortrag des sogenannten »Orrogoni Songbook« gebot Frigato neben einem überragenden Sinn für die musikalische Struktur und vorbildlicher Textverständlichkeit über haargenau jene Verbindung von rhetorisch-dramatischer Ausgestaltung und eindringlicher Gesangsschönheit (makellose Reinheit in den hohen Lagen, zuverlässige Präzision, atmende Natürlichkeit), die diese im Nachhinein zusammengestellte Anthologie so signifikant für das Werk Stradellas erscheinen lässt.
Ein imaginäres Liederbuch
Da werden eine Menge Liebensgeschichten erzählt, »wenig Blätter Freuden, Ganze Hefte Leiden«, um mit Goethe zu sprechen, der das Buch der Liebe »Wunderlichstes Buch der Bücher« nennt. Beim »Orrigoni Songbook«, das mit Frigato, Andrea De Carlo und dem Ensemble Mare Nostrum auch als CD vorliegt, handelt es sich um ein von dem wissenschaftlich-musikalischen Team sorgsam zusammengestelltes imaginäres Liederbuch des Marc’Antonio Orrigoni. Dieser Kastrat galt als »engelsgleicher« Sänger. Daher tragen CD und Konzert mit einer Auswahl jener Arien, die Alessandro Stradella für ihn geschrieben hat, den Untertitel »Un Angelo in Paradiso«.
Prächtiger Barock
Diese musikalische Sphäre versetzt uns in prächtige Opernhäuser und Palazzi des norditalienischen Barocks, allein die Tradition der Liebesklage, die diese Kompositionen durchwaltet, ist sehr viel älter. Zu greifen ist das musikalisch-deklamatorische Erbe Monteverdis, nicht allein aus den Opern, sondern auch aus den Madrigalbüchern. Freilich, es handelt sich um eine andere musikalische Epoche, einen anderen Stil. Doch die Würde und Noblesse durchlittenen Liebesleids offenbart den Einfluss von Textdichtern wie Petrarca, Tasso, Guarini und Rinucci bei Monteverdi, Orsini, Bottalino, Zeno oder jener zahlreichen Unbekannten, auf deren Texte Stradella zurückgriff. Hier wie dort dichtet die Musik den Text weiter und erweist sich als Erfüllungsgehilfin jener verborgenen Absichten, die in den Dichtungen schon beschlossen liegen.
Die Stimme als Silberschmiedin
Es ist schon erstaunlich, wenn der Name eines Kastraten aus dem siebzehnten Jahrhundert heute noch bekannt ist, wo doch die Nachwelt dem Sänger, ganz wie dem Mimen, keine Kränze flicht, wenn sein Wirken vor der Zeit der technischen Aufzeichnungssysteme liegt. Da Kastraten heute selten geworden und eher im intellektuellen als im physischen Sinne zu finden sind, behilft man sich mit Countertenören, Altstimmen, oder, wie im Falle von Silvia Frigato, mit einem außergewöhnlich durchgebildeten und intelligenten Sopran.
Das fiktive »Orrigoni Songbook« ist eine liebevolle und dramaturgisch sinnvolle Zusammenstellung von Kostbarkeiten aus Stradellas Werk. Hören Sie als Beispiel hier die Arie Sorte Crudele in derselben Besetzung aus einer ein paar Monate älteren Aufnahme.
Die Stärke und Sicherheit Frigatos selbst in den Höhen ist ebenso leicht nachzuvollziehen wie der zugleich narrative und liedhafte Charakter dieser Art von Arie. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem dramma per musica Le garre dell’amor eroico von Stradella, das 1679 im Teatro Falcone in Genua uraufgeführt wurde. Andere Stücke aus dem Songbook entstammen etwa Stradellas Susanna, 1681 in Modena aus der Taufe gehoben oder dem Scipione Africano, den Stradella zusammen mit Francesco Cavalli schuf und der 1671 in Rom das Licht der Welt erblickte.
Alessandro Stradella: Mit Grandezza und Präzision
Andrea De Carlo, heute als führender Experte für die Musik von Alessandro Stradella anerkannt, Ensemble- und Festivalleiter, dirigierte mit Grandezza und Präzision. Der Gambist stammt aus Rom und begann seine musikalische Laufbahn als Jazz-Kontrabassist. Parallel absolvierte er ein Physikstudium an der Universität »La Sapienza«. Später spielte er in führenden Positionen bei den Orchestern des Teatro Massimo Palermo, der Orchestra Regionale Toscana und der Orchestra Regionale del Lazio.
Preisgekrönt: Ensemble Mare Nostrum
2005 gründete er das Ensemble Mare Nostrum, das sich bald einem größeren vokal-instrumentalen Barockrepertoire öffnete, insbesondere der römischen Musik und Stradellas Werk. Mit dem Ensemble realisierte er zahlreiche preisgekrönte Aufnahmen, wie etwa La Doriclea, für das er mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik prämiert wurde. Er dirigierte zudem orchestral bedeutende Produktionen: Ab 2018 etwa mit der Philharmonica Arturo Toscanini Parma oder dem Teatro Carlo Felice in Genua; darunter Opern und Oratorien Stradellas sowie Konzerte mit Werken von Händel, Rameau, Mozart und Corelli. 2023 eröffnete De Carlo mit dem Ensemble I Cameristi della Scala in Genova die Spielzeit mit einer Serenata von Stradella. Wenn er und sein Team so weitermachen, liegt ihr Ziel, Alessandro Stradella als einen der ganz Großen im Bewusstsein auch des breiten Publikums zu etablieren, nicht mehr fern.
Ein Raum wie ein Resonanzkörper
Der fast tausend Jahre alte archaische, dabei großflächig ausgestaltete Kirchenraum von Santa Maria Nuova in Viterbo trug entscheidend zu dem eindringlichen Erlebnis des Eröffnungskonzerts bei. Und angesichts der dramatisch und konzentriert vortragenden Silvia Frigato wurde man beim Zuhören so etwas wie ein Gefangener ihres hypnotischen Blickes und ihrer zwingenden Agogik. Sie ist ein moderner Typus, den man sich als Darstellerin durchaus auch in einem Kriminalfilm vorstellen kann. Im Laufe der Tour d’horizon durch Alessandro Stradellas Werk freilich zeigte sie neben dramatischen auch weiche und sensible Seiten und erwies sich insbesondere in den Liebesklagen der Susanna als einfühlsame Interpretin einer beispiellos feinnervigen Musik.
So fiel es uns Zuhörern leicht, nachzufühlen, was die Sängerin und Musikwissenschaftlerin Lucia Adelaide Di Nicola über den Komponisten schreibt: »Wie eine Ewige Wiederkehr erneuert sich Stradella stets aufs Neue, ohne die Vergangenheit preiszugeben und erschafft in der Ferne eine Klanglandschaft, die an eine Welt erinnert, die niemals vergessen, aber allzu früh verloren wurde.«
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| Festival Barocco Alessandro Stradella | Direktor Andrea De Carlo |
| Viterbo/Latium, Italien | 30. August bis 28. September 2025 |
Was das Barockfestival Viterbo 2025 so besonders macht:
- Stradellas Arien in szenischer Tiefe
- Frigatos Stimme als rhetorisches Instrument
- Historischer Kirchenraum als Klangraum
Alessandro Stradella in Viterbo: Sound of Love’s Lament
At the Baroque Festival in Viterbo, Alessandro Stradella was rediscovered through the Ensemble Mare Nostrum. Soprano Silvia Frigato, performing the imaginary “Orrigoni Songbook,” demonstrated how Stradella treated the human voice as a spiritual medium. Known from La Fenice, Frigato impressed with flawless high notes, dramatic precision, and musical clarity. Andrea De Carlo, festival director and Stradella expert, conducted with grandeur.
With grandeur and precision
The ensemble presented arias from works such as “Susanna,” “Scipione Africano,” and “Le garre dell’amor eroico.” The performance took place in the Romanesque church Santa Maria Nuova, whose architecture amplified the musical experience. Stradella’s music, influenced by Monteverdi and poets like Petrarch and Tasso, unfolded as a soundscape bridging past and present. The CD “Un Angelo in Paradiso” complements the concert. Frigato emerged as a modern interpreter of baroque lament, her hypnotic presence captivating the audience. Her voice replaces the historical castrato Marc’Antonio Orrigoni with intelligence and expressiveness. The festival proves: Stradella deserves recognition among the great composers.


