Von Barbara Röder.
Was für ein Wochenende. Der Busfahrer stöhnt vor Hitze und ist stolz zugleich: Er fährt den Festivalbus hoch zum Hügel, auf dessen Leuchtanzeige erstmals und einzigmal das Festspielhaus blinkt. Der 25. Juli ist für die Bayreuther und für die Festspiele ein ganz besonderer Tag. 2026 ist er dazu noch ein historisch bedeutsamer. Und, ja, dieser Sommer ist anders. Es ist der Bayreuther Jubiläumssommer, der uns über 150 Jahre Bayreuther Festspiele, ihre Geschichte, ihre Verwicklungen und Verstrickungen sinnieren und zugleich über eine neue Orientierung nachdenken lässt. Uns alle, die wir das geniale Œuvre Richard Wagners lieben und es tief in unser kulturelles Bewusstsein, unser musikpoetisches Empfinden und Erleben integriert haben. Man möchte sagen: Wir möchten es nicht missen – so wenig wie das tägliche Brot und Wasser. Zäsuren, Wendepunkte und historische Neuanfänge standen diesmal am 25. und 26. Juli 2026, zu Beginn der diesjährigen Bayreuther Festspiele, auf der Agenda.
Ein Hügel im Ausnahmezustand
Ein Festakt und die Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ zum 150-jährigen Bestehen der weltweit gefeierten Bayreuther Festspiele in der sommerlichen Wagner-Kulturmetropole Bayreuth
Bundeskanzler Friedrich Merz zitierte zum Auftakt der Feierstunde einen der ganz großen Dichter und Denker, den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Dieser hatte in seinem berühmten Vortrag zum 50. Todestag Richard Wagners im Audimax der Münchner Universität gesagt: „Was ich [Richard Wagner] als Genießender und Lernender verdanke, kann ich nie vergessen, nie die Stunden tiefen, einsamen Glückes inmitten der Theatermenge, Stunden voll von Schauern und Wonnen der Nerven und des Intellekts, von Einblicken in rührende und große Bedeutsamkeiten, wie eben nur diese Kunst sie gewährt.“ In diesem Sinne sei „Genießen, aber nicht ohne Misstrauen“ empfohlen. Denn Merz bekräftigte: „Wir waren eine Kulturnation, lange bevor wir eine politische Nation wurden.“
Auch der bayerische Ministerpräsident Dr. Markus Söder ließ es sich nicht nehmen, eine klare Zusage zu geben: „Wir haben entschieden, in Bayreuth noch mehr Geld draufzulegen. Das ist keine Gefälligkeit …“
Festspielleiterin Katharina Wagner sprach sich in ihrer Begrüßungsrede vehement gegen einen Rechtsruck in Politik und Gesellschaft aus. Es heiße, „hier Nein zu sagen“ zu Rassismus, Chauvinismus und einer Verharmlosung der Geschichte. Das 150-jährige Jubiläum sei für sie „weit mehr als ein Anlass zu feiern“. Entscheidend sei es, „die Tradition ernst zu nehmen, ohne sie zu verklären“ – „damit die Zukunft nicht erneut in der Finsternis der Vergangenheit endet“.
In ihrem sehr bewegenden Festvortrag sprach Nike Wagner, die Urenkelin des Komponisten, die auf Einladung ihrer Cousine Katharina an diesem Abend zu Gast war, über die besondere Atmosphäre des Bayreuther Festspielhauses. Man sei als Festivalgast, als Zuschauer und Zuhörer in diesem Raum „einkomponiert ins Wagnersche Kunst-Ritual. Wer hier Platz nimmt, sitzt mit all denen, die hier schon gesessen haben, gleichsam in einem Boot, in einer Zeit-Raum-Kapsel.“
Beethovens Schatten
Richard Wagner war Theatermann – mit Haut und Haar, Geist und Seele. Von Ludwig van Beethoven und seinem musikalischen Vermächtnis war er berauscht, besessen und beflügelt. In seinen jungen Jahren in Dresden und Leipzig begann seine Bewunderung für das Bonner Genie. Früh fertigte Wagner Abschriften von Beethovens Werken an. Das war unter Komponisten üblich, um von den alten Meistern zu lernen.
Ludwig van Beethovens Neunte Symphonie gehörte zu Wagners Paradestücken und war für ihn ein „Kunstideal“, dem er drei Schriften widmete. So nimmt es nicht Wunder, dass er nach überwältigenden Aufführungen der Neunte in Dresden, Zürich und London diese Symphonie als musikdramatischen „Glücksbringer“ betrachtete. Am Tag der Feier zur Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses – es war der 22. Mai 1872, Wagners 59. Geburtstag – erklang im Markgräflichen Opernhaus Beethovens Neunte Symphonie. Richard Wagner selbst stand am Pult.
Ein Jahr später wurde Richtfest gefeiert, und Wagner kletterte hoch hinauf, um sein Bayreuther Festspielhaus zu segnen. Der Choral Nun danket alle Gott wurde von einer Militärkapelle gespielt. Es folgten ein Festmahl und ein Feuerwerk. Wagners Schwiegervater Franz Liszt war zugegen. Er hatte sich als Jüngling im Jahr 1823 in Wien nach einem Konzert von Beethoven segnen lassen. Liszt setzte sich als Interpret und Dirigent sehr für Beethovens Werk ein, bearbeitete dessen Symphonien für Klavier und dirigierte den Zyklus aller Klavierkonzerte. Der Geist des Wiener Komponisten Beethoven ist so vielleicht eng mit Bayreuth verbunden.
Zur ersten Eröffnung der Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg, am 29. Juli 1951, erlebte die junge Bundesrepublik Deutschland mit Beethovens Neunter Symphonie ein legendäres Konzert. Wilhelm Furtwängler dirigierte Teile der Neunten Symphonie. Es gab Radioübertragungen, und Neu-Bayreuth war eröffnet.
Die Neunte als Vermächtnis
Beim Festakt „125 Jahre und jetzt 150 Jahre Bayreuther Festspiele“ beglückte Christian Thielemann am Pult mit dem hervorragend aufspielenden Festivalorchester sein Publikum im Saal und weltweit an den Radiogeräten. Vor den Festreden erklangen zur Eröffnung das Vorspiel aus Die Meistersinger von Nürnberg sowie der Einzug der Gäste aus Tannhäuser.
Die Neunte Symphoni in d-Moll, op. 125 („Ode an die Freude“), eine aus vier hochkomplexen Sätzen bestehende Sinfoniekantate, kann als musikalische Veredelung des Abends angesehen werden. Besonders der langsame dritte Satz, in dem Thielemann die Weiten und Klangfarben verschiedener Pianissimo-Abstufungen auslotete, war von magischer Natur. Im anschließenden vierten Satz erhebt sich aus den singenden Celli die Stimme des Basses mit den Worten: „O Freunde, nicht diese Töne!“ Dunkel und edel gestaltet Georg Zeppenfeld diese tönende Ermahnung. In herbem, freudvollem Einklang intonieren Elza van den Heever (Sopran), Christa Mayer (Alt) und der satte, wohlige Tenor von Klaus Florian Vogt. Im großen Finale und dem komplex verwobenen Schluss brillieren der Chor der Bayreuther Festspiele und das gesamte Festspielensemble. Ein denkwürdiges Wochenende, das Hoffnung und Frieden vermittelte und in die Geschichte eingehen wird.
Zum Nachhören bei BR Klassik bis zum 18. September 2026
Das neue Bayreuth
„An diesem Sonntag beginnt das neue Bayreuth“ – Michel Friedman am 26. Juli 2026 im Bayreuther Festspielhaus
Am Vormittag des Folgetages, noch vor der Premiere von Rienzi, der Letzte der Tribunen, war es dann so weit: Die sehr berührende und hochemotionale Gedenkveranstaltung Verstummte Stimmen fand statt.
Zuvor besuchte Michel Friedman in Begleitung von Katharina Wagner die fest installierte Ausstellung Verstummte Stimmen. Sie geht auf eine Initiative des Historikers, Publizisten und Ausstellungsmachers Hannes Heer zurück, der sie 2006 gemeinsam mit Jürgen Kesting und Peter Schmidt erstmals in Hamburg in der Hamburgischen Staatsoper präsentierte. Unter dem Titel Die Vertreibung der ‚Juden‘ aus der Oper 1933 bis 1945 begann damit eine Ausstellungsgeschichte, die über viele Jahre hinweg an bedeutenden Opern- und Kulturinstitutionen fortgeführt wurde.
Es folgten Stationen an der Staatsoper Unter den Linden und im Centrum Judaicum in Berlin sowie 2008 an der Staatsoper Stuttgart und im Haus der Geschichte Baden-Württemberg. 2009 wurde „Verstummte Stimmen im Hessischen Staatstheater und im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt gezeigt. 2011 ging die Ausstellung an die Semperoper und das Staatsschauspiel Dresden. 2012 machte sie schließlich Station im Bayreuther Rathaus und auf dem Festspielhügel – dort ist sie bis heute als Dauerinstallation zu sehen. Auch Hannes Heer, der Initiator der Ausstellung von 2006, war gemeinsam mit seiner Gattin bei diesem denkwürdigen Moment anwesend.
Bei dem anschließenden, historisch bedeutsamen Ereignis, der außerordentlich gut besuchten Gedenkstunde „Verstummte Stimmen im Bayreuther Festspielhaus auf dem Grünen Hügel bekannte der 70-jährige deutsch-französische Publizist Michel Friedman: „An diesem Sonntag beginnt das neue Bayreuth!“
Die besondere Harmonie zwischen Michel Friedman und der künstlerischen Leiterin Katharina Wagner war unübersehbar. Friedman bezeichnete sie voller persönlicher Verbundenheit als „meine Freundin“. Für seine leidenschaftliche, zutiefst persönliche und zugleich unmissverständliche Rede, in der er sich eindringlich zum Humanismus bekannte, erhielt er großen Jubel und langanhaltende Standing Ovations. Wir müssen die Erinnerungen kennen, nur dann können wir daraus lernen“, sagte Friedman aus tiefster Überzeugung. Und er fügte hinzu: „Mein Land, Deutschland, ist eine Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft besteht in Vielfalt, und Vielfalt ist mittlerweile wieder ein Begriff, der sehr angegriffen ist. Diese Gemeinschaft und Vielfalt sind aber die einzige Zukunft.“ Es war ein fulminantes Bekenntnis zu Demokratie, Humanismus und gesellschaftlicher Vielfalt – ein leidenschaftliches Plädoyer, dessen Worte bei den Gästen dieses historischen Zeitereignisses noch lange nachwirken dürften.
Die jetzt schon legendäre Gedenkrede von Michel Friedman wurde umrahmt von Wagners symphonischer Dichtung Siegfried-Idyll für Kammerorchester, die er Cosima zu deren Geburtstag am 24. Dezember 1870 als privates Geburtstags- und Weihnachtsständchen und als Dank für ihren gemeinsamen Sohn Siegfried schenkte. Mit elegisch-huldvoller Verve intonierten Mitglieder des Bayreuther Festspielorchesters unter dem einfühlsamen Dirigat von Semyon Bychkov das Werk. Ebenso tief ergreifend erklang das Bläserquintett op. 10 des tschechisch-jüdischen Komponisten Pavel Haas, der wie viele Künstler seiner Generation zu jenen zählte, die in Theresienstadt zu Tode kamen, sowie das einsätzige Klavierquartett a-Moll von Gustav Mahler. Eine würdige musikalische Umrahmung, für die dem musikalischen Leiter Semyon Bychkov und den Musikern des Festspielorchesters großes Lob für ihre passende Stückauswahl und eindrucksvolle Interpretation gebührt.
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| Festakt 150 Jahre Bayreuther Festspiele | 25. Juli 2026 |
| Chor der Bayreuther Festspiele Orchester der Bayreuther Festspiele | Leitung: Christian Thielemann |
| Solisten | Elza van den Heever, Sopran; Christa Mayer, Alt; Klaus Florian Vogt, Tenor; Georg Zeppenfeld, Bass |
| Richard Wagner | „Die Meistersinger von Nürnberg“, Ouvertüre; „Tannhäuser“, Einzug der Gäste; Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 9 d-Moll |
Das Wichtigste in Kürze
- Beethovens Neunte unter Christian Thielemann
- Michel Friedmans Rede als Wendepunkt
- Bychkovs Kammermusik des Erinnerns
Bayreuther Festspiele (The Bayreuth Festival): Between Sound and Conscience
For the 150th anniversary of the Bayreuth Festival, the Green Hill became a place of celebration, remembrance and renewal on 25 and 26 July 2026. Christian Thielemann conducted the Festival Chorus and Orchestra in Beethoven’s Ninth Symphony, framed by the Prelude to Die Meistersinger von Nürnberg and the Entry of the Guests from Tannhäuser. The slow movement in particular opened a remarkable breadth of sound. Georg Zeppenfeld, Elza van den Heever, Christa Mayer and Klaus Florian Vogt joined chorus and orchestra for the symphony’s great conclusion.
The link between Beethoven and Bayreuth reaches back to Wagner himself, who conducted Beethoven’s Ninth at the laying of the Festspielhaus foundation stone in 1872. The 1951 reopening likewise took place under the sign of this work.
The following morning, the commemorative event Silenced Voices brought the Festival’s historical responsibility into focus. Michel Friedman spoke about memory, democracy and diversity, declaring: “This Sunday marks the beginning of the new Bayreuth.” Members of the Festival Orchestra under Semyon Bychkov framed his address with Wagner’s Siegfried Idyll, Pavel Haas’s Wind Quintet, Op. 10, and Gustav Mahler’s Piano Quartet in A minor. The anniversary weekend joined musical grandeur to the duty not to idealise history, but to learn from it.


