Simon Rattle dirigiert Unter den Linden an Esprit und Gehalt von Janáčeks Mensch-und-Tier-Oper „Das schlaue Füchslein“ vorbei. Ted Huffman tischt eine bunte Inszenierung ohne Tiefgang auf, die teilweise an ein Möbellager erinnert. Ohne die geistigen Grundlagen dieses komplexen Stücks zu verstehen, kann man es aber nicht inszenieren. Von Stephan Reimertz
Ein Märchen als Seinslehre
Das schlaue Füchslein kann man unter philosophischem Blickwinkel als ontologische Oper hören, weil das Werk zentrale Fragen des Seins, der Identität und der Metamorphose behandelt. Die Tiere wachsen, verlieben sich, altern und sterben, wodurch Werden, Sein und Vergehen thematisiert werden. Durch ihre vermenschlichten Handlungen spiegelt die Oper Bewusstsein und Existenz wider. Liebe, Alter und Tod zeigen die Grenzen des Seins auf, die Transformationen der Figuren wirken fast zwingend philosophisch, auch wenn Janáček selbst nicht explizit ontologisch dachte. Unser Begriff ontologische Oper ist also analytisch-philosophisch motiviert: Er legt den Fokus auf die existenziellen Aspekte des Werkes und seine Reflexion über Identität und Lebenszyklen.
Tierzeit gegen Menschenzeit
Vor Leoš Janáček hat noch nie jemand versucht, eine Oper mit einer solch ontologischen Problemstellung zu schreiben. Allenfalls Wagners Ring des Nibelungen greift solche gegensätzlichen Arten des Seins auf, hier von Menschen und Göttern, lässt sie aufeinanderprallen, aneinander scheitern und wieder ihres Weges gehen – und sei es in den Untergang. In Janáčeks Weltmetapher dagegen haben wir es mit dem Nebeneinanderherleben von Menschen- und Tierwelt zu tun. Allein zeitlich lebt diese in einer völlig anderen, viel weiteren Ordnung. Die Opernhandlung beschreibt die schmerzliche und letztendlich vergebliche Berührungsbemühung beider Sphären. Janáčeks orchestrale Naturevokationen sind von subtiler, bestrickender Schönheit und philosophischem Tiefgang.
Symphonischer Schleier
Leider siedeln Kapellmeister Simon Rattle und die Staatskapelle die Oper, die 1925 in Brünn uraufgeführt wurde, weniger, was sinnvoll wäre, in der Nähe von Janáčeks Kammermusik aus der Mitte der Zwanziger Jahre, der Wiener Schule und der Musiktheatermoderne an. Rattle interpretiert die Partitur vielmehr aus dem Geist der Symphonie des späten neunzehnten Jahrhunderts und der Jahrhundertwende, so dass unsere Aufführung oft nach Richard Strauss, gelegentlich auch nach Gustav Mahler klingt. Er nimmt die Musik viel zu summarisch, statt sie feinziseliert aufzufächern und ihre kristalline Durchlässigkeit hören zu lassen. Die hochdifferenzierte Tradition und Diskussion zur Janáček-Interpretation scheint diesen Musikern fremd geblieben zu sein.
Das geht zu Lasten auch der anderen, mehr als reizvollen Tierschilderungen dieser einzigartigen Musik. Frosch, Dackel, Hühner, Hahn, Eule, Specht, Eichelhäher. Natalia Skrycka modelliert ihren kraftvoll gestaltende Stimme im Sinne modernen Musiktheaters, wenn sie sich als Försterin über die gefangenen Füchsin beklagt. Das erste Zusammentreffen von Mensch und Tier schildert die Oper nicht zufällig als Gefangenschaft. Glanzpaar der Produktion sind Vera-Lotte Boecker als Füchslein Schlaukopf und Magdalena Kožená als Fuchs. In dieser Konfrontation wird die Tragödie des Tieres, das sich in die Menschenwelt verirrt, und das ohne den Menschen besser leben würde, die ganze Oper hindurch anschaulich gemacht.
Anthropomorphe Grenzen
Als ein Anthropomorphismus im Sinne von Legenden wie Undine oder dessen slawischer Version Rusalka träumt die Füchsin aber auch hier davon, eine Menschenfrau zu werden. Dackel (Sandra Laagus) und Hahn (Anna Samuil) sorgen für eine gegenläufige satirische Note und geben dem Komponisten reichlich Gelegenheit, von seinem anekdotisch-musikalischen Talent Gebrauch zu machen. Je einfacher organisiert ein Tier, so scheint es, desto weniger erliegt es Träumen, ein Mensch sein zu wollen, desto glücklicher verharrt es in plebeijischem Realismus. Quintessenz der Oper ist die Unmöglichkeit eines Zusammenlebens von Mensch und Tier in Hausgemeinschaft, Freundschaft, schon gar Liebe. Am besten lässt man die Tierwelt in Ruhe und stülpt ihnen keine menschlichen Bedürfnisse über, so erfahren wir und erinnern uns an gleichlautende Plädoyers von Franz Marc, Rilke und anderen Künstlern der Zeit, die versucht haben, sich mit dem Tier zu beschäftigen und ihm wenigstens im Verstehen näherzukommen. Übrigens ist es interessant zu sehen, wie gerade jetzt, da Ökologie und Verhaltensbiologie sich verstärkt des Tiers annehmen – man denke nur an die Neuerscheinung Tierwelt am Limit von Norbert Sachser und Niklas Kästner – Das schlaue Füchslein sich zunehmender Beliebtheit in den Opernhäusern erfreut. Auch ein Phänomen wie die Frankfurter Retrospektive des Tierbildhauers August Gaul im Liebighaus gehört in diesen Zusammenhang.
Koskys Wendepunkt
Dabei ist der Beginn einer angemessenen Aufführungspraxis des Schlauen Füchsleins von Leoš Janáček jüngsten Datums. Erst mit Barrie Koskys Münchner Inszenierung Anfang 2022 wurde diese musikdramatische Kostbarkeit von Fuchschwänzen, Hasenöhrchen und ähnlichem Schnickschnack befreit, der einem Verständnis der Dimensionen des Stücks entgegensteht. Über weite Strecken wurde Das schlaue Füchslein gar als Kinderoper aufgefasst und entsprechend inszeniert und musiziert. Kosky lieferte mit einer abstrahierten und sehr poetischen Version sein Meisterstück als Regisseur und ermöglichte eine Rezeption des Werkes, die erstmals seine poetischen und metaphysischen Qualitäten vollends eröffnete. Er fand einfache und ästhetisch überzeugende Bilder für Janáčeks poetisch-musikalische Seinsdeutung.
Die Berliner Inszenierung von Ted Huffman setzt hingegen auf ein wenig Akrobatik und den Charme von Kinderdarstellern. Sie fällt in schieren Realismus ab, wenn die Försterstube wie ein Möbellager aussieht. Zwar sind Fuchsöhrchen auch hier weggelassen, allein die Visualisierung einer ontologischen Weltmetapher ist nicht ansatzweise gelungen. Man hat wohl das Problem gar nicht gesehen.
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| Das schlaue Füchslein Oper in drei Akten (1924) Musik von Leoš Janáček Text von Leoš Janáček nach der Novelle von Rudolf Těsnohlídek | Musikalische Leitung: Simon Rattle Inszenierung: Ted Huffman |
| Staatsoper Unter den Linden Unter den Linden 7 10117 Berlin | Website Staatsoper Unter den Linden |
„Das schlaue Füchslein“ (‘The Cunning Little Vixen’): Leoš Janáček’s ontological opera
Leoš Janáček’s “The Cunning Little Vixen” can be heard as an ontological opera: an animal fable in which becoming, being and passing away are mirrored between humans and animals. The creatures grow, love, age and die; their anthropomorphic actions reflect consciousness, identity and the limits of existence. Before Janáček, hardly anyone had attempted an operatic project of such philosophical scope; Wagner’s “Ring” suggests itself as a comparison, yet there humans and gods collide, whereas in Janáček human and animal worlds largely live past each other. His orchestral evocations of nature unite subtle observation of sound with metaphysical depth.The Berlin performance under Simon Rattle, however, reads the score through the lens of late-Romantic symphonic writing, so that it often sounds more like Strauss or Mahler than like Janáček. The highly differentiated debate on how to interpret this music remains untapped. Ted Huffman’s staging relies on child performers, some acrobatics and a forester’s room reminiscent of a furniture store, thus missing the opera’s ontological world metaphor. In contrast, Barrie Kosky’s abstract Munich production of 2022 had freed the work from fox tails and children’s-opera clichés and revealed its poetic and metaphysical dimensions; against that backdrop, the Berlin staging appears as a step backwards.



