- Das kentaurische Prinzip
- Mann, Frau, Pferd – die Dreieinigkeit
- Hier geschieht auf zweihundert Seiten unendlich viel
- Philosophisch authentisch statt theoretisch abgeleitet
- Geist aus Bewegung, nicht Buch im Sitzen
- Loretta Würtenberger öffnet uns ihre Bibliothek
- Schwesterbuch von der anderen Seite der Alpen
- Reiten, symbolische und metaphysische Bewegung
- Humanistische Ökologie
- Ein Geschenk für alle
- „Eine Sprache der Liebe“: (“A Language of Love”): Philosophy in the Saddle
Die Dressurreiterin Loretta Würtenberger und ihr Trainer Hubertus Graf Zedtwitz haben ein bedeutendes philosophisches Werk vorgelegt. Dabei wollten sie mit „Eine Sprache der Liebe“ lediglich ein Büchlein über Reiten und Training schreiben. Wie konnte das geschehen? Von Stephan Reimertz
Als Tonio Kröger über seinen Mitschüler Hans Hansen klagte, dieser lese nur Pferdebücher, konnte er nicht ahnen, welche philosophischen Höhen dieses Genre erklimmen würde. Von allen Büchern, die ich im vergangenen Jahr in deutscher Sprache las, hat mich neben Götz Alys Hauptwerk »Wie konnte das geschehen?« dieser schmale Band am meisten gefesselt. Angesichts der Reitertypologie fällt auf, dass die Dressurreiter nicht selten vielseitige Menschen sind. Josef Neckermann war Konzerngründer, Liselott Linsenhoff Konzernchefin, Loretta Würtenberger ist Juristin, war Richterin, ist Unternehmerin und betreut als Kunsthistorikerin Künstlernachlässe. Sie leitet das Schlossgut Schwante mit Skulpturenpark im Norden von Berlin und zieht vier Kinder groß. Bei den Zedtwitzens hingegen, böhmisch-fränkischem Geschlechts mit freiherrlichem und reichsgräflichem Zweig, handelt es sich um eine der ältesten und vornehmsten Familien des Landes. Graf Hubertus Zedtwitz, Dressurreiter und –ausbilder, kann auf Jahrhunderte ununterbrochenen Umgangs seiner Familie mit dem Reittier zurückblicken. Als dritten und wichtigsten Mitautor dieses ungewöhnlichen Buches darf man die Stute Grace ansprechen. Im Laufe des Buches werden wir drei nicht ganz alltägliche, mitten unter uns lebende Wesen kennenlernen, die unsere Gedanken und unser Leben bereichern.
Das kentaurische Prinzip
Die Reiterin, mit einem Ausbildungsgang in Rechtswissenschaft, Kunstgeschichte und Wirtschaft scheinbar aus der gewohnten westdeutschen Nomenklatura entsprungen, betritt gleich in ihrem ersten Ausspruch mit der aphoristischen Grandezza eines La Rochefoucauld die Bühne dieses berittenen Welttheaters: »Für mich ist Reiten in seiner Vollendung Kunst. Und Reiten kann in dem Zusammenspiel mit dem Pferd wie Lieben sein. Ich glaube, es ist diese Kombination, die mich so anzieht.« Schon im ersten Bild des Buches findet sich das Triumvirat, das uns auf unserem philosophischen Ritt durch Kulturgeschichte und Seinserfahrung leiten wird. Man könnte an eine Verdichtung des kentaurischen Prinzips zum Trinitätswesen aus Mann, Frau und Pferd denken und aus Goethes Gedicht Ginkgo biloba zitieren, das der Geheimrat Mitte September 1815 in der Frankfurter Gerbermühle niederschrieb. Aber passen Sie auf; ein Wort habe ich verändert!
Ist es Ein lebendig Wesen
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es drey die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt.
Mann, Frau, Pferd – die Dreieinigkeit
Mit – um wiederum Goethe zu zitieren – feinsinnlicher Delikatesse sind all diese Szenen aus Reitbahn und Natur geschildert, mit der still leuchtenden Intensität und Ungezwungenheit eines Pastellmalers. Loretta Würtenberger spricht von Grace als von der »langbeinigen, dunkelbraunen Stute«. Sofort ist klar, wie sich bei den dreien eines im anderen spiegelt. Denn Loretta Würtenberger ist eine durchaus ungewöhnliche Erscheinung; große Frau mit Charakterkopf des heroischen Zeitalters. Nichts an diesem Buch ist Zufall, schon gar nicht, dass das Motto Goethes Egmont entstammt. Der Graf wiederum, der während unserer Reit- und Lesestunden als Mentor und Weiser auftritt, und den man sich als einen Rhett Butler vorstellen will, entpuppt sich in der Ansicht als überraschend jünglingshaft, so dass das Paar eher wie Aphrodite und Amor wirkt denn wie Dionysos und Ariadne.
Hier geschieht auf zweihundert Seiten unendlich viel
Friedrich Nietzsche lag nicht ganz falsch, als er feststellte, dass Bücher nicht geschrieben werden, sondern geschehen. Meist trifft der Umkehrschluss zu: Ein Buch wird geschrieben, aber es geschieht nicht. Der Philosoph bezeichnete die Sitzenbleiber, sogar Flaubert, als Nihilisten. Beschwerend kommt hinzu, dass in Deutschland der Philosoph meist ein Universitätsprofessor ist. Und wie die aussehen! Da musste ein bescheidenes Reitbüchlein daherkommen, uns daran zu erinnern, dass Philosophie weniger im akademischen System entsteht als absichtslos aus gelebter Praxis. Lassen wir aber Revue passieren, wer in den letzten fünfzig Jahren den Diskurs bestimmte: Keiner von ihnen war Berufsphilosoph. Michel Foucault war Historiker, Pierre Bourdieu Soziologe, Niklas Luhmann Systemtheoretiker und René Girard ging zunächst von der Literaturwissenschaft, namentlich Shakespeare aus. Die Folgen ihrer Überlegungen sind unüberschaubar und bestimmen unser Denken bis heute. Warum? Sie sind unwillkürlich in den philosophischen Diskurs geraten, dadurch umso ehrlicher. Der Fachphilosoph dagegen steht morgens vor dem Spiegel und sagt sich, ich schulde der Welt eine totale Theorie. Wo kann ich bedeutend ansetzen?
Philosophisch authentisch statt theoretisch abgeleitet
Philosophisch gesehen lässt sich das Buch am ehesten dem Teilbereich analytische bzw. angewandte Philosophie der Lebenswelt und Philosophie der Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen zuordnen; einer subjekt- und erfahrungsorientierten Reflexion über Kommunikation, Beziehung und Vertrauen. Das Buch steht nicht so sehr in der traditionellen theoretischen Philosophie (z. B. Logik, Erkenntnistheorie oder Ontologie), sondern gehört eher zu philosophisch inspirierten Reflexionen über Lebenserfahrung, Kommunikation und Beziehung, vergleichbar mit moderner Lebens, Sprach und Kulturphilosophie, die Alltags und Sinnfragen aufgreift und narrative Erfahrung mit philosophischem Denken verbindet. Eine Sprache der Liebe gehört in die Kategorie von Zen in der Kunst des Bogenschießens eines Eugen Herrigel, das ein Vielfaches des philosophischen Einflusses all der dickleibigen Standardwerke aus den Universitäten ausübt und bis heute auf Generationen ausstrahlt. Es ist ein philosophisch-ethisches Werk mit stark lebensweltlicher und ästhetischer Ausrichtung, das eher in die praktische Philosophie und philosophische Lebensführung passt als in abstrakte Theoriebildung. Es gehört in die Tradition von Nietzsche, Herrigel, Platon über die Harmonie der Wesen und Aristoteles über gelebte Praxis. Man muss für Eine Sprache der Liebe ebenso wenig Dressurreiten wie man für Zen in der Kunst des Bogenschießens Pfeil und Bogen zur Hand nehmen braucht. Es geht um das Atmen, das Gehen, das Sehen, das Wahrnehmen des Anderen, die Beziehung zur Welt und zu sich selbst. Es geht um eine neue, aufmerksamere, liebevollere Beziehung zu allem. Darum, dass Welt in Beziehung überhaupt erst entsteht. Und es geht um »Freude über sein eigenes Können«. Alles frisch sehen, neu. Freudig aufs Leben zugehen. Die »richtige Reiterhand« als das Händchen im Leben. Und es geht nicht zuletzt um Haltung.
Geist aus Bewegung, nicht Buch im Sitzen
Die Autoren erinnern uns daran, dass eine tiefe Verbindung zwischen Mensch und Tier, Wesen und Natur besteht, die durch die moderne Zivilisation verschüttet wurde. Dieses Buch aber können wir feiern als eine Wiedereröffnung dieser Verbindung. Es ist in der Bewegung geschrieben. Und da ist sehr viel passiert. Frau, Pferd, Mann. Ein Dreierbündnis, wie wir ihm seit Jahrtausenden begegnen, nicht erst seit der Flucht nach Ägypten und Fabeln von La Fontaine. Es hat sich uns eingespurt, wir müssten es erwarten, auch wenn wir die Fifth Avenue entlangschlendern. Wie aber nennen wir eine Humanität, die sich auf Tiere ausdehnt? Bestialität? Oder einfach sympátheia, ein Mitleben und Mitleiden, sympatheín, mit allem was lebt? Auch auf Pflanzen bezogen? Erst dann können wir Fragen stellen, wie sie auch für unser tierisches Gegenüber relevant sind. »Wobei helfen wir unseren Pferden eigentlich?« fragt Würtenberger, und: »Brauchen Pferde unsere Hilfe überhaupt? Ginge es ihnen nicht besser, wenn wir sie sich selbst überließen?«
Loretta Würtenberger öffnet uns ihre Bibliothek
Dagegen steht die manchmal erkennbare Freude der Geschöpfe am Umgang mit uns, wie wir sie stärker noch beim Hund beobachten, spüren. Pferd und Hund, Gefährten des Menschen durch Jahrtausende. Wir stehen mit der Reiterin nicht nur auf der Koppel. Sie bittet uns ins Haus und zieht Schätze aus dem Regal, die verblüffen. Etwa Das Gymnasium des Pferdes von Gustav Steinbrecht, eines von den »hippologischen Standardwerken«. Dieser Autor betont, dass das Dressurreiten allmählich verborgene Kräfte hervorrufen kann. Sicher meint er Pferd wie Reiter. Grace das Herzenspferd, bis M ausgebildet, bestes Hannoveraner Blut. Aber irgendetwas hakt. Loretta scheitert bereits an L-Turnieren. Der neue Trainer lässt erst einmal nur antraben und durchparieren. Zarte Annäherung. Nicht befehlen, sondern Hilfe anbieten, das »hebt das Pferd auf Augenhöhe mit dem Reiter«. Man muss dem Tier die Freude über sein eigenes Können ansehen. Wenn es ausgebildet und nicht nur dressiert wurde, erscheint es »schöner in seiner Körperform, stolzer in seiner Haltung, aufmerksamer in seinem Gehabe«.
Schwesterbuch von der anderen Seite der Alpen
Übrigens ist Eine Sprache der Liebe in der Friedenauer Presse in Berlin gleichzeitig mit einem spirituellen Schwesterbuch erschienen. In Roberto und ich von Katharina Fröhlich geht es um ein geistig aufgewecktes junges Mädchen aus Deutschland, das in einem in jeder Hinsicht überragenden norditalienischen Intellektuellen und Verleger ihren spirituellen und Lebenspartner findet. Bücher bilden hier jenes Medium, auf dem die außergewöhnliche Liebe blüht, wie in unserem Reiterbuch die vierbeinigen Gegenüber als erweiterte Partner unverbrüchlicher Freundschaft. Übrigens ist auch Katharina Fröhlich eine unübersehbare Erscheinung, wenn auch des fließenden Klimt-Typs, der freilich vor dem Mailänder Hintergrund umso stärker aufleuchtet. Sie übernahm von Roberto Calasso die Leitung des Verlags Adelphi Edizioni. Einen deutschen oder französischen Verlag von vergleichbarer geistiger Konzentration gibt es ebenso wenig wie einen europäischen Verleger von der Bildung und spirituellen Ausstrahlung Calassos. Die Nietzsche-Gesamtausgabe von Colli und Montinari hat von Adelphi aus ihren Ausgang genommen. Calasso wiederum ist Autor einiger Standardwerke der Geistesgeschichte. Undenkbar bei einem deutschen Verleger. Die spirituelle Stärke einer solchen Konstellation von Verleger, junger Frau und dem Reich der Bücher tritt in ein Analogieverhältnis zu unserem berittenen Triumvirat, wenn man die beiden Bücher zusammen liest, was sehr empfohlen sein soll.
Reiten, symbolische und metaphysische Bewegung
Mohammed war nicht nur ein Kenner junger Mädchen, sondern auch edler Pferde. Jesus präferierte den Esel; nicht simples Understatement, sondern weltpolitisch durchschlagendes Zeichen, wenn auch reiterisch nicht vollauf befriedigend. Dieser Mann aus Nazareth besaß den siebenten Sinn für politische Symbolik. Was den Esel angeht, so musste erst im Zwanzigsten Jahrhundert ein Juan Ramón Jiménez daherkommen, der mit Platero y yo dem störrischen kleinen Vetter aus der Pferdefamilie seinen unbeugsamen Adel bescheinigte. Immerhin haben wir es bei Jiménez mit einem Nobelpreisträger für Literatur zu tun. Ich finde, dass Eine Sprache der Liebe in den besten Momenten durchaus an die Prosadichtung Platero heranreicht.
Humanistische Ökologie
Es wird nicht eigens angesprochen und ist doch mit jedem Wort ausgesprochen: In einer Zeit, da die Ökologie erneut unter die Räder kommt, da sich überall ein fataler Rückfall in Industrialisierung abzeichnet und jene politischen Kräfte, die sich einst Ökologie und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hatten, sich in Sprachspielen und prähistorischen Identitätsideologien blockieren, kommt einer solchen Veröffentlichung wie Eine Sprache der Liebe auch ökologisch und umweltpolitisch besondere Bedeutung zu, und zwar gerade darum, weil hier eine Ökologie der Gefühle entwickelt wird. Bereits 2017 sagte der flämische Medizinethiker Jean-Pierre Wils im Deutschlandfunk: »Wir Menschen leben und sterben inmitten eines Ozeans sterbender Tiere, sensibler Lebewesen, deren brutales und meist zu frühes Ableben von uns vielfach verursacht und oftmals mit Gleichgültigkeit quittiert wird. Der Kahn, der mit der toten Kreatur über den Styx fährt, ist übervoll und wird stets voller. Elisabeth Kolbert hat in ihrem Buch ‚Das sechste Sterben’ die Massenextinktion beschrieben, die in unseren Tagen unzählige Tierarten in beschleunigtem Tempo heimsucht, Tierarten, die zu unseren vermeintlichen Gunsten endgültig ihren Platz im Dasein räumen müssen. Kolbert spricht von der ‚unkrautartig wuchernden Spezies’ Mensch, die die Gangart der Artenvernichtung mittlerweile ins Diabolische gesteigert habe. Unsere Welt fällt dadurch einer Verarmung anheim, die mittlerweile nahezu ontologische Ausmaße angenommen hat: Sie wird trotz des umfassenden Lärmens, zu dem wir uns entschlossen haben, immer eintöniger und stiller. In diesem wachsenden Schweigen kommen uns die Gefährten abhanden, die uns die Schönheit der Welt zu zeigen vermochten und mit ihr die Tröstung durch animalisches Leben.«
Ein Geschenk für alle
Eine Sprache der Liebe ist ein Geschenk an Mensch und Tier, nicht aus akademischer Theorie, sondern aus philosophischer Authentizität geboren. Ein notwendiges Buch. Ich habe schon Sorge getragen, dass es in die Hände von Künstlern, Musikern, Unternehmern, auch scheinbar absichtslos lebenden Menschen kommt. Und ich wünsche es noch vielen mehr. Eine Sprache der Liebe ist ein Geschenk an alle, ein philosophisches Werk wider den Anspruch, aber nicht wider Willen. Und nicht zuletzt zählt zu seinen Verdiensten, uns in Erinnerung gerufen zu haben, warum wir die Pferde, warum wir die Natur und warum wir das Leben so sehr lieben.
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| Loretta Würtenberger, Hubertus Graf Zedtwitz | Eine Sprache der Liebe |
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Das Wichtigste in Kürze
- Philosophische Dressur als Kunst der Beziehung
- Dreieinigkeit von Frau, Pferd, Mann als Lebensfigur
- Ökologie der Gefühle statt akademischer Theorie
„Eine Sprache der Liebe“: (“A Language of Love”): Philosophy in the Saddle
Dressage rider Loretta Würtenberger and her trainer, Count Hubertus Zedtwitz, have created with “Eine Sprache der Liebe” a philosophical book on the relationship between humans and horses that reaches far beyond riding practice. Together with the mare Grace, they form a centaur-like triad of woman, horse, and man in which art, love, and disciplined training intertwine. Riding appears as a quiet school of perception, an exercise in attention, trust, and attitude toward the animal as well as toward the world.
The book stands in the tradition of Herrigel’s “Zen in the Art of Archery” and links to Nietzsche, Plato, and Aristotle without becoming academic. It argues for a philosophy arising from lived practice rather than from university-based theory production. The exercises of dressage become metaphors for relationship, dialogue, and learning the right measure.At the same time, the text sketches a humanistic ecology: in an age of accelerating species extinction, it recalls the dignity of animals and an “ecology of feelings” in which horses, dogs, and other companions become teachers of an extended compassion. “Eine Sprache der Liebe” thus proves to be a gift to humans and animals alike – a slim yet necessary book about riding, nature, and the art of living

