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„La Cenerentola“ in Paris: Glanz und Schatten

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Dieser Besuch der Opéra Garnier war eine letzte Chance, bevor sie für zwei Jahre wegen dringend notwendiger Modernisierungsmaßnahmen der Bühne und des Bühnenturms geschlossen wird. Von Irma Hoffmann.

Prunk und Erinnerung

Der erste Eindruck ist überwältigend: ein Highlight für Architektur- und Opernbegeisterte. Das im neubarocken Stil erbaute Palais Garnier mit spektakulärer Marmortreppe, dem Grand Foyer und dem in Rot und Gold üppig dekorierten Zuschauerraum versetzt ihre Besucher in ästhetische Verzückung. 1875 von Charles Garnier im Auftrag Napoleons III. erbaut mit einem eigenen Eingang für den Kaiser, war sie bis 1989 der größte Theaterbau der Welt.

La Cenerentola Chagall
Foto: Irma Hoffmann

Viel diskutiert wurde das 1964 von Marc Chagall (1887-1985) entworfene Deckengemälde über dem Zuschauerraum, einer „Hymne an die Musik“ mit Darstellungen berühmter Komponisten sowie sich selbst auf zwölf Leinwandsegmenten, die – das ursprüngliche bewahrend – unterhalb des Deckengemäldes von Jules Eugène Lenepveu (1819-1898) angebracht sind.

Im Zuschauerraum wird jede Möglichkeit genutzt, um die Anzahl der Plätze (insgesamt 1.900) zu erhöhen: so werden sogar die Klappstühle auf den Gängen zwischen den Reihen für Besucher genutzt. Einen Fluchtweg gibt es nicht – nichts für Klaustrophobiker. Glücklicherweise brach während der Vorstellung weder Feuer aus, noch gab es eine Überschwemmung aus dem unter dem Gebäude liegenden Grundwassersammelbecken, das regelmäßig leergepumpt werden muss. Ausgesprochen höflich geleitet das Aufsichtspersonal jeden Besucher zu seinem Platz, jeweils nachfragend, welche Sprache er spreche. Hier wird Kultur gelebt.

Ein Märchen, anders erzählt

Die Märchenfigur Cendrillon von Charles Perrault (1628-1703) hat nur wenig mit Aschenputtel der Brüder Grimm oder Cinderella aus dem Zeichentrickfilm von Walt Disney aus dem Jahr 1950 gemein: hier ist die Stiefmutter ein Stiefvater und es gibt auch keine Kürbiskutsche. Motive, wie die des Schuhs gab es sogar schon in ägyptischen Erzählungen aus der Zeit um 590 v. Chr..

In fieberhafter Eile

Als Gioacchino Rossini (1792-1868) die auf dem Märchen Cendrillon von Charles Perrault (1628-1703) basierende Oper La Cenerentola komponierte, war er 25 Jahre alt. Das Teatro Valle in Rom hatte ihn vertraglich verpflichtet, eine Oper für die Karnevalsaison 1817 zu schaffen. Gemeinsam mit dem Librettisten Jacopo Ferretti (1784-1852), schuf Rossini den musikalischen Teil in nur 24, Ferretti den Text in 22 Tagen. Rossini war bekannt für seine in der Tradition der Commedia dell’arte stehenden Opere buffe, die sich im 18. Jahrhundert in Italien als heitere Gegenstücke zur tragischen Opera seria entwickelten. La Cenerentola enthält Elemente beider Opernformen.

La Cenerentola 2026

Aschenputtel heißt hier Angelina, abwechselnd besetzt durch Vasilisa Berzhanskaya oder Gaëlle Arquez. Angelina (La Cenerentola) lebt nicht bei der Stiefmutter, sondern bei ihrem Stiefvater Don Magnifico (Nicola Alaimo), der sie, wie auch ihre beiden Stiefschwestern Clorinda (Ilanah Lobel-Torres) und Tisbe (Maria Warenberg) demütigend, wie eine Sklavin behandelt. Ihre missliche Lage ändert sich erst, als ihr Dandini (Huw Montague Rendall) und Prinz Ramiro (Lawrence Brownlee) begegnen.

Düstere Lesart

Die wiederaufgenommene Regiearbeit des Guillaume Gallienne aus dem Jahr 2017 ist von Monotonie bestimmt.Auf der Strecke bleibt hier die Chance, Rossinis melodramma giocoso mit seinen mannigfaltigen Verwechslungen, humorvollen Verwicklungen und Verkleidungen auszureizen. Düster wirkt das Bühnenbild von Éric Ruf, das im ersten Akt den verfallenen, von Vulkanasche bedeckten Palast des Don Magnifico zeigt. Die Verlegung der Handlung nach Neapel wird damit begründet, dass es dort fast zur Uraufführung kam.

Bruch mit der Ästhetik

Wenig phantasievoll und wenig vorteilhaft fallen auch die Kostüme von Olivier Bériot aus: nahezu erschreckend der schlampige Aufzug des Nicola Alaimo, den man für seinen Mut zur Hässlichkeit bewundern muss. Bedauernswert in seiner Bewegung eingeschränkt auch Lawrence Brownlee, dessen rechtes Bein in einer Schiene steckt, mit dem die Regie die Zerbrechlichkeit des Prinzen Ramiro demonstrieren will.

Phänomenal: das Sängerensemble

Im Kontrast zu der bedrückend düsteren Inszenierung stehen das phänomenale Sängerensemble und das hervorragende Orchester, dirigiert vonEnrique Mazzola.

Das Debüt der Mezzosopranistin Vasilisa Berzhanskaya an der Pariser Nationaloper, die 2021 bei den International Opera Awards als beste junge Sängerin ausgezeichnet wurde und im Juli dieses Jahres in der Titelpartie in Norma an die Bayerische Staatsoper zurückkehrt, meistert die stimmlichen Herausforderungen der Angelina souverän in der gesamten Bandbreite, wie auch die barocken Koloraturen des „canto di sbalzo“, der von Rossini nicht nur als technische Verzierung, sondern ganz gezielt für den Ausdruck von Emotionen eingesetzt wurde; phänomenal singt sie das „Non più mesta“.

Als ideal hat sich die Besetzung des Don Ramiro mit Lawrence Brownlee erwiesen, der mit Rossinis Opern bestens vertraut ist: Sein professionelles Bühnendebüt gab er schon 2002 mit seiner Rolle des Grafen Almaviva im Il barbiere di Siviglia, in der er danach u. a. in New York City, Wien, Boston, Madrid, München und Tokio mit großem Erfolg auftrat: Hell und strahlend ist der Klang seiner Stimme, wenn sie sich in den Duetten mit Angelina zu einer idealen Harmonie vereinigt.

Basso buffo Nicola Alaimo war bereits 2012 in Paris als Dandini aufgetreten. In der Rolle des Vaters von Clorinde und Tisbe verkörpert er Don Magnifico, einen ungestüm polternden Patriarchen, schwankend zwischen Buffo und Bösartigkeit, der seine Stieftochter Angelina immer wieder zurückweist.

Womanizer Dandini, Diener des Prinzen Ramiro, gespielt von Bariton Huw Montague Rendall, überzeugt in seinem Rollendebüt mit physischer und stimmlicher Präzision. Mit seinem Debüt in Paris lässt Adolfo Corrado in der Rolle des Philosophen Alidoro mit dunklem, voluminösen Bass mit ausdrucksvoll fließendem Timbre großes Potential erkennen.

Clorinda (Ilanah Lobel-Torres) und Tisbe (Maria Warenberg) können ihre Rollen als böse Stiefschwestern von Angelina nicht wirklich überzeugend spielen. Sie wirken eher kokett und charmant, überzeugend jedoch sind ihre Stimmen, die besonders in ihren Duetten mit lebendigen Klangfarben auffallen.

Der Chor ist traditionell rein männlich besetzt und übernimmt mit nahezu magischer Präzision und Einheitlichkeit im Gesang die Partien der Höflinge und Anhänger des Prinzen Ramiro. Weibliche Singstimmen gibt es nicht. Als Statisten übernehmen sie die Rollen von Gästen oder Dienerinnen, die die adlige Gesellschaft im Schloss des Prinzen ergänzen.

Im Endeffekt hängt der Erfolg einer Oper immer von der stimmlichen Brillanz ab und in dieser Hinsicht wurden hier in Paris alle nur möglichen Register mit Bravour gezogen. 

Spannend wird die Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle, deren Premiere im Rahmen der Münchner Opernfestspiele schon am 9. Juli 2026 in der Bayerischen Staatsoper München stattfindet, mit René Barbera als Don Ramiro und Isabel Leonard als Angelina.

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La Cenerentola
Gioacchino Rossini | Musik
Jacopo Ferretti | Libretto
Musikalische Leitung:
Enrique Mazzola
Spielplan 2026:
Donnerstag, 02. Juli 2026, 19:30 Uhr
Sonntag, 05. Juli 2026, 14:30 Uhr
Mittwoch, 08. Juli 2026, 19:30 Uhr
Samstag, 11. Juli 2026, 19:30 Uhr
Opéra National de Paris

Das Wichtigste in Kürze

  • Herausragendes Ensemble um Berzhanskaya und Brownlee
  • Rossinis Koloraturen in seltener Präzision
  • Historischer Aufführungsort kurz vor Schließung

“La Cenerentola” in Paris: Splendor and Shadow

The Opéra Garnier in Paris is about to close for two years, making this visit a rare occasion. The neo-baroque building impresses with its grandeur, from the marble staircase to the auditorium crowned by Chagall’s ceiling.

Rossini’s “La Cenerentola,” based on Perrault’s tale, is presented here without fairy-tale lightness. Guillaume Gallienne’s production offers a dark and often monotonous interpretation. Éric Ruf’s stage design reinforces this atmosphere with an ash-covered palace setting. Musically, however, the performance reaches a high level. Vasilisa Berzhanskaya excels as Angelina with technical control and expressive depth, particularly in the demanding coloratura passages. Lawrence Brownlee’s Don Ramiro stands out for vocal clarity and stylistic confidence. Nicola Alaimo portrays Don Magnifico with force, balancing grotesque elements and severity. Huw Montague Rendall delivers a precise Dandini, while the ensemble performs with cohesion. The chorus and orchestra under Enrique Mazzola demonstrate remarkable unity.

The result is a clear contrast: a visually underwhelming staging paired with outstanding musical execution. Ultimately, it is the vocal brilliance that defines the success of this performance.

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