Kolumne von Susanne Falk
Er ist hier allgegenwärtig. Ganz so, als wäre er nie weggewesen. Oder viel zu jung gestorben. Wer nach Prag kommt, der wird zwangsläufig infiziert mit dem Kafka-Virus. Es gibt deutlich schlimmere Mitbringsel.
Da wäre noch Mucha, dessen Plakate man gleichfalls überall erwerben kann, vom Untersetzermotiv bis hin zum T-Shirt. Wer also nicht vom Kafkafieber ergriffen wird, der darf seine Kronen auch anderweitig ausgeben. Das große Kind hat allerdings ein Buch mit Kafkas Zeichnungen erworben, ich dagegen lese endlich mal wieder „Das Schloss“. Wir sind also infiziert. Und genießen. Weil Kafka klug ist und witzig und weil er mich an meine Studienzeit erinnert. Ich werde bald 50. Erinnerungen an die Jugend sind also hoch im Kurs.
Gute Literatur macht Spaß, regt an, lässt zweifeln und denken und nimmt einen mit in andere Welten, die man ohne sie nie gefunden hätte. Ohne Kafka wären wir vermutlich nicht in den Bus nach Prag gestiegen, hätten nicht Suppe in der Brotschüssel gegessen und uns lange mit einem Verkäufer von Souvenirs unterhalten, der wiederum von Wien schwärmte. Es war ein bisschen so, wie wenn zwei stolze Eltern das Kind des anderen komplimentieren. Wie schön! Wie einzigartig! Wie erstrebenswert ist das Dasein in der jeweils anderen Stadt! Nun geht es heim, aber der Bus braucht ewig und drei Tage und ich bin im Geiste noch an der Moldau.
Meine Reisegenossen geraten derweil immer mehr zu kafkaesken Figuren. Der dicke Glatzkopf vor mir, der so genervt schaut und am Telefon doch unheimlich lieb mit wem auch immer telefoniert… Das unentwegt plaudernde Freundinnenpaar gegenüber. Und das Paar neben uns, das jetzt stinkige Salami auspackt und dabei nicht vom Handy ablässt. Skurril, etwas grauslich und zuweilen überraschend. So wie Kafkas Figuren. Ein Landvermesser ist auch dabei, aber der schläft gerade.
Wäre das hier ein Kafkatext, dann kämen wir womöglich nie in Wien an. Oder nur als Käfer, deren müde Körper dezent nach Wurst riechen. Reisen ist ein Abenteuer. Das endet allerdings um 22 Uhr in Erdberg. Kafka bleibt noch eine Weile länger bei uns.
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My Books! „Kafka Everywhere“
Column by Susanne Falk
He is everywhere. Quite as if he had never been away. Or had died far too young. Anyone who comes to Prague is infected with the Kafka virus. There are certainly worse souvenirs to bring home.
Then there is Mucha, whose posters can likewise be bought everywhere, from coaster designs to T-shirts. So if the Kafka fever doesn’t get you, you can always spend your Czech crowns on something else. The big kid, however, bought a book of Kafka’s drawings, while I am finally reading The Castle again. So we are infected. And enjoying it. Because Kafka is clever and funny, and because he reminds me of my student days. I’ll soon be fifty. Memories of youth are therefore very much in demand with me these days.
Good literature is fun, stimulates you, makes you question and think, and takes you into other worlds that you would never have discovered without it. Without Kafka, we probably wouldn’t have boarded the bus to Prague, eaten soup served in a bread bowl, or spent a long time talking to a souvenir seller who, in turn, waxed lyrical about Vienna. It was a little like two proud parents complimenting each other’s children. How beautiful! How unique! How desirable life in the other city is! Now we are heading home, but the bus is taking forever and a day, and in my mind I am still on the banks of the Vltava.
Meanwhile, my fellow travelers are becoming increasingly Kafkaesque figures. The bald, heavyset man sitting in front of me, looking so annoyed and yet talking on the phone with astonishing tenderness to whoever is on the other end… The pair of girlfriends opposite us, chattering away incessantly. And the couple next to us, who are now grumpily unpacking salami while refusing to put down their phones. Quirky, slightly grotesque, and occasionally surprising. Just like Kafka’s characters. There is even a land surveyor among us, but he is asleep at the moment.
If this were a Kafka story, we might never make it to Vienna. Or perhaps only as beetles, our tired bodies carrying a faint smell of sausage. Travel is an adventure. This one, however, ends at 10 p.m. in Erdberg. Kafka will stay with us for a little while longer.
