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Muriel Spark: „Weit weg von Kensington“

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Buch Literatur

Von Barbara Hoppe. – Die Romane von Muriel Spark gehören zweifellos zu den Klassikern ihres Genres. Als der Diogenes Verlag „Weit weg von Kensington“ in seinem Frühjahrsprogramm vorstellte, lautete der Arbeitstitel noch „Ich bin Mrs. Hawkins“. Und irgendwie passt der mindestens genauso gut, ist besagte Dame doch Dreh- und Angelpunkt dieses so unterhaltsamen Romans. Titel hin oder her, das Werk dahinter zeigt einmal mehr, warum Muriel Spark als Meisterin des trockenen Humors und der präzisen Beobachtung gilt. Der Roman führt mitten hinein in die literarische Szene des London der 1950er-Jahre.

Dort wirkt also besagte Mrs. Hawkins, Agnes, genannt Nancy: 29 Jahre alt, Kriegswitwe, übergewichtig, Lektorin in einem angeschlagenen Londoner Verlagshaus, wohnhaft in einer Pension in South Kensington. Dreißig Jahre später, inzwischen zur schlanken und erfolgreichen Nancy geworden, blickt sie zurück auf die Jahre 1954/55 – und damit auf einen Lebensabschnitt, in dem sie mit mütterlicher Ruhe und unerschütterlicher Klarheit der Fels in der Brandung war – im Verlag, in ihrer Pension und bei jeder Art zwischenmenschlicher Ruckeleien. Unterhaltsam und klug kommentiert Nancy ihr früheres Ich und die Verlagsbranche, in der sie gearbeitet hat – eine literarische Welt, die weniger prüde war, als man sie sich gemeinhin vorstellt.

Im Reich der Eitelkeiten

Ein Ich, das in einem kleinen Verlag mit seinen „sehr guten Büchern“ und prekären Finanzen seine Karriere als Lektorin beginnt. Und damit die Leser direkt in die Londoner Verlags- und Intellektuellenwelt der 50er-Jahre hineinführt, die Muriel Spark fein zu beobachten weiß. Zwischen Lektoren, Autoren, Homosexuellen, Großbürgern und Bohemiens entsteht ein Gesellschaftsbild, in dem Klatsch und existenzielle Sorgen nebeneinanderstehen, inklusive unangenehmer Zeitgenossen. Hector Bartlett ist ein „pisseur de copie“, ein talentloser Möchtegern-Autor, dessen Texte Mrs. Hawkins verachtet und was sie dazu verleitet, ihm den wenig schmeichelhaften Beinamen zu verpassen. Dumm nur, dass Hector Bartlett sehr nachtragend ist und Rache schwört – koste es auch das Seelenleben von Wanda, Mrs. Hawkins herzensgute Nachbarin. Eine Volte, die der Milieustudie einen Hauch von Krimi verleiht. „A Far Cry from Kensington“, so der Originaltitel, erschien erstmals 1988 und reiht sich nahtlos an die Erfolge von „Memento Mori“ und „The Prime of Miss Jean Brodie“ an. Ein zeitloser Klassiker ist dieser unterhaltsame Roman, eine Zeitreise gleichwohl. Das Haus in Kensington – fast meint man, gerade noch eben dort gewesen zu sein in einem trockenhumorigen Gespräch mit der lebensklugen Mrs. Hawkins.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Muriel SparkWeit weg von Kensington
a.d.Englischen v. Otto Bayer
Diogenes Verlag,
Zürich 2026
bei amazon
bei Thalia

Das Wichtigste in Kürze

  • Trockener Humor ohne Sentimentalität
  • Ein Londoner Literaturmilieu voller Reibungen
  • Mrs. Hawkins als kluge Erzählerin

Muriel Spark: A far Cry from Kensington

Muriel Spark’s novels undoubtedly belong to the classics of their genre. A Far Cry from Kensington also demonstrates why she is regarded as a master of dry humour and precise observation. At its centre is Agnes Hawkins, known as Nancy: 29 years old, a war widow, overweight, an editor at a struggling London publishing house, and a resident of a boarding house in South Kensington.

Thirty years later, the now slim and successful Nancy looks back on the years 1954 and 1955. At that time, she was a rock in the surf at the publishing house, in her boarding house, and amid every kind of interpersonal friction. With wit and intelligence, she comments on her former self and on the literary world in which she worked.

Among editors, writers, homosexuals, members of the upper middle class and bohemians, Muriel Spark creates a dense social portrait. Gossip and existential worries sit side by side, as do very different characters and disagreeable contemporaries. One of them is Hector Bartlett, a talentless would-be author. Mrs Hawkins despises his writing and gives him an unflattering nickname. When Bartlett swears revenge, Wanda, Mrs Hawkins’s warm-hearted neighbour, is also drawn into the affair. The social study thus acquires a hint of crime fiction: an entertaining, timeless classic and, at the same time, a journey into 1950s London.

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