Von Stefan Pieper.
Chorwerk Ruhr und der Bochumer Fotograf Heinrich Brinkmöller-Becker haben die italienischen Sacri Monti ins Wuppertaler Visiodrom geholt – und damit einen Maßstab gesetzt, an dem sich künftige immersive Formate messen lassen müssen. Was als Verbindung von Vokalmusik, 360-Grad-Projektion und Raumklang angekündigt war, erwies sich als künstlerischer Meilenstein.
Schon der Ort scheint an diesem Abend nicht mehr derselbe zu sein. Der ehemalige Gasometer wirkt weniger wie ein technischer Trägerraum als wie eine riesige, atmende Membran. Unten liegen Sitzreihen und Kissen, darüber spannt sich die Rundung der Projektion – und mit ihr ein Bildraum, der sofort jede Distanz aufhebt. Man schaut nicht in eine Ausstellung, man sitzt in ihr.
Raum wird Erfahrung
Und doch ist es kein bloßes „Eintauchen“. Vielmehr entsteht eine merkwürdige Spannung zwischen Nähe und Überwältigung. Die Bildwelt der piemontesisch-lombardischen Sacri Monti – jener zwischen Spätrenaissance und Frühbarock entstandenen Kapellenlandschaften zwischen Lago Maggiore und Lago d’Orta – wächst aus der Wand heraus wie eine Erinnerung, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Vergangenheit oder Gegenwart ist. Brinkmöller-Becker nennt sie das „Kino des 16. Jahrhunderts“. Hier versteht man, was er meint.
Gesichter ohne Zeit
Mehr als tausend lebensgroße Terrakottafiguren bevölkern diese sakralen Szenen. Ihre Gesichter sind keine historischen Relikte, sondern Zustände: Angst, Verzückung, Zweifel, Macht. Die Kamera des Fotografen rückt so nah heran, dass jede Pore, jede Geste eine eigene Dramaturgie entwickelt. Aus der Distanz wird Unmittelbarkeit – und genau darin beginnt die Irritation.
Denn im Visiodrom kippt diese fotografische Nähe in etwas Neues. Die Figuren wachsen auf der 360-Grad-Fläche über sich hinaus, werden überlebensgroß, verlieren ihre museale Fixierung. Die Industriekathedrale verwandelt sich in einen sakral aufgeladenen Theaterraum, in dem Geschichte nicht erklärt, sondern gegenwärtig wird – manchmal fast zu gegenwärtig.



Wenn Klang antwortet
Dann setzt Musik ein.
Das Chorwerk Ruhr tritt unter der Leitung von Alexander Lüken in die Mitte des Raums, als würde es sich selbst in diese kreisende Bildarchitektur hineinschreiben. Gregorianische Gesänge öffnen den Abend wie eine langsame Verschiebung der Zeitachse. Von dort spannt sich ein weiter Bogen: Antonio Lottis Crucifixus, Sigismondo d’Indias Timor et Tremor, Gregorio Allegris Miserere – Musik, die hier nicht illustriert, sondern reagiert, als würde sie auf das antworten, was die Bilder längst erzählen.
Auflösung der Zeiten
Zwischen diesen historischen Tiefenschichten stehen plötzlich Alberto Ginasteras Lamentaciones de Jeremías und vor allem Giacinto Scelsis Tre Canti Sacri. Bei Scelsi scheint der Raum selbst zu vibrieren. Die Klänge lösen sich von jeder linearen Zeit, hängen im Gasometer wie schwebende Fragmente – und finden in den Pietà-Darstellungen der Sacri Monti eine fast beunruhigende Entsprechung.
Der vielleicht überraschendste Moment ist „Vorrei“ von Laura Marconi. Kein Stilzitat, keine historische Rückbindung, sondern ein bewusst offenes, mikrotonal flirrendes Gewebe. Fragmente von Sprache, Atem, Reibung. Hier kippt das Projekt endgültig aus der Gegenüberstellung von „alt“ und „neu“ heraus. Plötzlich wirkt es, als hätte diese Musik schon immer in diesem Bildraum existiert – oder als würde sie ihn gerade erst hervorbringen.
Das Chorwerk Ruhr reagiert darauf mit einer Präzision, die nie steril wirkt. Selbst im mächtigen Nachhall des Raums bleiben die Stimmen transparent, fast körperlich greifbar. Es ist ein Singen, das den Raum nicht füllt, sondern formt.
Ein Gewebe ohne Hierarchie
Und genau darin liegt der entscheidende Kunstgriff dieses Abends: Nichts dominiert. Keine Ebene ordnet die andere unter. Bild, Klang und Architektur verschränken sich nicht dekorativ, sondern strukturell. Wie in einer Polyphonie bleiben die Stimmen eigenständig – und bilden gerade dadurch ein gemeinsames Gewebe.
Man merkt irgendwann, dass hier kein „immersives Erlebnis“ produziert wurde, sondern ein Zustand entstanden ist, der sich nicht mehr sauber trennen lässt in Musik und Bild, in Raum und Zeit. Der Begriff Gesamtkunstwerk wirkt plötzlich nicht mehr großspurig, sondern eher zu klein.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Abends, der nicht nur eine Produktionsidee eingelöst hat, sondern eine Möglichkeit aufgezeigt: wie Musiktheater heute aussehen könnte, wenn es sich wirklich traut, die Hierarchien zwischen den Künsten aufzugeben. Die Sacri Monti wurden dabei nicht museal ausgestellt, sondern in eine fragile Gegenwart überführt – als wären sie nie weg gewesen. Und vielleicht ist genau das die stärkste Pointe dieses Abends: dass Geschichte hier nicht betrachtet wurde, sondern zurückgesungen, zurückprojiziert, zurück in die Gegenwart geholt – ohne dass sie dabei ihren eigenen Widerstand verliert.
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Das Wichtigste in Kürze
- 360-Grad-Projektion trifft vokale Präzision
- Historische Bildwelt als Gegenwart erfahrbar
- Raum, Klang und Architektur in Balance
Sacri Monti: 16th-century cinema
At the Visiodrom in Wuppertal, the former gas holder transforms into a space of image and sound that brings the Italian Sacri Monti into a striking sense of presence. What was announced as a combination of projection, spatial sound, and vocal music emerges as a cohesive artistic state. The 360-degree imagery removes all distance: one does not look at the scenes but sits within them.
The terracotta figures of the Sacri Monti appear not as historical artifacts but as expressive states. Through Heinrich Brinkmöller-Becker’s photographic proximity, they gain an unsettling immediacy, intensified within the Visiodrom’s vast interior. The industrial structure becomes a sacred theatrical space.
Chorwerk Ruhr under Alexander Lüken spans a range from Gregorian chant to contemporary music. Works by Lotti, d’India, and Allegri are set alongside Ginastera and Scelsi, whose sounds dissolve the space into floating fragments. Laura Marconi’s “Vorrei” extends this movement, dissolving the contrast between old and new.What defines the evening is the balance of elements: image, sound, and architecture remain distinct yet interwoven. The result is not an effect but an experience in which history is not represented, but made present.
