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Shelly Kupferberg: „Stunden wie Tage“

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Buch Literatur

Die Journalistin und Autorin Shelly Kupferberg zeichnet sich in ihrer Arbeit dadurch aus, dass sie immer ganz genau hinsieht und den Dingen auf den Grund gehen will. So ist auch ihr zweites Buch „Stunden wie Tage“ entstanden. Darin zeichnet sie den Lebensweg der Berlinerin Martha E. nach und damit zugleich Berliner Zeitgeschichte von den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis in die 80er-Jahre. Von Birgit Koß.

Ein Haus, ein Leben

Shelly Kupferberg hat Martha noch persönlich kennengelernt, wie sie als verschrobene „Alte“ in der Crellestraße in Schöneberg zu sehen war. Um sie rankten sich viele Gerüchte, sie sei eine Millionärin und habe das Haus während der Kriegsjahre von einem Nazibonzen bekommen. Die Autorin begibt sich in die Archive, wie schon für ihr erstes Buch über ihren Urgroßonkel Isidor und versucht, der wahren Geschichte auf den Grund zu kommen. Sie entschließt sich für die Romanform, in der Personen auftauchen, die wirklich gelebt haben aber auch Phantasiegestalten, um ein lebhaftes Bild des Zeitgeschehens zu erschaffen, insbesondre von den zwanziger Jahren bis zum Ende des zweiten Weltkrieges.

Martha, 1905 in Berlin in einer kleinbürgerlichen, streng katholischen Familie geboren, bekommt 1925 die Stelle der „Hausbesorgerin“ für das Wohnhaus in Schöneberg von den jüdischen Brüdern Berkowitz und bleibt dem Haus bis zu ihrem Lebensende verbunden. Sie ist tatsächlich seit Ende der 50er-Jahre seine – eher heimliche – Besitzerin, die Brüder Berkowitz haben es ihr nach dem Krieg überschreiben für ihre treuen Dienste, bis sie das Mietshaus der jüdischen Gemeinde vermacht.

Vignetten der Stadt

In 56 kurzen Kapiteln erzählt Shelly Kupferberg die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. Wie kleine Vignetten reihen sich die Kapitel aneinander und zeigen dabei viel Lokalkolorit z.B. über die Schönberger „Rote Insel“ und Alltagsgeschehen, immer wieder verknüpft mit Martha und der Familie Berkowitz.

Wir erfahren, wie die junge Frau sich bewährt und schnell das Vertrauen von Ber und Henry Berkowitz gewinnt. Henry heiratet die russische Gesangslehrerin Katharina und adoptiert deren Tochter Liane. Wir lernen die Hausbewohner mit ihren Marotten Ende der zwanziger Jahre kennen und begleiten den Aufstieg von Henry Berkowitz im gesellschaftlichen Leben Berlins. 1927 heiratet Martha den eher schüchternen Briefträger Willi, ihre große Liebe bis zu seinem Tod Anfang der 50er-Jahre.

Shelly Kupferberg Stunden wie Tage
Cover: Diogenes Verlag

Verlust und Entscheidung

Die Autorin zeichnet nach, was die Machtübernahme Hitlers für die einzelnen Personen bedeutet. Ben Berkovitz und weitere Freunde der Familie verlassen das Land, auch Henry will gehen, aber Katharina versucht ihn mit allen Mitteln zum Bleiben zu bewegen. Schließlich lassen sich die beiden scheiden und Henry folgt seinem Bruder 1938 nach London. Davor bittet er Martha, auf seine Tochter Liane aufzupassen.

Martha, die nach einer Fehlgeburt keine Kinder bekommen kann, kümmert sich rührend um Liane, die Martha mit ihrer zupackenden, herzlichen Art liebt.

Liane reift zum Teenager heran und verliebt sich in ihren Klassenkameraden Remus. Beide engagieren sich politisch. Remus wird eingezogen an die Ostfront und verwundet. Liane wird bei einer Plakatklebeaktion verhaftet und kommt ins Gefängnis. Beide werden 1943 zum Tode verurteilt und hingerichtet – sie sind Mitglieder der Roten Kapelle, was im Roman aber nicht explizit benannt wird.

Im dritten kürzeren Teil in den 50er-Jahren treffen sich Martha und Henry noch einmal und es kommen schmerzhafte Wahrheiten ans Licht. Im sehr knappen letzten Teil gibt Martha mit fast 80 Jahren die Verwaltung ihres Hauses ab und vererbt ihr Vermögen an die jüdische Gemeinde und die katholische Kirche.

Stille Größe

Shelly Kupferberg gelingt in ihrem Roman eine atmosphärisch dichte Schilderung dieser historischen Zeit. Mit dem Porträt der „eigentlich unpolitischen“ Marta M. als „stille Heldin“, die sich nur ihrer Menschlichkeit verpflichtet fühlt, spannt sie den Bogen gekonnt vom ganz Persönlichen zur großen Politik.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Shelly KupferbergStunden wie Tage
Diogenes Verlag
Zürich 2026
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bei Thalia

Das Wichtigste in Kürze

  • Vielstimmige Vignetten eines Berliner Hauses
  • Alltagsleben im Sog politischer Umbrüche
  • Eine unscheinbare Figur als moralisches Zentrum

Shelly Kupferberg: „Stunden wie Tage“

Shelly Kupferberg’s novel “Stunden wie Tage” traces the life of Martha E. in Berlin, intertwining it with 20th-century history. The author once encountered her protagonist in real life and follows her story through archival research.

Born in 1905, Martha becomes the caretaker of a residential building owned by a Jewish family in 1925 and remains tied to it for life. In short, mosaic-like chapters, the novel unfolds a panorama of Berlin life from the 1920s to the postwar years. The residents and their relationships reflect the era’s social transformations.

With the rise of National Socialism, lives shift dramatically. Friends emigrate, families break apart, and difficult choices become inevitable. Martha stays behind, caring for Liane, the daughter left in her charge, guided by quiet loyalty.Kupferberg condenses personal stories into a layered portrayal of historical experience. Martha remains deliberately understated—a woman without pathos, whose actions are rooted in humanity. This restraint gives the novel its strength, linking the private and the political with subtle precision.

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