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Die Novelle “Bartleby” trifft auf “La voix humaine”

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Novelle „Bartleby“ Opera Royale de Wallonie Liege
© ORW-Liège/J.Berger

Melvilles klassische Novelle „Bartleby“ als kongenialer, verdichteter Kurzopern-Einakter an der Opéra Royal de Wallonie-Liège. Von Barbara Röder.

Die Novelle Bartleby, der Schreiber (Bartleby, the Scrivener) aus der Feder Herman Melvilles, des Schöpfers von Moby-Dick, ist weltberühmt. Sie erschien erstmals 1853 und gilt als ikonisches Meisterwerk, das die Entfremdung des Menschen in der damals modernen Arbeitswelt thematisiert. In der Geschichte weigert sich der Schreiber einer Anwaltskanzlei, Bartleby, seinen Arbeitspflichten nachzugehen. Der zunächst arbeitsame Bartleby hockt auf einem Stuhl oder einem Tisch in seinem Büro, starrt ins Leere und verfällt dem immer gleichen Mantra: „I would prefer not to“ – „Ich möchte lieber nicht“. Dies tut er so lange, bis die gesamte Kanzlei notgedrungen aus dem Gebäude auszieht. Der Mob auf der Straße beschimpft ihn, wenn er mit baumelnden Füßen auf einer Balustrade des Bürogebäudes sitzt und in den Himmel blickt – in seine Freiheit. Schließlich wird er von der Polizei abgeholt. Bartleby verweigert sich weiterhin jeder zwischenmenschlichen Kommunikation und stirbt, in sich selbst verharrend, im Gefängnis. Sein Chef, der ihn aus Mitmenschlichkeit zu retten versucht, scheitert.

Verweigerung als Existenzform

Für viele Zeitgenossen implizierte das tragische Schicksal dieses Verweigerers ein nie zuvor erlebtes Szenario: das Aufbegehren gegen das Leben selbst. Für nachfolgende Generationen von Philosophen, Psychiatern und Gesellschaftswissenschaftlern gilt Bartleby als ikonische Leitfigur des passiven Widerstands gegen die den Menschen zum Objekt degradierende Maschinerie des Arbeitsmarktes. Doch die Figur Bartleby kann auch anders, ganz anders gelesen werden: als modernes Individuum in einer grotesken, kafkaesken und zeitübergreifenden Lebenssituation, so der Librettist Sylvain Fort in einem Interview sowie im kurzen Einführungsgespräch.

Musikalisch gewinnt die Figur durch die Vertonung der Geschichte durch den belgischen Komponisten Benoît Mernier und die durchdachte psychologische Regiearbeit von Vincent Bussard neue Impulse und farbige Dimensionen. Diese legen schonungslos die Licht- und Schattenseiten eines möglicherweise egozentrisch Einsamen offen. Denn in der Geschichte um Bartleby steckt mehr als bloße Verweigerung gegenüber einem System. Die vertonte Erzählung eines Einsamen ist ein zutiefst privates, ja persönliches Schicksalsopus, das – wie bereits angedeutet – von einem ganz auf sich selbst konzentrierten Menschen erzählt.

Novelle "Bartleby" A. C. ANTONACCI © J-Berger_ORW-Liège
A. C. ANTONACCI © J-Berger_ORW-Liège

Zwei Einsame, zwei Einakter

Dies tritt besonders plausibel durch die kluge Kombination der beiden Einakter zutage: des Auftragswerks Bartleby des belgischen Komponisten Benoît Mernier (Libretto: Sylvain Fort) und Francis Poulencs Monodrama La voix humaine. 67 Jahre trennen den französischen Kammerspielklassiker, dessen Libretto von Jean Cocteau stammt, von Bartleby. Beide Werke atmen die Atmosphäre eines psychologischen Dramas – eines Dramas, das die Protagonisten in sich tragen und vielleicht sogar selbst verschuldet haben. Sie scheinen sich selbst genug zu sein: Bartleby ebenso wie Elle aus La voix humaine. Bartleby im Schweigen, Elle im Sprechen, im ständigen Dialog mit ihrem Inneren. Beide haben sich den sanften Mantel der Einsamkeit übergestreift. Er spendet Sicherheit, Trost, Schutz und – ja – Unnahbarkeit. So bleiben sie sich selbst treu in ihrer Isolation, in ihrer inneren Emigration. Genießen sie ihre Einsamkeit vielleicht sogar? Schon Schopenhauer beschäftigte sich mit Menschen, die es als erschöpfend empfinden, oberflächliche Gesellschaft zu ertragen. Im Falle Bartlebys könnte innerer Frieden wertvoller sein als das Gefühl der Zugehörigkeit.

Novelle „Bartleby“ Melone Magritte
© Barbara Röder

Magrittes Schattenwelt

In einem aufschlussreichen Vorgespräch zur Uraufführung am Premierentag versammelten sich der Komponist Benoît Mernier, der Librettist Sylvain Fort und Regisseur Vincent Bussard auf der Hinterbühne des Opernhauses. Ein klug gewählter Ort: dunkel, mystisch und geheimnisvoll wie Bartleby selbst. Dort blitzte im Hintergrund auf einem Metallkopf ein wichtiges späteres Bühnenaccessoire auf: die Melone des belgischen Surrealisten René Magritte, die auf dessen ikonisches Motiv Der Mann mit der Melone verweist. Die Melone begegnet dem Publikum bereits in der ersten Szene von Bartleby: Die drei Bürogehilfen tragen sie. Ebenso deutet ein großer offener Kreis, der einmal als rundes Fenster, dann wieder als überdimensionales Bullauge erscheint, auf eine Reminiszenz an Magrittes Bildwelten hin.

Der Bühnenbildner Vincent Lemaire positioniert diesen „bleichen Mond“, dieses runde Fenster, in die weiß getünchten, verschiebbaren Backsteinwände, die beide Kurzopern dominieren: die Anwaltskanzlei in Bartleby und Elles luxuriöses Loft in La voix humaine. Von hier aus blicken wir entweder auf die Skyline einer amerikanischen Metropole oder in das tiefschwarze Nichts von Elles Seele.

Beide Einakter sind in Amerika verortet – ein sinnvoller und sehr geschickter Schachzug. Effektvolle Lichtkompositionen von Silvia Vaccari sowie die Videos von Nicolas Hurtevent vervollständigen die skurrilen, grotesk überzeichneten und vielschichtigen Situationen beider Kurzopern.

Novelle "Bartleby" A. C. ANTONACCI © J-Berger_ORW-Liège Bühnenbild
A. C. ANTONACCI © J-Berger_ORW-Liège

Klang der inneren Isolation

Librettist Sylvain Fort hat als kongeniales Pendant zu Cocteaus La voix humaine eine tief poetische, nachttrunkene Psychostudie geschaffen. Benoît Merniers Vertonung orientiert sich rhythmisch stark an der englischen Sprache und am psychotisch wirkenden Zustand seines Protagonisten. Eindringlich erklingen die hohen, surrenden Holzbläser; impressionistisches Flirren und rauschhafte Streicherlinien erinnern an suggestive Filmmusik – Musik, die ebenso gut einen Stummfilm hätte begleiten können. Da Bühne und Figuren überwiegend in Schwarz-Weiß-Tönen gehalten sind, lässt die Partitur zugleich an einen vertonten Comic denken.

Im letzten eindrucksvollen Bild geben Solofagott und Bassklarinette den Ton an. Tulpen hängen von der Decke, der Mond erscheint rund und schwarz. Es ist Bartlebys Todesmond. Sein Tod ist nahe – vielleicht war er es immer. Patrizia Ciofi singt die Anwältin mit intensiver Bühnenpräsenz und klarem, höhensicherem Sopran. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch ihre teilweise mangelnde Textverständlichkeit. In Melvilles Novelle ist es ein männlicher Anwalt, der seinen Schützling Bartleby weder verstehen noch retten kann.

Spiel zwischen Groteske und Präzision

Der Amerikaner Edward Nelson stattet den menschenscheuen, einsamen und in sich gekehrten Bartleby mit einem emotional berührenden, zart timbrierten Bariton aus – ein großer Gewinn für diese farbenreiche und szenisch anspruchsvolle Partie. Wenn zu Beginn von Bartleby die drei Aktenschieber Turkey, Nippers und Ginger Nut auftreten, sind wahre Komiker am Werk. Da wird ein Schuh am Hosenbein geputzt, sinnlos Tintenkleckse auf Papier getropft oder Löcher in Wände gebohrt und geschlagen. Slapstick hoch zehn! Die drei erinnern an Ping, Pang und Pong aus Puccinis Turandot. Sie verrichten Arbeit ohne Sinn und Zweck – und singen und spielen dabei hervorragend. Damien Pass überzeugt als Turkey mit flexiblem Bassbariton. Seinen exzentrischen Kollegen Nippers gestaltet Santiago Bürgi mit bewusst grenzüberschreitender Tenorenergie: wild, exzentrisch, fast irrwitzig. Auch Gustave Harmegnies als Ginger Nut bewegt sich nahe an der Grenze skurriler Überzeichnung. Sinnentleertes Tun kann schließlich verrückt machen.

Während der Zwischenspiele bleibt der Vorhang geschlossen. Gerade dadurch entfaltet die Musik eine ungeheure Sogwirkung. Mit Dirigentin Karen Kamensek erlebte Benoît Merniers Kammeroper bei ihrer Uraufführung eine höchst filigrane, zugleich impressionistisch angehauchte und anspruchsvolle musikdramatische Gestaltung.

Novelle "Bartleby" E. NELSON ©J-Berger_ORW-Liège
E. NELSON © J-Berger_ORW-Liège

Elles Abgrund

„Ich bin ein Mensch der Einsamkeit und der wilden Sinnenfreuden.“
— Jean Cocteau

In eine spannende und illustre Welt (ent) führt Regisseur Vincent Bussard uns mit seiner Introspektion von Cocteau‘/Poulencs intimen Kammerspiel, der lyrischen Tragödie La voix humaine. Es herrscht kühler Luxus vor. Ein schnurloser Telefonhörer im Stil der 1950er-Jahre, der immer wieder aus dem Champagnerkühler gefischt wird, hat was, besitzt Charme. Dieses wichtige Accessoire verweist auf die Entstehungszeit der Komposition. Im Kingsize-Bett mit cremefarbenen Seidenlaken und -kissen liegt ein toter Mann: Elles Geliebter. Ist er beim Liebesakt gestorben, oder hat sie sich seiner entledigt? Wir wissen es nicht. Ein Regieclou.

Im darauffolgenden Monodrama triumphiert Anna Caterina Antonacci grandios in jeder Geste und Nuance. Sie ist eine Elle mit Mut zur Leidenschaft – einer hemmungslosen Leidenschaft für sich selbst. Francis Poulenc forderte eine junge, elegante Dame; wir erleben jedoch eine furiose „Grand Dame“. Hochdramatisch und emotional ausladend agierend, kreiert Antonacci eine Elle, die der alternden Diva Norma Desmond (Sunset Boulevard) Konkurrenz machen könnte. Mit subtiler Schauspiel- und Interpretationskunst lässt die grandiose Sopranistin das Publikum miterleben, wie eine Frau, die möglicherweise ihren Geliebten getötet hat, verzweifelt ihren Illusionen erliegt – jenen Illusionen, ohne den Anderen nicht atmen, nicht leben zu können. Dies ist Elles persönliche Tragödie. In Monologen und imaginären Dialogen versucht sie, vollkommen überdreht, ihre traurige Einsamkeit zu bewältigen.

In Poulencs Komposition wird das Xylophon, das das Klingeln des Telefons simuliert, zum Folterinstrument für Elle. Karen Kamensek entfaltet am Pult der Opéra Royal de Wallonie ebenfalls ein eindrucksvolles klingendes Psychogramm.

Fazit: Ein besonderer Premierenabend, der elektrisierende Augenblicke und Opernkunst vom Feinsten bot. Die Opéra Royal de Wallonie ist ein Opernhaus, das auch in der Spielzeit 2026/27 Außergewöhnliches, Innovatives und Spektakuläres zu bieten hat.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Bartleby /
Benoît Mernier
Libretto by Sylvain Fort, after the short story by Herman Melville
La Voix humaine /
Francis Poulenc
Libretto by Jean Cocteau
Musikalische Leitung
Karmen Karensek
Opéra Royal de Wallonie Liège

Das Wichtigste in Kürze

  • Psychologisch verdichtetes Doppel aus Mernier und Poulenc
  • Bildstarke Bühne mit surrealen Magritte-Anklängen
  • Musikalisch fein ziseliertes Klangtheater

When the novella Bartleby meets La voix humaine in Liège…Musikalisch fein ziseliertes Klangtheater

Herman Melville’s Bartleby, the Scrivener portrays radical refusal and existential solitude. In Benoît Mernier’s operatic adaptation, the figure gains new psychological depth. Bartleby withdraws from action and communication until he ultimately dies in prison.

The production pairs Mernier’s Bartleby with Poulenc’s La voix humaine. These two one-act works share a central theme: chosen isolation. Bartleby remains silent, while Elle speaks incessantly—both are trapped within themselves.

The staging draws on René Magritte’s imagery, using the bowler hat and circular window as visual motifs. Surreal spaces meet stark, movable walls. Lighting and video enhance the tension between reality and inner void.

Musically, a refined psychological landscape emerges. Mernier’s score features hovering woodwinds and shimmering strings, while Poulenc relies on direct emotional expression.

Edward Nelson portrays Bartleby with a sensitive baritone. Supporting roles introduce grotesque humor. Anna Caterina Antonacci delivers an intense performance as Elle, embodying a woman caught between illusion and despair.

Conductor Karen Kamensek shapes both works into a compelling musical drama—an evening of opera that explores inner exile and existential fragility.

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