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Wittener Tage: Klangforschung unter Hochspannung

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Musik

Wenn Styropor unter Cellobögen die Gegenwart zum Frösteln bringt… Die 58. Wittener Tage für neue Kammermusik zeigen, wie nah sich Klangforschung und politische Dringlichkeit kommen können – und warum dieses Festival ein kostbares Refugium bleibt. Von Stefan Pieper.

Ich sitze in der ersten Reihe der WERK STADT, einer neuen Spielstätte bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik, direkt neben Chaya Czernowin. Die Komponistin hat mich gerade vorgewarnt, es könne laut werden. Auf der Bühne schleift ein Cellist sein Instrument am Stachel über den Boden, Nebel kriecht zwischen die Musiker des Kölner Ensemble hand werk, die sich mit dezidierter Mimik zu einer sozialen Skulptur vereinen, bevor sie sich erschöpft fallen lassen. Eine merkwürdige Abschiedsszene mit Umarmungen folgt, begleitet von Motorengeräuschen – hat das mit Deportation zu tun? Manchmal ist die leere Bühne das aussagekräftigste Element. Dann kommt der Moment, der sich körperlich einschreibt: Alle Beteiligten streichen Cellobögen über Styroporblöcke. Das Frösteln, das durch den Raum geht, ist schlimmer als jede zu kalt eingestellte Klimaanlage in einem Schauspielhaus im Sommer. Zu laut war das nicht, sondern genau so, wie es sein muss.

Klangforschung unter Strom

Czernowins „The Redheaded Man“, Uraufführung ihres Musiktheaters nach Texten des sowjetischen Absurdisten Daniil Charms, war der Moment, auf den das ganze Festival zulief. Die israelische Komponistin, die erstmals selbst Regie führte, machte Ernst damit, jede Ebene narrativ aufzuladen: Jeder Klang, jede Geräuschgeste wird zum imaginären Theaterdarsteller. Die Stimme wispert, Trommelwirbel peitschen, die Musik braust auf zu einer extremen Überwältigungsästhetik, dazu Posen der Erschöpfung und gespenstische Assoziationsfelder von Flucht und Verfolgung – aber auch Utopien und absurder Humor. Dieses Stück, das gleich zweimal aufgeführt wurde, hat der 58. Festivalausgabe ihr Gepräge gegeben.

Wittener Tage für Kammermusik 2026 Ensemble hand werk
Ensemble hand werk / (c) Claus Langer, WDR 

Wenn die Wirklichkeit nachzieht

Aber von vorne. Patrick Hahn, der die Konzeption noch verantwortete, bevor sein Ruf nach Frankreich kam und Anselm Cybinski als neuer WDR-3-Redakteur die Leitung übernahm, hatte darauf hingewiesen, dass vieles lange vor den jüngsten Eskalationen kuratiert wurde. Der Irankonflikt und die Verschärfungen im Nahen Osten gaben dem Programm kurzfristig beklemmende Aktualität. Dass eine israelische Porträtkomponistin und ein iranischer Komponist teilweise im selben Konzert erklangen, war keine kalkulierte Provokation – denn die Wirklichkeit holte die Dramaturgie ein.

In Witten geht es nicht um Slogans, sondern um Musik, die aus sich heraus spricht. Das Klangforum Wien machte das am Eröffnungsabend deutlich. Isabel Mundrys Werk entfaltete mit Glissandi und Live-Elektronik des IRCAM einen illusionären Klangraum, Márton Illés‘ „Sketches“ verdichteten Blechbläserakkorde und perkussive Gesten, Czernowins „Seltene Erden“ trieb den Abend in eine kompromisslose Richtung. Elena Schwarz dirigierte mit einer Fokussierung, die sich einbrannte. Drei Werke dieser Dichte hintereinander forderte die Aufnahmekapazität heraus – aber genau dafür kommt man nach Witten. Dass Mundry und Czernowin hinterher die Bühne stürmten und die Musiker umarmten, dass das Publikum diesen Konsens mittrug – das gehört zu den Dingen, die dieses Festival so kostbar machen.

Im Festsaal pflegte Enno Poppes „Faden“, gespielt von Anna Maria Hölscher am Akkordeon und Florian Hölscher am Klavier, eine sinnliche Konfrontation: Das Klavier leiht dem Akkordeon seinen Resonanzraum, das Akkordeon dem Klavier seine dynamische Formbarkeit. Eine echte Repertoire-Erweiterung für diese seltene Kombination.

Virtuoser Forschungsdrang

Doch der Höhepunkt des Eröffnungsabends, der Moment, der das Publikum zum Ausrasten brachte, war Peter Evans‘ „Music for Brass Quintet“. Evans, auch als freier Jazztrompeter bekannt, legt hier offen, wie improvisierte Grundlagenforschung in komponierte Struktur überführt werden kann. Die irrwitzigen Spielfiguren seiner Soloauftritte leben in einer hochkomplexen polyphonen Architektur weiter – Spielwitz und subversive Lässigkeit der freien Szene, übertragen auf eine polytonale Struktur, die kurz vor Mitternacht eine heftige Tour de Force gewesen sein muss. In den Unisono-Passagen stimmten die fünf Bläser ihre Frequenzen so aufeinander ab, dass alles aus einem einzigen Atem zu kommen schien – nicht aus fünf Instrumenten, sondern aus einem.

Wittener Tage für Kammermusik 2026 Ching Dong Band
Ching Dong Band (c) Claus Langer, WDR 

Stadt, Straße, Saalbau

Am Samstagmorgen die Gegenprobe: Kann dieses Festival den Saalbau verlassen? Die CHING DONG Band zog als fröhliche Prozession durch die Fußgängerzone. Nett war das und freundlich, aber um den öffentlichen Raum mit Musik aus dem Wittener Kosmos aufzumischen etwas zu oberflächlich. Mittendrin gebot die Polizei der harmlosen Prozession Einhalt – behördliche Formalien. Deutschland im Jahr 2026. Auch diese Intervention hatte etwas unfreiwillig Künstlerisches.

Im Saalbau wartete das Trio Abstrakt – Marlies Debacker am Klavier, Salim Javaid am Saxophon, Shiau-Shiuan Hung am Schlagzeug. Die drei bewiesen ein Händchen für Steigerungsdramaturgie: Von Posadas‘ Obertonfarbenreichtum über Lazkanos expressiven Druck bis zu Steinkes „Voltage“, das auf einen regelrechten Spielrausch hinauslief. Der Flügel fauchte unter Debackers Schlägeln und E-Bow – auch das eine Absage an jede Domestizierung von Musik.

Wittener Tage für Kammermusik 2026 Noa Frenkel
Noa Frenkel / (c) Claus Langer, WDR 

Nahost, Trost und junge Stimmen

Am Samstagabend stellte die Basel Sinfonietta unter Titus Engel israelische und iranische Werke nebeneinander. Das dunkle Timbre der Altistin Noa Frenkel bildete mit den Orchesterfarben eine bezwingende Einheit. Dass dazwischen Gofrâm Kajâms spirituelles „Seven Valleys of Love“ stand – Musik über die Liebe als tiefsten Kern des Seins –, war kein Bruch: Auch Trost gehört zur Gegenwart. Begüm Aslan, junge Sopranistin und Kontrabassistin, machte mit Vokalakrobatik und glockenheller Stimme ihr eigenes Ding – je abgedrehter, desto besser. Ein Schlaglicht auf die Gegenwart junger Menschen, von denen auffällig viele aus der Türkei kommen.

Transzendenz als Schlussakkord

Dramaturgisch gelungen war, dass nach all der Dringlichkeit das Abschlusskonzert mit dem WDR Sinfonieorchester eine Abrundung ins Transzendentale herbeiführte. Klangsinnliche Traumsequenzen, Reminiszenzen an spätromantische Klangfarben, dazu feinste Elektronikinterventionen des IRCAM, die man als Geniestreich bezeichnen darf. In Czernowins „No! A Lament for the Innocent“ blieben die verzweifelten Rufe der Sopranistin haften – ein letzter Protest, bevor das Unentrinnbare zur Ruhe kommen durfte. Vierzehn Uraufführungen, sieben Erstaufführungen, realisiert durch die Hingabe erstklassiger Ensembles und Solistinnen, haben in Witten Klangforschung als existenzielle Praxis erlebbar gemacht: eine Kunst, die aus dem tiefen Konsens zwischen Komponierenden, Ausführenden und einem hellhörigen Publikum ihre Kraft schöpft.

In einer Zeit, in der das Gefällige alles zu erdrücken droht und auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in vielen Bereichen weichgespült wird, bleibt dieses Festival ein kostbares Refugium künstlerischer Freiheit.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Die 58. Wittener Tage für neue Kammermusik
fanden vom 24.-26. April 2026 statt
Die Wittener Tage für neue Kammermusik werden gemeinsam veranstaltet vom Westdeutschen Rundfunk und Kulturforum Witten.
Sämtliche Konzerte sind in der WDR-3-Audiothek nachhörbar.https://wittenertage.de/

Das Wichtigste in Kürze

  • Uraufführung von Czernowins Musiktheater „The Redheaded Man“
  • Basel Sinfonietta mit iranischen und israelischen Werken
  • Vierzehn Uraufführungen als konzentrierte Klangforschung

Wittener Tage (Witten Days): Sound Research Under High Voltage

The 58th Witten Days for New Chamber Music showed how closely radical sound research and political urgency can intertwine, and why this festival remains a rare refuge. At its centre stood Chaya Czernowin’s music theatre work „The Redheaded Man“, turning every noise gesture into an imaginary stage figure. Whispered voices, whipping drums and ghostly images of flight and persecution collide with absurd humour and utopian flashes, giving the entire edition its tone.The conflict in Iran and the escalating tensions in the Middle East lent the programme an unsettling immediacy. When an Israeli composer in focus and an Iranian composer appear within the same concert, it does not create calculated provocation but a dialogue enforced by music itself.Ensembles such as Klangforum Wien, Basel Sinfonietta, Trio Abstrakt and the WDR Symphony Orchestra traced a line from glissando‑rich illusionistic soundscapes through improvisation‑driven virtuosity to a final, transcendental concert. Fourteen world premieres and seven first performances made sound research tangible as existential practice, supported by an alert audience and the dedication of outstanding ensembles.

In a time when pleasantness threatens to flatten everything, Witten maintains its role as a precious laboratory of artistic freedom.

 

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