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Nigerianische Literatur: Stadtgeschichten aus Lagos

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Buch Literatur

Von Birgit Koß.

Schaut man sich die Verteilung der Herkunft afrikanischer Autoren auf dem deutschen Markt an, so liegt nigerianische Literatur eindeutig an der Spitze. Das hat viele Gründe. Erstens ist Nigeria das einwohnerstärkste Land Afrikas. Außerdem kommen aus Nigeria der Nobelpreisträger Whole Soyinka, China Achebe, der als Vater der modernen afrikanischen Literatur bekannt ist, der Bookerpreisträger Ben Okri, der ermordete Menschenrechtler und Schriftsteller Ken Saro-Wiwa, die Bestsellerautorin Chimamanda Ngozi Adichie, Sefi Atta, Helon Habila, Teju Cole, Lola Shoneyin, die ein eigenes Literaturfestival in Nigeria aufgezogen hat und viele weitere Autoren und Autorinnen, die auch im Feuilletonscout zu finden sind. Und immer schon hatten nigerianische Autoren einen engen Draht zu englischen Verlagen und damit einen schnellen Weg nach Europa. Hier zwei Bücher und Autorinnen, die sich aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Metropole Lagos beschäftigen.

Stimmen aus dem neuen Lagos

Damilare Kuku gehört zur jungen Generation. Sie hat als Schauspielerin, Drehbuchautorin, Filmproduzentin etc. gearbeitet. Ihr Debüt als Schriftstellerin war die Sammlung von 12 Kurzgeschichten, die 2022 zum bestverkauften Belletristik-Titelin Nigeria gekürt wurde. Auf Handys wurden massenweise Raubkopien gelesen. Alle ihre Geschichten spielen in der Metropole Lagos, wo jeder gegen jeden kämpft, um ein möglichst großes Stück vom Kuchen abzubekommen. Tradition und die brutale Lebensrealität der modernen Megacity prallen ungebremst aufeinander. Männer punkten mit Einkommen, Herkunft und guten Beziehungen, Frauen mit ihrem Aussehen und Auftreten. Alle wollen möglichst sexy sein und im Kampf um die Liebe und oder Beziehungen ist fast alles erlaubt.

nigerianische literatur peter hammer fast alle maenner in lagos sind verrückt
Cover: Peter Hammer Verlag

Mit einem großen Schuss Humor bis zur Satire und häufig ganz überraschendenWendungen begleitet die Autorin ihre Protagonisten, wechselt immer wieder die Perspektive und lässt ihre Erzählerinnen vor nichts zurückschrecken: „wenn Lukemon nicht aus diesem Haus auszieht, dann schneide ich ihm den Penis ab und benutze ihn für Rituale, um zu Reichtum zu kommen.“ Eine Pastorenfrau greift zu unglaublichen Mitteln, um die Ehe mit ihrem untreuen Ehemann zu retten. Eine andere Protagonistin fragt sich am Ende ihres Beziehungstagebuches über zwei Monate mit vorwiegend weißen Männern: „Oyimbo-Männer in Lagos habe ich für mich abgehakt. Wobei ich mich rückblickend manchmal frage, ob das eine besondere Verrücktheit ist, die Männer befällt, sobald sie in Lagos sind. Sind alle Männer in Lagos verrückt oder bin ich das?“

Aber die Autorin erzählt auch aus der Perspektive der Männer, die an den berechnenden Schönheiten schier verzweifeln. So gelingt Damilare Kuku ein überaus unterhaltsames, rasantes Porträt des modernen Großstadtlebens, das den Nerv der Zeit getroffen hat.

Erinnerung an ein anderes Lagos

Einen wunderbaren Kontrast dazu hat die Schweizer Autorin Barbara Traber mit ihren Erinnerungen an ihren Aufenthalt in Lagos Mitte der 60er-Jahre geschaffen. „Nigeria – ich komme! Eine mutige junge Schweizerin in Lagos 1964/65“. Sie hat für diesen Text sechzig Jahre später ihre damaligen Notizen, Tagebucheintragungen und Briefkopien genutzt.

Die 21jährige abenteuerlustige Schweizerin hat 1964 ihre Ausbildung zur Sekretärin beendet und bewirbt sich für den Auslandsdienst. Sie erhält eine Stelle in der Schweizer Botschaft in Lagos. Furchtlos und neugierig tritt sie ihre Reise an und begegnet der Bevölkerung in dem erst seit kurzem unabhängig geworden Nigeria mit offenem Herzen. „Zwei Worte in ihrer Sprache, ein Lächeln – und schon bin ich nicht mehr fremd. Sie wollen mir die Hände geben, und ich liebkose ihr Kind. Man streckt mir bunte Schüsseln aus Emaille entgegen mit dampfendem Resi und scharfer Pfeffersauce, und alle lachen über meine ungewollten Tränen, und klopfen mir auf die Schulter und wollen die Penny-Münzen nicht mehr annehmen – ich bin ihr Gast“.

nigerianische literatur nigeria ich komme
Cover: Neptun Verlag

Die junge Barbara Traber erlebt Lagos schon damals als schnell wachsende, pulsierende Stadt. Als Botschaftsangestellte führt sie ein privilegiertes Leben mit Cocktailpartys und Dinners des diplomatischen Corps und lernt so auch den berühmten nigerianischen Maler und Bildhauer Ben Enwonwu kennen. Sie fällt natürlich mit ihrer Hautfarbe fast immer auf – auch als sie bei einem gemischten Chor in Lagos mitsingt, fühlt sich aber immer willkommen und ist fasziniert davon, insbesondere wenn sie bedenkt, wie stark der Rassismus bei ihren Landsleuten und in ihrer Heimat verankert ist. Sie geht raus auf die Straßen und Märkte und erlebt die Bevölkerung als offen und neugierig auf die neuen Zeiten, noch vor dem Biafrakrieg und der Militärdiktatur, die wenige Jahre später folgten. Wir erleben Lagos durch ihren offenen Blick. Vieles hinterfragt sie und stellt auch sich selber immer wieder in Frage, so dass ein interessantes Porträt der Stadt in dieser Zeit entsteht.

Daneben erfahren wir viel über die junge Barbara Traber, die später zur Übersetzerin und Autorin wird: „Später zu Hause im Dorf ergreift mich plötzliche Panik. Mir ist, ich müsste in der engen Stube ersticken. Rasch reiße ich die Fenster auf, brauche Luft, fühle mich fremd. Es braucht Zeit, anzukommen, aber ich weiß: Afrika wird immer ein Teil von mir bleiben.“

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken

Damilare KukumFast alle Männer in Lagos sind verrückt
Aus dem nigerianischen Englisch von Henriette Zeltner-Shane
Peter Hammer Verlag,
Wuppertal 2025
bei Thalia
Barbara TraberNigeria – ich komme! Eine mutige junge Schweizerin in Lagos 1964/65
Neptun Verlag,
Bern 2024
bei amazon
bei Thalia

Das Wichtigste in Kürze

  • Zeitgenössische Nigerianerin Damilare Kuku mit pointiertem Lagos-Porträt
  • Schweizerin Barbara Traber erinnert sich an Lagos 1964
  • Zwei weibliche Perspektiven über Wandel, Identität und Stadtleben

Nigerianische Literatur (Nigerian Literature): Stories from Lagos

Nigerian literature leads among African voices on the German book market. Names like Chinua Achebe, Wole Soyinka and Chimamanda Ngozi Adichie have paved the way. Two recent books now return to Lagos – in two different eras.

Damilare Kuku, actress and screenwriter, depicts life in today’s megacity in “Almost Strangers.” Her characters struggle for success, love, and status; women wield charm as power, men lose themselves in vanity and ambition. With biting humour and rapid shifts in perspective, Kuku paints a vivid portrait of contemporary Nigerian society. Swiss author Barbara Traber offers a contrasting view with her memories of Lagos in the mid-1960s. Newly trained as a secretary, she works at the Swiss Embassy and encounters a nation still young and hopeful. Her recollections of daily life and spontaneous exchanges reveal warmth, curiosity, and the awakening of self-awareness amid cultural difference.

Together, these two books present Lagos as a city that vibrates between contradictions and change – a place where Nigerian literature finds both its roots and its future.

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