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Oliver Bottini: Thriller im Schatten von Cum-Ex

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Buch Literatur

Von Barbara Hoppe – Es gibt Finanzskandale, die, wären sie eine Romanhandlung, als komplett überzogen kritisiert und der Plot mit Häme überschüttet würde. Und dann gibt es Cum-Ex und Cum-Cum, jene juristischen Zauberkunststücke, mit denen sich findige, deutsche Finanzjongleure über Jahre hinweg an der Steuerkasse bedient haben. Undurchsichtige Finanzgeschäfte, die kaum jemand nachvollziehen kann. Genau hier setzt Oliver Bottini an, einer der versiertesten deutschsprachigen Krimiautoren und sechsfacher Preisträger des Deutschen Krimipreises. Sein aktueller Roman „Die Summe aller Dinge“ nimmt sich eines der komplexesten Finanzverbrechen unserer Zeit vor – und macht daraus einen packenden Thriller.

Und nicht nur das: Oliver Bottini gelingt es, Cum-Ex und Cum-Cum auch für den Normalmenschen verständlich zu machen. Er entwirrt die Mechanik dieser Aktiendeals so anschaulich, dass man am Ende tatsächlich versteht, wie sich Banken, Investoren und windige Mittelsmänner nicht gezahlte Steuern mehrfach erstatten ließen und Milliarden Euro kassierten. Selten hat ein Roman ein derart trockenes Thema so präzise und gleichzeitig so packend heruntergebrochen.

Drei Freunde, ein tödliches Geschäft

Im Zentrum stehen Zaid, Freddy und Erik – drei Studienfreunde, die gemeinsam in großem Stil mit Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäften Kasse gemacht haben. Keine Bösewichte im klassischen Sinn, aber Schlawiner, die sich in einer Mischung aus Gier, Selbsttäuschung und Naivität immer weiter in kriminelle Netze verstricken. Bis zu dem Tag, an dem alles zusammenbricht. Freddy wird in London von einem geheimnisvollen Wagen überfahren. Erik wird auf Capri in seiner Villa von der Mafia überfallen. Und Zaid erschießt sich eines Morgens in Duisburg. Drei Männer, drei Tode und keiner kann sich erklären, was wirklich passiert ist.

Oliver Bottini Die Summe aller Dinge Cover
Cover: DuMont Buchverlag

Im Dickicht der Schuld

Die Frankfurter Kriminalbeamtin Vera Berg ist Zaids Witwe. Völlig überwältigt von einem Leben ihres Mannes, von dem sie nichts geahnt hat, begibt sie sich auf die Suche nach Antworten. Was hat ihr Mann vor ihr verheimlicht? Warum musste Freddy sterben. Und war Erik wirklich tot? Vera reist nach Capri, um Antworten zu finden und wird dabei immer wieder mit dem eigenen, einst so stabilen und nun aus den Fugen geratenen Leben konfrontiert. Parallel dazu kämpft sich Staatsanwältin Esther Molien durch das Dickicht der Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäfte. Ihre Arbeit erinnert an die tatsächlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Köln, die über Jahre hinweg Banken, Fondsmanager, Anwälte und Finanzjongleure ins Visier nahm. Da ist Ostermann, der Anwalt der drei Freunde, der in ständiger Angst lebt, weil er zu viel weiß. Oder Shaid Rasool, ebenfalls tief in die Geschäfte verstrickt, auf der Flucht vor Leuten, die ihn zum Schweigen bringen wollen. Oder auch Privatdetektiv Henry Weir, dessen Auftraggeber im Dunkeln bleibt. Oliver Bottini führt hier geschickt verschiedene Handlungsstränge durch das undurchsichtige Netz der Finanzwelt, in dem auch die Mafia kräftig mitmischt und in dem die undurchsichtige Figur des Polizisten Michele Correone nur ein Beispiel dafür ist, wie dicht organisiertes Verbrechen bereits in staatlichen Institutionen etabliert ist.

Die Kunst der Verstrickung

Bottini erzählt in einer Struktur, die stark an gute Streaming-Serien erinnert: mehrere Handlungsstränge, Rückblenden und retardierende Momente sind hierfür typisch. Ein Trend, der sich derzeit bei vielen Autoren beobachten lässt. Wer die Technik beherrscht, kann sich fast sicher sein, sein Lesepublikum zu fesseln, was keineswegs negativ gemeint ist. Auch Bottini lässt sich Zeit, in Ruhe zu erzählen, Spannung aufzubauen, ohne dass der Überblick verloren geht – auch wenn man als Leser durchaus mitdenken muss.

Herausgekommen ist „Die Summe aller Dinge“ – ein treffender Titel für Wirtschaftsthriller, Mafiakrimi und Justizdrama in einem. Oliver Bottini gelingt das Kunststück, ein globales Finanzverbrechen so zu erzählen, dass man am Ende nicht nur eine fesselnde Geschichte gelesen, sondern auch etwas über die unheilige Allianz von Finanzwelt, Justiz und organisierter Kriminalität verstanden hat. Politisch brisant, hochaktuell und mit einem Figurenensemble, das überzeugt. „Die Summe aller Dinge“ ist auf jeder Seite ein intelligenter, spannender und absolut lesenswerter Roman.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Oliver BottiniDie Summe aller Dinge
DuMont Buchverlag
Köln 2026
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Das Wichtigste in Kürze

  • Cum-Ex als präzise erzählter Kriminalstoff
  • Drei Todesfälle zwischen London, Capri und Duisburg
  • Finanzwelt, Justiz und Mafia in einem Netz

Oliver Bottini: A Thriller in the Shadow of Cum-Ex

Some financial scandals would seem implausibly exaggerated if they were fictional. Cum-Ex and Cum-Cum belong to that category, but they are real: opaque transactions through which financial players helped themselves to public coffers for years. In Die Summe aller Dinge, Oliver Bottini turns the subject into a gripping thriller while also showing how banks, investors and intermediaries secured repeated reimbursements for taxes that had not been paid.

At the centre are the university friends Zaid, Freddy and Erik. Together, they made money from Cum-Cum and Cum-Ex transactions until their system collapses: Freddy is run over in London, Erik is attacked by the Mafia at his villa on Capri, and Zaid shoots himself in Duisburg. His widow, Frankfurt police officer Vera Berg, begins searching for answers about a life of which she knew nothing.

At the same time, public prosecutor Esther Molien works her way through the thicket of financial transactions. Lawyers, fugitives, a private investigator and the Mafia enlarge a web that reaches into state institutions. Bottini handles the parallel narratives with assurance, using flashbacks and delayed revelations without losing clarity. Die Summe aller Dinge combines the economic thriller, the Mafia novel and the courtroom drama. Politically charged and suspenseful, it makes the unholy alliance of finance, justice and organised crime tangible.

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