Immer mehr Romane folgen der Logik der Serie – spannend, zugänglich, rhythmisch gebaut. Ein Kommentar über die schleichende Vereinheitlichung der Literatur von Barbara Hoppe.
Wer heute die Neuerscheinungen der Verlage betrachtet, gewinnt bisweilen den Eindruck, der Roman habe sich heimlich ein neues Vorbild gesucht: nicht mehr nur die literarische Tradition, sondern die Serie. Immer mehr Bücher erzählen in einer Dramaturgie, die man fast schon als streamingtauglich bezeichnen möchte. Das ist nicht unbedingt ein Vorwurf. Es kann ein Kompliment sein. Denn diese Romane sind oft spannend, sehr bildhaft, sie ziehen ihre Leserinnen und Leser soghaft hinein ins Geschehen. Gerade Kriminalromane und Thriller beherrschen dieses Verfahren perfekt. Doch je häufiger man es findet, desto deutlicher wird auch die Kehrseite: Aus einer erfolgreichen Erzählform wird ein wiederkehrendes Muster.
Der Sog des Fortsetzungsromans
Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Diese Romane sind oft höchst professionell gemacht und verfehlen ihre Wirkung nicht. Oliver Bottinis „Die Summe aller Dinge“ ist dafür ein gutes Beispiel. Der Roman ist packend und thematisch hochaktuell; zugleich folgt er einer Spannungsarchitektur mit mehreren Handlungssträngen, Rückblenden und Enthüllungen, die als Stoff für eine Serienstaffel geeignet sind. Gerade diese Form der Erzählung zeigt, wie nah moderner Thriller und Serienlogik inzwischen beieinander liegen.
Allerdings ist dies auch der Punkt, an dem man fragen darf: Wenn sich Romane immer häufiger so lesen, als seien sie bereits auf ihre filmische Verwertung hin entworfen, was bedeutet das für die Literatur selbst? War der Roman nicht auch immer ein Ort der Sprache, der Form, der Abschweifung, des poetischen Risikos? Kurz: Ein Roman darf eigenwillig sein und sich festen (Lese-)Gewohnheiten entziehen – und damit überraschende neue Horizonte öffnen.
Die serielle Dramaturgie hingegen hat ihre eigene Logik: Sie lebt vom Wechsel zwischen Vorwärtsdrang, Verzögerung und neuen Anläufen. Doch genau dieses Prinzip prägt inzwischen auch viele Romane, was zwangsläufig dazu führt, dass sich Texte einander angleichen. Was bleibt, ist ein gut geölter Erzählmechanismus — solide, fesselnd, professionell. Doch der Preis dieser Verlässlichkeit kann eine gewisse ästhetische Literatur-Monotonie sein.
Wo der Roman widerständig wird
Umso freudiger darf man da auf die Romane schauen, die sich diesem Schema entziehen. Gary Victors „Erschütterungen“ etwa wirkt gerade deshalb als Gegenbeispiel, weil der Text so konzentriert und knapp gearbeitet ist. Der Roman ist ein harter Blick auf Haiti und mit nur 94 Seiten alles andere als ein breit ausladender Serienstoff. Die Verdichtung ist das Stilmittel, um der Erzählung Nachdruck zu verleihen, nicht der Verfilmung eine Vorlage zu bieten.
Ein großer Unterschied, der spannende und zugängliche Romane nicht pauschal verurteilen soll. Vieler dieser Werke sind gut recherchiert – und eben mitreißend. Aber die schleichende Verschiebung hin zu Serienlogik, Marktanforderungen und mediale Anschlussfähigkeit sind mitunter kaum noch zu übersehen. Das Ergebnis sind viele gut gemachte Bücher, die ihren Zweck erfüllen, aber selten aus dem Rahmen fallen. Dabei ist die entscheidende Frage doch, ob der Roman noch etwas anderes will als nur eine stromlinienförmige Erzählung. Ob er Sprache wagt, Form ernst nimmt und dem Leser nicht nur einen Plot, sondern eine eigene Welt eröffnet.
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Unsere Art und Weise, Geschichten aufzunehmen, wird heutzutage wohl von keinem Erzählformat so stark geprägt wie von Serien.
So sehr man sich dabei eine ausgewogene Wechselwirkung wünschen würde, bei dem die Literatur Filme und Serien ebenso stark (um)gestaltet wie umgekehrt: diese Beeinflussung scheint vornehmlich in einer Richtung zu verlaufen.
Dabei ist prinzipiell nichts daran auszusetzen, wenn Autor*innen stromlinienförmig schreiben und den Projektor fürs Kopfkino anwerfen. Und während es eine berechtigte Annahme ist, dass manche von ihnen ihre Werke im Hinblick auf eine Verfilmung konzipieren, dürfen wir nicht vergessen, dass Schriftsteller*innen ebenso streamen wie ihre Leserschaft, und Serien nicht nur Seh- und Lesegewohnheiten verändern, sondern im Zuge dessen eben auch das Erzählen selbst.
Problematisch wird dies, wenn Leser*innen, gewohnt an glattpolierten Streaming-Stoff, sich an Elementen stoßen, die den reibungslosen Lesefluss „stören“, anspruchsvolle Sprache etwa, Tiefgang, der die Handlung stocken lässt oder einen Bruch mit längst allzu vertrauen Erzählmustern nach Schema F; und wenn Autor*innen aus Angst vor kommerziellem Scheitern alle Ecken und Kanten aus ihren Geschichten herausfeilen.
Im schlimmsten Fall laufen Romane und Erzählungen Gefahr, zu bloßem Vorlagenmaterial für den Bildschirm herabzusinken. Um dem entgegenzuwirken, darf die Selbstbehauptung der Literatur allerdings nicht darin bestehen, sich vehement gegen den Strom zu stemmen, was wohl ohnehin aussichtslos wäre. Sinnvoller scheint, einerseits diesen längst etablierten modernen Erzählweisen zu folgen und sie andererseits anzureichern in einer Form, die Serien schlichtweg nicht leisten können. Romane müssen nicht unbedingt aus diesem neugesetzten Rahmen fallen, dürfen und sollten sich aber gegen seine Beschränkungen stemmen, ihn dehnen und vergrößern – und gelegentlich sprengen.