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FRATZ International: Kindertheater für die Jüngsten

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Theater

FRATZ International heißt das Festival, das seit 2013 alle zwei Jahre internationale Theater für Kinder von 0-6 Jahren in die Hauptstadt bringt. Initiiert vom Berliner Theater o.N. hat es sich inzwischen als wichtiges internationales Kindertheaterfestival in Europa etabliert. Feuilletonscout sprach mit Dagmar Domrös, künstlerische Leiterin beim Theater o.N.

Feuilletonscout: FRATZ International richtet sich an ein Publikum, das noch nicht lesen, oft noch nicht sprechen kann – eine Viertelmillion Berliner Kita-Kinder. Was sehen Sie in diesen Zuschauer*innen, das ein Erwachsenenpublikum evtl. nicht mitbringt?
Dagmar Domrös:
Was wir so sehr an unserem Publikum lieben: Es kommt ohne jede Erwartung zu uns ins Theater, es folgt keinen Konventionen und ist erstmal sehr offen für alles, was wir anbieten. Jenseits von Sprache, klaren Bedeutungszuschreibungen und klassisch-psychologischem, bürgerlichen Theater, suchen die Inszenierungen den Kontakt zu ihrem Publikum. Die Performer:innen geben sich ganz hin, ohne Verstellung und „als-ob“.  Wenn es gelingt, entsteht auf eine sehr direkte, sinnliche Weise eine Verbindung zwischen Performer:innen und Zuschauer:innen, oft ein sehr magischer Moment.

Feuilletonscout: Seit 2013 veranstaltet Theater o.N. das Festival alle zwei Jahre, 2026 findet es zum achten Mal statt. Was war 2013 noch ein Wagnis – und was ist heute selbstverständlich geworden? Oder vielleicht immer noch Wagnis?
Dagmar Domrös: Ich würde es eher als Fest denn als Wagnis bezeichnen. Die Nachfrage nach Veranstaltungen für die Jüngsten ist definitiv vorhanden in Berlin. In dieser Hinsicht ist das Genre und das Festival mittlerweile fest verankert und die Aufführungen sind am Ende ausgebucht. Das war 2013 noch etwas aufregender. Auch damals waren wir überzeugt ein tolles und wichtiges Angebot zu haben, aber Eltern und Erzieher:innen mussten wir noch viel mehr erklären, dass Theater für Kinder ab 2 Jahren oder sogar ab 0 Jahren funktioniert und es eine sehr schöne Art der Wochenendgestaltung für die ganze Familie darstellt oder eine Bereicherung für den Kita-Alltag. Heute können wir den Blick weiten, uns Gedanken machen, wen wir noch nicht erreichen, wer sich noch nicht eingeladen fühlt und wo wir unsere Angebot anpassen wollen, um noch zugänglicher zu werden.

Kurze Beine, weite Wege

Feuilletonscout: Statt eines zentralen Festivalzentrums spielen Sie 2026 in vier Bezirken: Was gewinnt ein Stück, wenn es in einer Tanzhalle auf einem alten Wiesenburg-Gelände gezeigt wird und nicht auf einer klassischen Bühne?
Dagmar Domrös: Wir versuchen überall wo wir sind, magische Theaterorte zu schaffen, die dann zu den Inszenierungen passen, die wir einladen. Ein Hauptaspekt ist, das Prinzip „Kurze Beine – kurze Wege“. Wir wollen unser Publikum dort erreichen, wo es wohnt und zur Kita geht. Fratz möchte ein dezentrales Angebot schaffen, bei dem wir unser Publikum so ernst nehmen, dass selbstverständlich auch die international angereisten Künstler:innen in die Kieze zu den Kids kommen, anstatt nur an einem Kulturort im Zentrum der Stadt gezeigt zu werden. So erreichen wir auch Kinder und ihre Eltern, die ein Kulturprogramm nicht sowieso schon in ihren Alltag integrieren. Und nebenbei entdecken die Menschen dabei vielleicht auch Orte, die sie vorher noch nicht kannten und lernen ihre eigene Stadt noch mal anders kennen. Die Wiesenburg, die Sie erwähnen, ist beispielsweise so ein magischer Ort, ein ehemaliges Obdachlosenasyl, wo das Theatererlebnis bereits mit Betreten des Geländes mit seinen in Renovierung befindlichen Bauruinen beginnt.

Feuilletonscout: 145 eingereichte internationale Inszenierungen, sechs Jurymitglieder, am Ende fünf eingeladene Produktionen. Nach welchen Kriterien entscheidet man, was für Zweijährige „funktioniert“ – und gab es eine Arbeit, über die Sie besonders lange gestritten haben?
Dagmar Domrös: Mit den sechs Jurymitgliedern haben wir automatisch sechs verschiedene Perspektiven auf die Arbeiten. Jede von uns hat verschiedene Schwerpunkte oder Expertisen und über den Austausch lernen wir auch sehr viel Neues für unsere Arbeit am Theater o.N.. So ist beispielsweise in den letzten Fratz-Ausgaben der Fokus auf das Thema Barrierefreiheit und Zugänglichkeit viel stärker geworden. Und wir achten darauf, dass möglichst viele Kinder unseres diversen urbanen Publikums sich auf den Bühnen unseres Festivals repräsentiert fühlen, dass wir also ein möglichst vielfältiges Programm anbieten, sowohl in Bezug auf die Themen und Genres als auch die Repräsentanz auf der Bühne. Anders gesagt: es sollten nicht nur weiße Performer:innen zu sehen sein.  Als internationales Festival ist uns wichtig, den Blick über den ästhetischen Tellerrand zu werfen und auch außereuropäische Gastspiele einzuladen. Nach und nach formt sich in den Diskussionen dann ein Bild. Unabhängig von diesen Kriterien sind wir natürlich immer auf der Suche, nach diesen Perlen. Inszenierungen, die rausstechen, weil sie etwas Neues oder Besonderes probieren. Stücke, die mutig sind und künstlerisch konsequent. Da gibt es oft eine erstaunliche Einigkeit.

Die Zumutung der Wirklichkeit

Feuilletonscout: Die Auswahl reicht von der kontemplativen mexikanischen Materialstudie „BOSQUE“ über das schwedische „ABC – A Painter’s Alphabet“ bis zu „Shelter“ aus den Niederlanden, das Obdachlosigkeit für Dreijährige besprechbar macht. Wie erzählt man einem Kind von Wohnungslosigkeit, ohne es zu überfordern – und warum sollte man es überhaupt tun?
Dagmar Domrös: Wir leben in Berlin, wo Obdachlosigkeit ein riesiges Thema ist. Auf dem Weg zur Kita, beim Besuch des Supermarkts mit den Eltern – jedes Kind hier ist damit beinahe täglich konfrontiert. Kinder stellen uns Erwachsenen Fragen dazu und oftmals merken sie schnell, dass die Gesellschaft darauf wenig Antworten hat oder das Thema verdrängt. In dem Theaterstück „Shelter“ wird wohnungslosen Menschen zunächst mal eine Sichtbarkeit verliehen. Es wird ein Mensch mit einem Sheltersuit gezeigt, verkörpert von einem Performer, der verletzlich ist und gleichzeitig kreativ mit seiner Situation umgeht, der verzweifelte aber auch lustige Momente erlebt – und sein Publikum mit ihm. Nicht über erklärende Narrative, sondern über Klang, Rhythmus und Bewegung, werden existentielle Themen für das junge Publikum geöffnet, Fragen von Zugehörigkeit, Schutz und Geborgenheit stehen im Raum und je nach Alter und Erfahrungshintergrund können die Kinder dazu ihren eigenen Zugang finden oder sich auf die sinnliche Erfahrungsebene begeben.

Feuilletonscout: Zum ersten Mal ist mit „ABC“ zeitgenössischer Zirkus im Programm, und mit „Neer – Ein magischer Tropfen“ und „Build“ kommen zwei Solos indischer Nachwuchskünstler*innen nach Berlin, die aus den FRATZ Research Labs 2024 mit ThinkArts hervorgegangen sind. Was reizt Sie am Zirkus für die Jüngsten – und was passiert in so einem Forschungslabor?
Dagmar Domrös: Der neue Zirkus ist ein sich schnell weiterentwickelndes Genre und verbindet Artistik und Performance, da wollen wir mit Fratz natürlich dabei sein! Da es ohne Sprache funktioniert, ist es ebenso geeignet für Theater für die Jüngsten wie beispielsweise Tanz. Im Fall von „ABC“ kommt Humor und Leichtigkeit hinzu. Es ist ein Spaß für alle Generationen und wer Lust auf Lernen hat, kann sogar auf die Suche nach den Buchstaben gehen. Es schien uns ideal als Eröffnungsinszenierung und als Angebot für die ganze Familie am Wochenende.

Die Forschungslabore sind ein Format bei Fratz, mit dem wir künstlerischen Nachwuchs fördern. Manchmal Berliner Künstler:innen, die sich erstmalig mit dem ganz jungen Publikum als Zielgruppe beschäftigen möchten und manchmal im Zuge von internationalen Kooperationen. 2024 hatten wir uns mit unserem Kooperationspartner ThinkArts in Indien gemeinsam überlegt, was für die lokale Szene dort sinnvoll ist und haben zunächst eine landesweite, digitale Fortbildungsreihe angeboten. Aus den etwa 24 Teilnehmenden wurden Sidharth Varma und Swapnika Reddy ausgewählt, zu einem Inszenierungsentwurf weiter zu forschen. Ihren Arbeitsstand stellten sie 2024 beim Fratz Symposium vor und bekamen Feedback von der Fratz-Community. Seitdem haben sie in Indien weiter an ihren Stücken gearbeitet und erste Aufführungserfahrungen gesammelt. Und wir freuen uns sehr, dass wir nun ihre Stücke dem Kinderpublikum hier in Berlin präsentieren können. Die Künstler:innen können auf diese Weise weitere Erfahrungen mit dem sehr jungen Publikum sammeln und wir den Austausch über Produktions- und Aufführungsbedingungen in den beiden Ländern fortsetzen.

Zugänglichkeit als künstlerische Entscheidung

Feuilletonscout: „BÄÄÄM“ ist für taubes wie hörendes Publikum entwickelt, „The Sticky Dance“ richtet sich ausdrücklich auch an neurodivergente Kinder. Niemand muss mitmachen, darf aber. Wie verändert dieser Anspruch die künstlerische Arbeit – und wo stoßen Sie dabei an praktische Grenzen?
Dagmar Domrös: Wie ich schon sagte, sind Barrierefreiheit und Zugänglichkeit – oder Access, wie es heute immer öfter auch heißt – wichtige Aspekte im FRATZ Festival. Sowohl bei der Auswahl des Programms, aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit. So informieren wir beispielsweise sehr detailliert auf unserer Webseite über die Stücke und die Spielorte, damit Familien selbstbestimmt entscheiden können, welche Aufführungen für sie und ihre Kinder passend sind.

Einer Inszenierung merkt man an, ob sie ihre eigene Zugänglichkeit reflektiert im Entstehungsprozess.  Das gehört heute für mich in der Produktion von Theaterstücken definitiv dazu, dass ich mir überlege, für wen meine Inszenierung zugänglich ist und ggfs. auch entsprechende Expertise dazuhole. Das Theater für die Jüngsten ist ja per se schon sehr breit zugänglich, da es meist ohne gesprochene Sprache arbeitet, so dass z.B. auch zugezogene Menschen angesprochen werden. Doch sind sie auch für blinde Kinder oder Taube Kinder zugänglich? Erwarte ich, dass in sehr konzentrierter Atmosphäre zugeschaut wird? Gebe ich die Möglichkeit, sich zu bewegen oder sogar aktiv in der Inszenierung mitzuwirken? Entscheide ich mich für bestimmte Zielgruppen und binde z.B. auch Künstler:innen mit Behinderung oder Taube Künstler:innen sowie Expert:innen in den Prozess ein, dann verändert es die künstlerische Arbeit. Ästhetisch ist das sehr oft ein großer Zugewinn, weil ich mir noch mal viel bewusster sein muss, was ich möchte und was meine ästhetischen Mittel sind. Die praktischen Grenzen sind – wie so oft in der Kunst – dann hauptsächlich finanzielle. Zusätzliche Personen im Produktionsprozess, Dolmetscher:innen während des Festivals, Übersetzungen in Leichte Sprache, Videos in Gebärdensprache auf der Webseite – das sind nur einige Beispiele. Um all das umfänglich zu realisieren, bräuchte es eigentlich noch mal ganz andere Budgets als derzeit zur Verfügung stehen.

Feuilletonscout: Parallel zum Festival läuft das Symposium mit Workshops, Vorträgen und Begegnungsformaten. Für wen genau ist es gedacht – nur für Fachpublikum aus Theater und Tanz, oder auch für Erzieher*innen, Kulturpolitik und interessierte Eltern? Welche Frage treibt die Szene 2026 am stärksten um?
Dagmar Domrös: Das Symposium ist ein Austausch der Künstler:innen untereinander und mit angereisten und Berliner Fachbesucher:innen. Darunter würde ich selbstverständlich auch Erzieher:innen oder interessierte Eltern fassen, die ja wiederum Expert:innen für unsere Zielgruppe sind. Da sind also im Grunde alle willkommen, die sich für die Themen der Veranstaltungen interessieren. Viele der Symposiumsevents greifen Fragestellungen auf, die die eingeladenen Künstler:innen zusammen mit ihren Inszenierungen nach Berlin bringen. Diese bearbeiten wir dann gemeinsam oder wir lernen von ihren Erfahrungen. Z.B. bei „Feel the BÄÄÄM!“ über das Produzieren für sehr junges Taubes und schwerhöriges Publikum oder in der Kreation von immersiven Performances, die sich z.T. exklusiv an neurodivergente Kinder richten. Wir sprechen außerdem über intergenerationelles Arbeiten und darüber, wie wir internationale Kooperationen langfristig und gleichberechtigt gestalten. Man kann alle Veranstaltungen besuchen oder sich einzelne nach Interesse herausgreifen. Es ist auch ein praktischer Workshop zu Mime Theater dabei und ein Workshop, der die Rolle des Körpers bei Entwurzelung und Vertreibung untersucht.

Was Kinder und Erwachsene gemeinsam sehen

Feuilletonscout: „Baobab“ der brasilianischen Choreografin Cíntia Rangel ist für den Ikaruspreis 2026 nominiert. Wenn Sie einen Berliner Vater mit zweijähriger Tochter überzeugen müssten, an einem Oktobertag nach Lichtenberg oder Neukölln zu fahren – was sagen Sie ihm?
Dagmar Domrös: Lieber Papa, sichere dir und deiner Tochter schnell Tickets für das FRATZ Festival. Wir haben tolle Stücke für euch zusammengestellt. Egal, ob ihr euch für ein ruhiges, meditatives Stück entscheidet oder zusammen lachen wollt, alle Stücke sind so, dass sowohl du als Vater auf deine Kosten kommst als auch deine Tochter! Mit deinem Erfahrungshorizont siehst du vielleicht noch mal ganz andere Dinge in den Stücken als deine Tochter, die vor allem sinnlich rezipieren wird. Aber ihr habt ein gemeinsames Erlebnis und das beginnt vielleicht schon in der U-Bahn auf dem Hinweg nach Lichtenberg oder Neukölln und setzt sich fort in der Begrüßung des Publikums durch unser Festivalteam und dem Erkunden des Theaters als Ort des Zusammenkommens und der Begegnung.

Vielen Dank für das Gespräch, Dagmar Domrös!

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

FRATZ InternationalBegegnungen | Symposium | Festival für die Jüngsten
9. – 15. Oktober 2026www.fratz-festival.de

Das Wichtigste in Kürze:

  • Internationale Kunst für Kinder von 0 bis 6 Jahren
  • Theatererlebnisse in Berliner Kiezen
  • Zugänglichkeit als künstlerische Haltung

FRATZ International: Children’s theatre in Berlin – where wonder begins

FRATZ International has brought international theatre for children aged 0 to 6 to Berlin every two years since 2013. Initiated by Theater o.N., the festival has become an important platform for the performing arts for the very young. Speaking to Feuilletonscout, artistic director Dagmar Domrös describes an audience that enters the theatre without expectations or conventions. When performers and children encounter one another directly and sensually, a magical moment can emerge.

In 2026, the festival will be presented across several Berlin districts. Its guiding principle is: “Short legs – short distances.” International artists come to local neighbourhoods in order to reach families for whom cultural events are not already part of everyday life. The selection of productions takes account of different aesthetic approaches, cultural perspectives, accessibility and representation.Subjects such as homelessness are not conveyed didactically, but made tangible through sound, rhythm and movement. With contemporary circus, dance, performance and the results of the FRATZ Research Labs, the festival opens new artistic spaces. Accessibility is not limited to language: performances also address deaf, hard-of-hearing, blind and neurodivergent children. The symposium broadens the exchange among artists, professional visitors, educators and parents. In the end, the festival offers a shared experience that may begin on the journey to the theatre itself.

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