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Lukas Hasler und die heilende Kraft der Orgel

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Interview

Von Guido Krawinkel – Lukas Hasler ist viel unterwegs. Konzerte in Europa und den USA sind für den 28-jährigen an der Tagesordnung. Seit 2017 hat der österreichische Organist über 190 Konzerte in den unterschiedlichsten Ländern gespielt: an seltenen Orten, berühmten Instrumenten und manchmal auch in durchaus brenzligen Situationen. 2022 im ukrainischen Lviv etwa, wo er als erster ausländischer Künstler nach Kriegsbeginn gastiert hat. Aber auch in Israel, Amerika, Australien oder Rumänien hat Hasler bereits erfolgreich konzertiert. Dabei geht es ihm aber nicht nur um musikalische Aspekte, Hasler möchte auch das völkerverbindende Element seines musikalischen Engagements betonen und selbiges in einen größeren gesellschaftlichen Kontext stellen.

Kalifornische Zwischentöne

In Europa hat er seine Studien bereits abgeschlossen, derzeit studiert er aber noch in Kalifornien, wo er seine musikalische Ausbildung perfektioniert. Der „American Way of Life“ ist für ihn zur zweiten Heimat geworden und in der amerikanischen Kultur fühlt er sich schon durchaus heimisch – obwohl einiges anders ist, wie Hasler via Zoom aus Kalifornien berichtet: „Fragen sind hier immer sehr, sehr nett formuliert. Ich finde das wunderbar. Es ist nicht europäisch und auch nicht Deutsch. Wir kommen immer gleich mit der Kritik rüber. Hier bekommst du dagegen am Anfang einmal das Gefühl, du bist Herbert von Karajan. Und dann erst kommt die Kritik – aber sehr gut verpackt. Am Ende erreichen beide Wege dasselbe Ziel, nur irgendwie anders.“

Hasler hat ein ganz besonderes Verhältnis zu Amerika und insbesondere zu Kalifornien. „Hier habe ich 2016 mein erstes Orgelkonzert in den Staaten gespielt, in der Kathedrale von Los Angeles. Ich war vorher schon oft in den USA gewesen, weil meine Eltern mit meinem Bruder und mir sehr viel gereist sind, auch in die USA. Dadurch bestand der Wunsch, auch mal in den USA zu spielen. Hier gibt es große Orgeln und andere Instrumente, die wir in dieser Form in Europa nicht unbedingt haben. Und dann sagte ein amerikanischer Freund zu mir: Think big, denke groß, und frag doch einfach. Und so habe ich eben angefragt und die haben mich dann tatsächlich eingeladen. Daraufhin habe ich hier viele Freunde kennengelernt und so ergab dann das eine das andere. In Europa war ich dann fertig mit meinen Studien und dann stellte sich für mich die Frage permanent in die USA zu reisen oder vielleicht sogar hier zu leben.“

Da er auch viele Konzerte in Europa spielt, lief es auf einen Kompromiss hinaus: in beiden Ländern hat Hasler nun ein Standbein und somit eine Basis, um sich eine Karriere sowohl in den USA als auch in Europa aufzubauen. „Ich möchte Europa nicht den Rücken kehren, überhaupt nicht, weil ich ja auch zu fast 50 % noch in Wien bin. Ich fliege de facto fast jede fünfte Woche nach Europa. Stand jetzt klappt es wunderbar und macht es auch für mich in allerlei Hinsicht Sinn.“ Hasler steht damit in den Startlöchern zu einer vielversprechenden Karriere, zu der auch einige Auszeichnungen gehören, zuletzt ein „Grand Prix“ beim Internationalen Orgelwettbewerb in Malta.

Lukas Hasler Musikverein Wien
Lukas Hasler (c) stylearts

Vom Keyboard zur Orgel

Überhaupt zur Orgel gekommen ist Hasler eher durch einen Zufall: „Das war ganz klassisch über eine Kirchenband, in der ich damals Keyboard spielte, als 6-jähriger, und dann eben gefragt wurde, ob ich mir nicht vorstellen könne, auch auf das große Instrument zu wechseln. Ich habe das dann ausprobiert und bin faktisch dabei geblieben. Das war die klassische Karriere: vom Ministranten über die Kirchenband zur Orgel.“ Und über die erschließt er sich nun die ganze Welt. Die Grundlage für diese Reiselust haben wohl die Eltern gelegt, die mit Hasler und seinem Bruder viel unterwegs waren, unter anderen in rund 30 Staaten in den USA. Dadurch hat Hasler gute Einblicke in die dortige Orgelwelt erhalten, die ganz anders als hier in Europa strukturiert ist.

„Die Orgelwelt hier ist einfach sehr gut und sehr professionell in der American Guild of Organists vernetzt, das hat mich sehr beeindruckt, ebenso wie die großartigen Instrumente, die hier stehen. Hier kann man von Replikaten barocker Instrumente über romantische bis hin zu modernen Orgeln alles finden. Das ist schon sehr beeindruckend.“ Ob nun Orgelbauer wie Brombaugh oder Fisk, es gebe eine riesengroße Palette.

Orgelklänge an den Rändern

Inspiriert davon und von der Lust, die Welt zu entdecken, hatte Hasler die Idee zu einem ganz besonderen Projekt, das Orgelmusik an spezielle Orte bringen und ganz besondere Instrumente entdecken soll: Organ for Future. „Es sind einige Orte darunter, zu denen ich bereits gereist bin, Nordkorea zum Beispiel. Ich war dort schon, es ist aber schwierig, dort ein Orgelkonzert zu spielen. Aber wir sind dran und versuchen das. In Mossul im Nordirak hätte ich letztes Jahr sein sollen. Es war aber wegen Bombardements dann nicht möglich.“ Aber auch weitere besondere Orte sind dabei: ein Höhlenorgel in den USA etwa, die nur aus natürlich gewachsenen Stalaktiten besteht, oder die Orgel der einzigen christlichen Kirche in Teheran. Mitten im Herzen der Hauptstadt des Irans steht die Christuskirche, ein selbst in diesen schwierigen Zeiten wichtiges und mahnendes Symbol der religiösen Toleranz und des interkulturellen Dialogs.

Zwischen Kunst und Macht

Dafür will Hasler sich in besonderer Weise einsetzen, auch – oder gerade besonders – in Nordkorea, wo es in der großen Parteitagshalle sogar eine Orgel geben soll. „Kim Il-sung, der Gründer des nordkoreanischen Staates, soll Organist gewesen sein und hat deswegen eine Orgel bauen lassen.“ Angst davor, von Diktaturen für ihre Zwecke vereinnahmt zu werden, hat Hasler nicht. „Nein, ich glaube das nicht, weil es ganz wesentlich ist, dass Kunst nicht von der Politik vereinnahmt wird. Sehr oft will sie diese natürlich vereinnahmen, das ist ganz klar, und für Propagandazwecke verwenden. Aber wenn ich zum Beispiel jetzt an Teheran denke, weiß ich, dass hier eine große deutschsprechende Minderheit in Teheran lebt. Deswegen gibt es ja auch die Christuskirche dort.

Den Menschen dort möchte ich damit eine gewisse Freude machen. Und nachdem ich das ja auch nicht als Staatsbesuch organisiere, sondern wirklich für diese Organisationen dort vor Ort, wie zum Beispiel die Evangelische Kirche in Teheran, ist es mir wirklich ein persönliches Anliegen. Wenn ich an Kiew zum Beispiel denke, oder an andere Orte, an denen ich schon gespielt habe, Katar zum Beispiel, dann waren die Menschen dort unglaublich glücklich. Das gibt mir dann diese Kraft weiterzumachen. Es ist auch eine gewisse Art von Mission, dieses Instrument vorzustellen, Musik und Freude einfach mitzubringen. Das sehe ich jetzt nicht als politisch vereinnahmbar an. Dafür ist die Orgel in diesen Ländern auch viel zu unbedeutend.“

Und Erfahrung mit heiklen Situationen hat Hasler durchaus, etwa als er als erster Musiker nach Kriegsbeginn Konzerte in der Ukraine gegeben hat. „Beim zweiten Konzert gab es gleich nach dem Ende Luftalarm. Eine Zugabe konnte ich gar nicht mehr spielen, weil das Konzertgebäude dann geräumt werden musste. Ich verbrachte einige Zeit im Bombenschutzkeller. Besonders einprägsam war auch das Hotel in Lemberg. Da hat man mir zuerst den Bombenschutzkeller gezeigt, bevor es dann erst nach oben ging.“

Was Musik vermag

Die klassische Frage, wo er sich in 10 Jahren sieht, beantwortet Hasler selbstbewusst: „Ich sehe mich in zehn Jahren weiterhin in der Orgelwelt. Ich möchte mit meiner Orgelmusik etwas erreichen. Ich möchte mit meiner Orgelmusik Menschen in schwierigen Situationen helfen. Ich möchte Menschen erreichen, die vielleicht unerreichbar scheinen, weil sie an Orten leben, wie zum Beispiel im Iran oder in Nordkorea oder wo auch immer. Ich möchte Menschen erreichen, die in Ausnahmesituationen sind und wo die Orgel bis zu einem gewissen Grad heilende Kräfte entwickeln kann oder zumindest Kräfte, so wie ich das in der USA in der Ukraine gesehen habe, dass sie für anderthalb Stunden oder auch nur eine Stunde ihren Alltag vergessen konnten. Das ist für mich das größte Geschenk. Da weiß ich, warum ich wirklich Organist bin.

Es geht nicht darum, „die“ Bach Toccata zum 180. Mal zu spielen, sondern es geht wirklich konkret darum, Menschen Freude zu machen. Es kann übrigens auch hier sein. Solange mir das gelingt, solange mache ich auf jeden Fall weiter. Wenn Menschen dann zu mir kommen und sagen, ich hatte eine wunderbare Zeit über diese anderthalb Stunden und konnte meinen Alltag vergessen, dann weiß ich, habe ich mein Ziel erreicht.“

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Das Wichtigste in Kürze

  • Orgelmusik als Begegnung über Grenzen hinweg
  • Ungewöhnliche Instrumente und Spielorte
  • Konzerte als Auszeit in Krisensituationen
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Lukas Hasler and the Healing Power of the Organ

Austrian organist Lukas Hasler combines his concert career with a social purpose: music should bring people together and offer joy in difficult circumstances. Since 2017, he has given more than 190 concerts, including performances in Lviv, Ukraine, in 2022.

Having completed his studies in Europe, Hasler is continuing his training in California. He has established bases in Vienna and the United States. In America, he values the encouraging way people communicate, the variety of instruments and the organ community’s professional networks. He gave his first organ recital at the cathedral in Los Angeles in 2016. Hasler discovered the organ through a church band at the age of six. Today, his project “Organ for Future” takes him in search of unusual instruments and places. His plans include concerts in Tehran and North Korea; a scheduled appearance in Mosul fell through because of bombardments.

Hasler does not regard the risk of political appropriation as an obstacle. He sees his performances as a commitment to local people. In Ukraine, he experienced an air raid alert and had to take shelter. His aim remains to give people a respite from difficult daily lives through organ music. Rather than repeatedly performing a particular work, he focuses on the experience of bringing comfort and joy through music. This is where he finds his profession’s purpose.

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