Von Barbara Röder – Max Emanuel Cencic, künstlerischer Leiter von „Bayreuth Baroque“, inszeniert Georg Friedrich Händels Floridante. Zudem singt Cencic den Titelhelden Floridante im siebten Jahr des international renommierten Bayreuth Baroque Opera Festivals 2026.
„Nein, nein, nein“ – so hatte Elmira sich das alles nicht vorgestellt. Seit Monaten leidet sie und wird von ihrem Vater Oronte verfolgt. Er begehrt und bedrängt sie, vergeht sich an ihr auf offener Bühne. Später erfährt der werte Zuschauer, dass das arme Opfergeschöpf Elmira Orontes Ziehtochter ist. Dieser ist eindeutig der Bösewicht, der Ursprung und Verursacher allen Übels im Plot von Händels selten gespielter Opera seria Floridante, die 1721 in London uraufgeführt wurde.
Ich versichere aber: Im Finale der Super-Show laufen uns nicht die Schauer über den Rücken. Selbst im bühnentauglichen Kerker sieht alles nach einem BBC-Serienstudio aus, mit Poldark von Winston Graham oder Galsworthys Forsyte-Saga Augen. Doch jetzt mal ganz von vorne:
Landhaus mit Abgründen
Wenn sich die schauerlich schöne Ouvertüre in molligem Gruseldunkel in das altehrwürdige historische Bayreuther Markgräfliche Opernhaus ergießt, ahnen wir nichts Gutes. Gedanken an wildeste Schauerromantik, Wahnsinn und Lucia di Lammermoor-Verrücktheiten erwachen. Das Setting, das sich in Max Emanuel Cencics Neuinszenierung des Dramma per musica in drei Akten Floridante offenbart (Bühnenbild: Helmut Stürmer), ist ein englischer Landsitz. Die fiktive Geschichte von Händels Textdichter Paolo Antonio Rolli spielt ursprünglich in Persien, in einem Königspalast und einem Feldlager.
Oronte, einstiger Statthalter und nun König von Persien, ließ Nino, den damaligen König, ermorden. Dessen Tochter Elisa, nun Elmira, fand er als Baby und nahm sie bei sich auf; denn vermeintliche Erben zu kontrollieren, ist so ganz seine Sache. Elmira wuchs zusammen mit seiner leiblichen Tochter Rossane auf. Die Hand Elmiras, die seinem treuen Feldherrn Floridante versprochen ist, verweigert Oronte diesem. Denn er begehrt Elmira selbst zur Braut. Regisseur Cencic deutet Orontes aggressiv-vulgäres Wesen aus, indem er ihn Elmira aufs Übelste betrunken nachstellen und sie des Nachts schänden lässt. Beim Abendmahl behandelt er seine Ehefrau (stumme Rolle) zudem extrem despotisch.
Als der Kriegsheld Floridante aus der gewonnenen Schlacht in das englische Landhaus zurückkehrt, betritt er ein unglückliches Haus. Seine Hoffnung auf eine glückliche Zukunft mit Elmira besingt der Heimkehrer in seiner Arie Alma mia, sì, sol tu se („Meine Seele, ja, nur du bist“). Herrlichstes D-Dur mit Siciliana-Melodik strömt uns entgegen. Sie spiegelt einen empathischen thrakischen Helden, der militärische Strahlkraft und Liebesfähigkeit verkörpert. Max Emanuel Cencic interpretiert die ganz auf ruhige, melodiöse und sanfte kriegerische Töne angelegte Titelpartie im Laufe des Abends mit einfühlsamem Impetus und warmer Grandezza.
Innigkeit als Gegenwehr
Als Elmira, die zu Beginn der Oper vor ihrem Schänder flüchtende Geliebte Floridantes, brilliert Sonja Runje mit herzergreifendem Flair. Runje glaubt man das Wechselbad der Gefühle von Frust, Hoffen, Freude und Verzweiflung. Im Laufe der Handlung verweigert sich Elmira konsequent Orontes Antrag und seinem aufbrausend-aggressiven Begehren. Sie plant die Flucht mithilfe ihrer Schwester Rossane. Eva Zalenga, die in strahlend süßen Kantilenen zu baden scheint, gibt diese bezaubernde Verbündete. Ihr Geliebter Timante wird vom wunderbaren Sopransolisten Bruno de Sá verkörpert. Feinsinnig und mit betörender, herzlicher Innigkeit gerät deren Duett „Fuor di periglio di fiero artiglio“, in dem beide leidenschaftlich von ihrer furchtlosen Liebe singen. Ein glücklicher Höhepunkt des Abends!
Der Tyrann muss sterben
Die Flucht aller vier Verliebten misslingt aber. Timante, einst als Gefangener Glicone an den Hof gekommen, gab sich längst als Fürst von Tyros zu erkennen. Dramatische Verwicklungen, in denen sich der Statthalter Coralbo, majestätisch schön gesungen von Yannis François, als Freund des Volkes und Elmiras entpuppt, führen zu einem versöhnenden Ende. Floridante wird von Oronte in den Kerker geworfen. Später in einem Aufstand von Coralbo und Timante von seinen Ketten befreit, denn das Volk steht hinter Elmira und krönt sie zur Königin. Sie nimmt Floridante als Herrscher an ihrer Seite zum Mann. Auch Timante und Rosane sind vereint. Der Tyrann Oronte, der in Händels Fassung für das lieto fine weise und klug wird, muss in der Bayreuther Cencic-Fassung sterben. Hier gilt: „Tod dem Tyrannen!“ Gerrit Illenberger gestaltet diesen fiesen, verachtungswürdigen Wüstling Oronte glaubhaft und durchweg mit mächtig vollem Bass.
Ein Glück mit Rissen
„Quando pena la costanza, spera pur“, dem Freudengesang über die Schönheit der Treue im glückseligen Finale des Dramma per musica, will man nicht so recht trauen. Es hört sich wie tönender Zuckerguss über ernst zu nehmende Themen wie Selbstbestimmung und Identitätssuche einer Frau im 18. Jahrhundert an. Auch was ein brutaler Übergriff mit Nötigung im Inneren einer Frau, eines Opfers, auslöst, wird dramaturgisch leider nicht plausibel sichtbar. Da hat sich Cencic doch zu sehr für ein heiteres Serien-Finale à la Bridgerton entschieden.
Das delikat aufspielende Wrocław Baroque Orchestra, das zudem Residenzorchester war, wird mit beherzter Verve von Markellos Chryssikos geleitet.
Floridante ist eine Coproduktion zwischen Bayreuth und der Festspielstadt Karlsruhe und wird dort Ende Februar und Anfang März 2027 im nun allerdings nicht historischen Badischen Staatstheater zu sehen sein. Dies geschieht mit einer Änderung in der Besetzung: Kammersänger Armin Kolarczyk übernimmt dort die Partie des Oronte. Dann musizieren die Deutschen Händel-Solisten. Der Dirigent ist wieder Markellos Chryssikos.
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| Bayreuth Baroque 7.- 19. September 2026 | Georg Friedrich Händel: Floridente Inszenierung: Max Emanuel Cencic |
| in Karlsruhe im Badischen Staatstheater Ende Februar / Anfang März 2027 | auf arte TV im Dezember 2026 |
Bayreuth Baroque: ‘Floridante’ – a country outing with Handel
Max Emanuel Cencic directs Handel’s Floridante at the 2026 Bayreuth Baroque Opera Festival and sings the title role. Helmut Stürmer’s set relocates the Persian story to an English country house. Behind its façade, Oronte rules: the tyrant desires his adopted daughter Elmira and abuses her.
The overture promises Gothic chills, yet even the dungeon looks more like a BBC television set. Cencic brings sensitivity and warm grandeur to Floridante. Sonja Runje makes Elmira’s emotional shifts between hope and despair convincing. Eva Zalenga as Rossane and Bruno de Sá as Timante provide a highlight with their tender love duet. Yannis François sings Coralbo, while Gerrit Illenberger gives Oronte a powerful, full-bodied bass.
The lovers’ escape initially fails. An uprising eventually frees Floridante, and Elmira becomes queen. Unlike in Handel’s version, Oronte must die in Cencic’s production.
Yet the reconciliation fails to convince dramatically. The joyful celebration of fidelity sugar-coats questions of self-determination and the search for identity; the psychological consequences of violence remain insufficiently explored. The ending veers too close to the cheerful television world of Bridgerton.
Markellos Chryssikos conducts the delicately expressive Wrocław Baroque Orchestra with spirited verve. The co-production subsequently travels to Karlsruhe, with Armin Kolarczyk as Oronte and the Deutsche Händel-Solisten, again under Chryssikos.

