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Capella Edina: Ein junges Orchester für Edinburgh

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Interview

Warum gründet ein junger Münchner in Edinburgh ein Orchester? Der gerade einmal 22-jährige Luis Schmidt hat es getan und erzählt, wie und warum es zur Gründung der Capella Edina kam.

Die Fragen stellte Guido Krawinkel.

Feuilletonscout: Herr Schmidt, was hat Sie überhaupt nach Edinburgh verschlagen?
Luis Schmidt: Das hatte mit meinem Musikwissenschaftsstudium in Newcastle zu tun – und mit einer etwas ungewöhnlichen Brieffreundschaft. Seit Corona stand ich mit Alastair Bruce in Kontakt, dem Governor von Edinburgh Castle, den ich wegen seiner Arbeit als Historical Advisor bei „Downton Abbey“ angeschrieben und ihm einfach zum Geburtstag gratuliert hatte. Zu meiner Überraschung kam sofort eine sehr herzliche Antwort zurück: Ich solle doch einmal zur Burg kommen, er würde mir eine Privattour geben. Als ich dann zum Studium nach Newcastle gezogen war, habe ich nachgeschaut, wie weit Edinburgh entfernt ist – eineinhalb Stunden mit dem Zug. Also schrieb ich ihn wieder an, fuhr hin – und dann war die Burg offiziell wegen eines Sturms geschlossen. Als Gast von Alastair durfte ich trotzdem hinein. Am Ende stand ich in einem Raum, in dem er zwei Wochen vor ihrem Tod noch die Queen zum Dinner empfangen hatte. Das war ein Schlüsselmoment – da habe ich gemerkt, wie sehr mir diese Stadt liegt.

Ankunft in einer anderen Wirklichkeit

Feuilletonscout: Und wie wurde aus dieser Faszination dann ein Orchesterprojekt?
Luis Schmidt: Bei diesem Besuch erzählte mir Alastair, selbst Organist, einiges über die Musikkultur in Edinburgh – und irgendwann fiel der Satz: „Wir haben hier kein philharmonisches Orchester.“ Für eine Hauptstadt mit einem großen Konzertsaal und weltberühmten Festivals fand ich das als Deutscher kaum vorstellbar. Kurz darauf lernte ich bei der Royal Northern Sinfonia in Newcastle den Dirigenten Robert Ames kennen, der mir riet: „Gründen Sie Ihr eigenes Orchester, dann lernen Sie am meisten.“ Mein Lehrer Bruno Weil schrieb mir unabhängig davon in einer E-Mail genau das Gleiche. Wenn zwei Dirigenten denselben Rat geben, nimmt man ihn irgendwann ernst. Also habe ich Robert gefragt, wie man so etwas konkret anstellt. Er hatte in London das London Contemporary Orchestra gegründet und half mir durch diesen ganzen rechtlichen und organisatorischen Dschungel: Charity-Strukturen, Verträge mit der Musicians’ Union, faire Gagenregelungen – alles Dinge, die man an keiner Musikhochschule lernt.

Feuilletonscout: Woher kamen dann die Musiker für die Capella Edina?
Luis Schmidt: Anfangs kannte ich in Edinburgh kaum Leute und hatte natürlich keine „Bruckner-6-Besetzung“ im Telefonbuch. Über die Musicians’ Union bekam ich Kontakte zu den Personalverantwortlichen der schottischen Orchester, die mir wiederum viele freiberufliche Musiker vermittelten – für die war ein weiteres Orchester auch eine zusätzliche Einkommensquelle, weil es in Schottland nur sehr wenige Vollzeitorchester gibt. Mittlerweile haben wir einen Pool von rund 300 Musikerinnen und Musikern, alles Profis. Mir ist wichtig, dass immer auch einige Studierende des Royal Conservatoire of Scotland dabei sind. Für junge Leute ist der Übergang aus der Hochschule ins Berufsleben heute extrem schwer. Ein Orchester, das bewusst Türen öffnet, ist da mehr als nur ein „Jobgeber“.

Capella Edina Luis Schmidt sitzend
Luis Schmidt (c) Silvan Metzker

Ein Orchester als offenes Gefüge

Feuilletonscout: Sie haben als erstes großes Werk Bruckners Sechste dirigiert – als 20-Jähriger. Warum ausgerechnet dieses Stück?
Luis Schmidt: Bruckners Sechste war ein Herzenswunsch. Besetzung und Schlagwerk sind logistisch noch machbar, und ich halte sie für die rhythmisch spannendste seiner Symphonien, voller Schichtungen und Überlagerungen. Für das Orchester war es gleichzeitig Neuland. Niemand hatte das Stück zuvor gespielt und viele Briten sind ohnehin eher Bruckner-skeptisch. Das war riskant und programmatisch vielleicht „sehr deutsch gedacht“, aber für mich enorm lehrreich. Ich musste mit einem Orchester, das mich nicht kannte, ein komplexes, unbekanntes Werk in nur zwei Probentagen erarbeiten. Da habe ich sehr konkret erlebt, wie gut britische Musiker vom Blatt spielen und wie effizient sie arbeiten müssen, weil sie zwischen verschiedensten Jobs und Ensembles pendeln.

Feuilletonscout: Ihre Faszination für Großbritannien scheint aber noch weiter zurückzugehen als auf das Studium. Wie kam es dazu?
Luis Schmidt: Mein England-Faible fing in der siebten Klasse an – durch „Trooping the Colour“ im Fernsehen. An einem verregneten Samstag lief die Parade in der ARD, ich hatte nichts Besseres vor, und war plötzlich fasziniert von dieser Mischung aus Präzision, Zeremoniell und Musik. Ich hatte gerade Trompete in einer Bläserklasse begonnen, erst eher halbherzig, und nahm das Instrument ab dann richtig ernst. In jugendlichem Übermut schrieb ich der British Army eine E‑Mail mit der Frage, was man tun müsse, um Militärmusiker zu werden. Antwort: mindestens 16 Jahre alt und britischer Staatsbürger. Also schrieb ich zurück und fragte, wie man britischer Staatsbürger wird – fünf Jahre im Land leben, Residency beantragen, solche Dinge. So entstand der Gedanke, in Großbritannien zu studieren. Aus dem Wusch, Militärmusiker zu werden, ist dann der Berufswunsch Dirigent geworden, aber die Verbindung zur Militärmusik ist geblieben – viele hervorragende Instrumentalisten kommen aus diesen Strukturen, und einige von ihnen spielen heute bei uns.

Frühe Prägungen

Feuilletonscout: Sie erwähnten schon Ihren Lehrer Bruno Weil. Wie sind Sie sein Schüler geworden?
Luis Schmidt: Das verdanke ich meinem Musiklehrer am Münchner Gymnasium, Ralf Ebner, einem ehemaligen Oboisten der Camerata Salzburg. Er hat mich früh gefördert, mir erste Dirigiermöglichkeiten und Kompositionsaufträge im Schulkontext gegeben und kannte aus Mozarteumszeiten Bruno Weil. Mit 16 habe ich Bruno Weil einfach per E‑Mail kontaktiert, nachdem ich herausgefunden hatte, dass er in München und Salzburg gelehrt hatte. Er antwortete sehr freundlich, lud mich nach Augsburg ein – und so begann eine bis heute andauernde Lehrer-Schüler-Beziehung. Unsere Unterrichtsstunden waren Nachmittage mit Kaffee, später Wein, sehr analytischer Partiturarbeit – angefangen bei der „Zauberflöte“ –, stark geprägt durch den theoretischen Ansatz seines Lehrers Hans Swarowsky. Das hat mir beigebracht, dass Dirigieren weit mehr ist als Schlagtechnik: Es geht um präzises Arbeiten am Notentext, um Struktur, um Klangvorstellung.

Lehre und Linie

Feuilletonscout: Sie promovieren inzwischen in Zürich, ohne vorher einen Master abgeschlossen zu haben. Wie kam es dazu?
Luis Schmidt: Bruckners Sechste hat mich nicht nur künstlerisch, sondern auch wissenschaftlich gepackt – vor allem die vier Takte mit dem Liebestod-Zitat im vierten Satz. Ich wollte verstehen, warum das einzige direkte Wagner-Zitat ausgerechnet in dieser Symphonie steht, während Bruckner in der Dritten spätere Wagner-Anspielungen wieder getilgt hat. In Newcastle schlug man mir vor, darüber zu promovieren, und ich begann, über ein Doktorprojekt nachzudenken. Dann traf ich in Berlin Ralf Weikert, der mich an den Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken in Zürich verwies. Ich schrieb ihm – vier Stunden später hatte ich die Antwort, er würde mich gerne betreuen. Die Zulassung in Zürich war dann ein typisch schweizerischer Papierkrieg: Ohne Master geht es eigentlich nicht und die Masterbewerbungsfrist war verpasst, Referenzschreiben mussten nachgereicht werden. Am Ende fand die Fakultät eine bisher nie angewandte Regel in ihren Statuten, und ich wurde direkt ins Doktorat aufgenommen – offenbar als erster ohne Master an der Philosophischen Fakultät.

Feuilletonscout: Wollen Sie trotzdem langfristig im britischen Kontext bleiben – vielleicht sogar britischer Staatsbürger werden?
Luis Schmidt: Der Traum von der britischen Staatsbürgerschaft ist mit dem Brexit verblasst. Ursprünglich dachte ich, ich würde im UK bleiben, aber ich habe gemerkt, dass meine Interessen – gerade die Oper – dort nur begrenzt Entfaltungsmöglichkeiten haben. Die britische Opernlandschaft ist deutlich dünner als im deutschsprachigen Raum, wo man aus Zürich heraus jede Woche mehrere Opernproduktionen besuchen kann. Dazu kommt die unterschiedliche Musiktradition. Programme, die man hier als „normal“ empfindet, gelten in Großbritannien schnell als schwere Kost. Ich möchte mich als Dirigent auf Bruckner und zugleich auf britische Musik fokussieren; dafür ist die Kombination aus Wohnsitz Zürich und Orchester in Edinburgh idealer als ein permanenter Lebensmittelpunkt im UK.

Zwischen Systemen

Feuilletonscout: Sie haben eben das Dirigieren als „Kommunikation“ beschrieben. Was heißt das konkret im Alltag mit den Orchestern?
Luis Schmidt: Man ist als Dirigent der Chef im Raum, aber ohne respektvolle Kommunikation läuft es nicht. Ich sehe viel zu, hospitiere bei ganz unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen und erlebe eine enorme Bandbreite an Stilen – von sehr autoritär bis fast kumpelhaft. Ich glaube nicht daran, dass man mit allen befreundet sein muss, wir sind da, um auf hohem Niveau Musik zu machen, nicht um ein Wohlfühl-Event zu organisieren. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Klarheit und Direktheit nicht unfreundlich sein müssen. Britische Musiker zum Beispiel arbeiten extrem effizient, weil sie ständig zwischen Projekten wechseln, Recording-Sessions übernehmen und vom Blatt enorm schnell sind. Wenn man diese Professionalität ernst nimmt und selbst gut vorbereitet ist, bekommt man sehr viel zurück.

Capella Edina Luis Schmidt dirigierend
Luis Schmidt (c) Silvan Metzker

Arbeit am Klang

Feuilletonscout: Wie finanzieren Sie Capella Edina eigentlich, gerade in einer Stadt mit begrenzten öffentlichen Mitteln?
Luis Schmidt: Die Ticket-Einnahmen decken erwartungsgemäß nur einen Teil der Kosten. Die Stadt unterstützt uns vor allem über vergünstigte Konditionen in der Konzerthalle, die ihr gehört. Den Rest tragen Philanthropen, mit denen ich vor allem über die deutsche Generalkonsulin und den Oberbürgermeister in Kontakt gekommen bin. Ein Stifter finanziert jedes Jahr ein komplettes Konzert, das wir dann kostenlos anbieten – aus der Überzeugung heraus, dass klassische Musik auch den Menschen offenstehen muss, die sich teure Tickets nicht leisten können. In Edinburgh kostet das teuerste Ticket im klassischen Konzert um die 43 Pfund, in München ist man bei den Philharmonikern schnell bei 180 Euro. Beim Stadtjubiläumskonzert zum 900‑jährigen Bestehen der Stadt saßen 1500 Menschen im Saal, viele davon zum ersten Mal in einem klassischen Konzert. Das zeigt, wie groß das Bedürfnis nach einem Ort ist, an dem man für zwei Stunden aus den schlechten Nachrichten der Welt aussteigen kann.

Öffnung und Öffentlichkeit

Feuilletonscout: Wo sehen Sie sich und die Capella in fünf bis zehn Jahren?
Luis Schmidt: Wir planen derzeit eine Deutschland‑ und Schweiz‑Tournee für das Frühjahr 2028 mit einem dezidiert „schottischen“ Programm: Mendelssohns „Schottische“, Bruchs „Schottische Fantasie“, dazu Arthur Bliss’ „Edinburgh Overture“ und ein neues Arrangement schottischer Volkslieder. Ein Stopp in München ist fest eingeplant, auch weil Edinburgh und München seit über 70 Jahren Partnerstädte sind. Langfristig stelle ich mir vor, dass die Capella jedes Jahr eine Europatournee unternimmt und dabei britisches Repertoire, das hierzulande kaum gespielt wird, nach Kontinentaleuropa bringt – etwa Werke von Vaughan Williams, Elgar oder James MacMillan. In Edinburgh selbst möchten wir etwa vier Projekte pro Jahr etablieren und die Stadt so nicht nur kulturell, sondern auch als Arbeitgeber und Identitätsträger stärken. Ich selbst werde wohl weiter zwischen Zürich und Edinburgh pendeln.

Danke für das Gespräch, Luis Schmidt!

Die nächsten Konzerte von Capella Edina:

»Spring« — 3. Juni 2026, 19:30 Uhr, Assembly Rooms, Edinburgh. Pastorales Programm. Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis und Oboenkonzert (Solist: Ralf Ebner), Britten Suite on English Folk Tunes (zum 50. Todestag), Copland Appalachian Spring.

»Scotland« — 15. September 2026, 19:30 Uhr, Usher Hall, Edinburgh. Bruch Schottische Fantasie (Solist: Andrea Cicalese), MacMillan Larghetto, Richter Mary Queen of Scots Scottish Act mit Pipes & Drums. Eintritt frei, Spendensammlung für den One City Trust.

»Fink Live with Orchestra« — 19. November 2026, 19:30 Uhr, Usher Hall, Edinburgh. Der Indie-Künstler Fink mit Capella Edina. Orchestrierungen von Luis Schmidt und Chester Tribley, ergänzt um das postminimalistische Werk Lyrae.

Das Wichtigste in Kürze

  • Aufbau eines professionellen Orchesters aus freiem Pool
  • Bruckners Sechste als programmatischer Auftakt
  • Verbindung britischer und kontinentaleuropäischer Tradition

Capella Edina: A Young Orchestra for Edinburgh

At 22, Luis Schmidt founded the Capella Edina orchestra in Edinburgh, inspired by a personal encounter with the city and a perceived cultural gap. While studying in Newcastle, a chance connection led him to Edinburgh Castle—an experience that proved formative. The idea emerged from a simple observation: Edinburgh lacked its own philharmonic orchestra. Encouraged by conductors such as Robert Ames and Bruno Weil, Schmidt pursued the project, navigating legal, organizational, and financial challenges.

Today, Capella Edina brings together around 300 professional musicians, alongside students. The aim extends beyond performance to creating opportunities for young artists. The debut with Bruckner’s Sixth Symphony marked both a challenge and an artistic statement.

Schmidt’s path is closely tied to Britain, as well as to his training with Bruno Weil. At the same time, he is engaged in musicological research in Zurich. Looking ahead, he envisions Capella Edina as a European touring orchestra with a focus on British repertoire. Plans include international tours and a stable presence in Edinburgh, positioning the ensemble as both a cultural force and a model for new orchestral structures.

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