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Káťa Kabanová in München: Starke Stimmen, schwache Regie

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Corinne Winters begeistert als Leoš Janáčeks Káťa Kabanová am Nationaltheater München. Das Premierenpublikum lag der amerikanischen Sopranistin zu Füßen. Marc Albrecht und das Bayerische Staatsorchester kommunizierten die feinnervige und hochkomplexe Partitur mit Enthusiasmus und innerer Beteiligung. Wenig erquickte die Regie von Krzysztof Warlikowski, es gab vereinzelte Buhrufe. Aufs Neue ödete das Bühnenbild von Małgorzata Szczęśniak alle an, und wie immer fragte man sich: Was soll das? Von Stephan Reimertz.

Die umstrittene Handschrift von Warlikowski und Szczęśniak

Das in den frühen neunziger Jahren aus Polen nach Deutschland gekommene Duo, Opernregisseur Krzysztof Warlikowski und Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak, hat in den letzten Jahren im Rahmen ihrer internationalen Tätigkeit in München Eugen Onegin, Die Frau ohne Schatten, Die Gezeichneten, Salome, Tristan und Isolde, Dido and AeneasErwartung und Le Grand Macabre inszeniert. Der Autor äußerte sich im Feuilletonscout meist kritisch über diese Arbeiten und nannte sie in einem Atemzug mit der zurechtgebogenen Giuditta nach Franz Lehár des Opernregisseurs Christoph Marthaler.

Dekonstruktion oder künstlerische Beliebigkeit?

Er warf Warlikowski und Szczęśniak ebenso wie Marthaler vor, zwar so zu tun, als bewerkstellige sie eine von Jacques Derrida inspirierte Dekonstruktion der jeweiligen Werke, tatsächlich aber weder über eine akademisch ausreichend fundierte Analysefähigkeit (etwa im Beziehung auf den Dekonstruktivismus), noch über eine szenisch und bildnerisch hinlängliche Vorstellungskraft bei der Inszenierung zu verfügen. Eine vom Dekonstruktivismus inspirierte Inszenierung, sei es in Film, Oper oder Sprechtheater, könne zwar gewohnte Rezeptionsweisen aufbrechen, indem es das Ganze oder Einzelteile eines Werks in neue Zusammenhänge rücke, so unsere Ansicht, die Operation müsse aber jeweils einen Erkenntnisgewinn offerieren und ein annehmbares, idealerweise gesteigertes, szenisches und ästhetisches Niveau anbieten. Entfremdung um der Entfremdung willen ohne sichtbaren qualitativen Ertrag sei sinnlos und theaterfremd. Eben dies aber wurde Marthaler, Warlikowski und Szczęśniak immer wieder vorgeworfen, nicht nur von uns. Leider hat die internationale kritische Reaktion nichts gefruchtet, und so sahen wir jüngst das russische Dorf in Leoš Janáčeks Káťa Kabanová als das gleiche szenische Einerlei, das wir schon aus anderen Inszenierungen des polnische Duos gewohnt sind.

Musikalische Meisterschaft überstrahlt szenische Schwächen

Dennoch begeisterte die amerikanische Sopranistin Corinne Winters in der Titelrolle, sei es als Sängerin, Komikerin oder Tragödin. Im Zusammenspiel mit dem Staatsorchester lässt sie uns miterleben, wie die Musik immer fragmentierter und gelöster wird, um sich schließlich in ergreifender Ekstase aufzulösen. Káťa ist eine von Ehe, Dorfleben und Schwiegermutter eingeengte junge Frau, die schließlich ihre Untreue allen Mitbürgern ins Gesicht schreit und sich in der Wolga ertränkt. Pavel Černoch, Tenor, sang und spielte die Rolle ihres Geliebten Boris sängerisch und darstellerisch überzeugend. Ebenso wie Káťa ist er von der älteren Generation abhängig und eingeengt, in diesem Fall von seinem Onkel, was er uns mit subtiler stimmlicher Gestaltung spüren ließ. Der Bass von Milan Silianov lässt an der erdrückenden Dominanz dieses Onkels Dikój keinen Zweifel. Die Mezzosopranistin Violeta Urmana wiederum bestach in der Darstellung und stimmlichen Ausgestaltung der Rolle der quengeligen Schwiegermutter Marfa. Die Sänger-Darsteller schufen ein differenziertes Bild des Werkes und seiner psychologischen Konstellationen, das sie dem nichtssagenden Bühnenbild entgegenstellten. Unterstützt wurden sie dabei vom Bayerischen Staatsorchester unter Marc Albrecht, das sich wiederum der herausfordernden, rhythmisch und melodisch hochdifferenzierten, feinnervigen modernen Musik aus den frühen zwanziger Jahren gewachsen zeigte.

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Káťa Kabanová in Munich: Strong voices, weak direction

Corinne Winters captivated audiences as the title character in Janáček’s Káťa Kabanová at Munich’s National Theatre. Her singing and acting conveyed the emotional turmoil of a woman trapped in marriage and societal constraints. Pavel Černoch as Boris and Violeta Urmana as mother-in-law Marfa also impressed.

Under Marc Albrecht, the Bavarian State Orchestra brought Janáček’s intricate, sensitive score to life with brilliance.

Krzysztof Warlikowski’s direction was less convincing. Małgorzata Szczęśniak’s set design once again provided a sterile backdrop unrelated to the work. Critics have long accused the duo of engaging in deconstruction without artistic merit.

Despite its questionable staging, Munich’s Káťa Kabanová remains a musical triumph.

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