Von Barbara Hoppe.
Es ist nicht der jüngste Roman der Krimikönigin Ingrid Noll. „Tea Time“ erschien bereits 2022, aber im Diogenes Verlag ist er als Bestseller deklariert – und deswegen soll er an dieser Stelle sein Plätzchen finden. Denn „Tea Time“ ist ein klassischer Ingrid-Noll-Roman so wie er uns seit Jahren Freude bereitet. Die Ingredienzien: ein scheinbar harmloser Alltag, leicht verschrobene Figuren – und aus kleinen Verrutscherchen wächst ein fulminant schwarzhumoriges Unglücksszenario, immer irgendwo zwischen Plauderei und Bösartigkeit und vor allem mit viel genauer Beobachtung des ganz normalen Lebens.
Normalität mit Giftspur
Und was bzw. wen beobachten wir in „Tea Time“ mit den Augen der Apothekenhelferin Nina, einer jungen Frau mit kleptomanischer Neigung und ausgeprägten Schrullen, die mit fünf Freundinnen den „Klub der Spinnerinnen“ gegründet hat? Sechs Frauen mit sechs Macken, o-ha: eine kämmt zwanghaft Teppichfransen, eine andere streift voyeuristisch durch die Nacht, eine deutet Wolken, eine wackelt mit den Ohren und ab und an treffen sich die Freundinnen zu weinseligen Abenden, an denen sie sich ihre Marotten gestehen. Bis zu dem Tag, an dem eine Banalität die Dinge ins Rutschen bringt: Nina verliert im Park ihre Handtasche.
Gefunden wird sie von dem arbeitslosen, dem Alkohol nicht abgeneigten Andreas Haase, Ex-Mann einer der Freundinnen. Die Tasche will er zwar zurückgeben, aber nicht ohne Belohnung, die er sich durch Zudringlichkeit holen will. Nina stößt ihn weg, der Mann stürzt zu Boden: Ist er tot, ist er verletzt, was hat sie getan – und wie um alles in der Welt kommt man da wieder heraus? Von hier an folgt eine hoch unterhaltsame, schwarzhumorige Kette von Vertuschungen, Ausflüchten und Entscheidungen. Denn nur Ingrid Noll schafft es, mit literarischer Nonchalance die kriminelle Energie von unauffälligen, ganz normalen Menschen daherzuplaudern. Flott erzählt, schnörkellos mit hohen Wiederkennungswert des eigenen Alltags. Da bleibt nur: Rein in den Lesesessel, einen Tee aufgebrüht und ab ins Noll-Universum.
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| Ingrid Noll | Tea Time |
| Diogenes Verlag Zürich 2022 | bei amazon bei Thalia |
Das Wichtigste in Kürze
- Alltägliches kippt ins Abgründige
- Präzise Beobachtung menschlicher Schrullen
- Schwarzer Humor vom Feinsten
Crime Queen Ingrid Noll Invites to Tea Time
Ingrid Noll’s novel “Tea Time” may not be new, yet it feels like a familiar return to her distinctive literary world. She remains true to her style: seemingly harmless everyday settings, populated by eccentric characters, gradually lose their balance and unfold a subtle but steady descent into the absurd and the dark.
At the center is Nina, a pharmacy assistant with kleptomaniac tendencies, who forms the “Club of Odd Women” with five friends. Each of them cultivates her own peculiar habit, hovering between endearing and unsettling. Their gatherings become ritualized confessions of these quirks – until a trivial incident changes everything: Nina loses her handbag. The finder, an unemployed man with questionable intentions, becomes the catalyst for a chain of events that increasingly escapes control. A push, a fall – and suddenly questions of guilt, responsibility, and concealment arise.
Noll narrates this escalation with remarkable lightness. Her gaze on everyday life is precise, her tone laconic and understated. It is precisely this restraint that reveals the novel’s strength: the quiet exposure of the criminal potential hidden within ordinary existence.

