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Osmanische Musik, Jazz und ein Gentleman: Mehmet Ali Sanlıkol

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Interview

Osmanische Musik, Jazz und europäischer Moderne: Der Komponist und Multiinstrumentalist Mehmet Ali Sanlıkol entfaltet in seiner Symphonie A Gentleman of Istanbul ein vielschichtiges Klangpanorama. Im Gespräch mit Feuilletonscout erzählt er von Evliya Çelebi als Leitfigur, von der Gefahr oberflächlichen Multikulturalismus – und davon, warum musikalische Identität nur in der Tiefe, nicht in dekorativen Gesten entsteht.

Feuilletonscout: Ihre Komposition A Gentleman of Istanbul steht im Zentrum dieses Programms. Was war der ursprüngliche künstlerische Impuls hinter dem Werk?
Mehmet Ali Sanlıkol: Der erste Impuls entstand tatsächlich aus einer wachsenden Frustration darüber, wie der Islam im Westen dargestellt wird. Unmittelbar bevor ich begann, das Werk zu konzipieren – während der Debatten über Trumps geplanten „Muslim Ban“ – sah ich überall extrem vereinfachende Bilder: ausschließlich verschleierte Frauen und Männer auf Gebetsteppichen. Selbst viele gut gemeinte Reaktionen gegen eine solche Rhetorik verstärkten unbeabsichtigt stereotype Vereinfachungen, als sei die muslimische Welt über Jahrhunderte hinweg irgendwie in der Zeit stehen geblieben. Ich weiß noch, wie ich dachte: Moment mal … wo sind die Sufi-Derwische, die säkularen Muslime oder die Vielfalt in der sogenannten „Mitte“? Ein Muslim in Indonesien und in der Türkei ist doch ganz sicher nicht dasselbe …

So bin ich schließlich bei Evliya Çelebi gelandet. Je öfter ich sein Seyahatname wieder las, desto mehr faszinierte mich die schiere Komplexität dieses Mannes. Er war gleichzeitig Historiker, Entertainer, Beobachter, Fantast, Diplomat, Musiker, Erzähler … In einem Absatz beschreibt er einen medizinischen Eingriff mit wissenschaftlicher Präzision, im nächsten spricht er über Vampire und Hexen. Das finde ich unglaublich inspirierend – und ich wollte der westlichen Welt einen „echten“ muslimischen Intellektuellen des 17. Jahrhunderts vor Augen führen.

Mit der Zeit ging es in der Symphonie immer weniger darum, „osmanische“ Kultur zu repräsentieren, und immer mehr darum, in Evliyas Geist einzutreten – in seine rastlose Bewegung zwischen Welten, Identitäten, Geschichten und Geografien.

Der alte Istanbul-Gentleman

Feuilletonscout: Der Titel ruft ein sehr spezifisches Bild von Istanbul hervor. Was verkörpert dieser „Gentleman“ für Sie – historisch, kulturell oder vielleicht sogar persönlich?
Mehmet Ali Sanlıkol: Das Wort „Gentleman“ ist meine Übersetzung von çelebi. Historisch gesehen war ein çelebi in der osmanischen Welt des 17. Jahrhunderts nicht einfach nur ein höflicher Mensch. Der Begriff implizierte Bildung, Raffinement, Kosmopolitismus, Neugier, Toleranz, Witz und kulturelle Sophistication.

Was mich an Evliya Çelebi besonders faszinierte, war genau dies: Er verkörperte diese ältere Istanbuler Identität – eine Identität, die mehrsprachig, pluralistisch, intellektuell offen und tief mit vielen Kulturen zugleich verbunden war.

In gewisser Weise, ja, kann ich mich auch persönlich mit dieser Spannung identifizieren. Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, zwischen musikalischen und kulturellen Welten zu pendeln. Und ich glaube, was mich an Evliya anzog, war, dass er durch diese Bewegungen niemals psychologisch eingeengt wirkt. Er gehört überall hin – und das gleichzeitig.

Osmanische Musik Mehmet Ali Sanlıkol Piano
Foto (c) Suzi Sanlıkol

Seidenstraße im Kopf

Feuilletonscout: Sehen Sie die Seidenstraße heute eher als Metapher denn als geografische Realität?
Mehmet Ali Sanlıkol: An diesem Punkt wahrscheinlich ja. Historisch gesehen war die Seidenstraße natürlich ein physisches Netzwerk. Was mich heute interessiert, ist jedoch die Idee der Zirkulation – die Zirkulation von Klängen, Geschichten, Philosophien, spirituellen Vorstellungen, Technologien, Rhythmen, Instrumenten.

Gleichzeitig sollte ich etwas Wichtiges hinzufügen: Ich romantisiere kulturellen Austausch nicht automatisch. Austausch kann Tiefe hervorbringen, aber er kann auch Oberflächlichkeit erzeugen. Heute leben wir in einer Welt, in der Kulturen oft sehr schnell konsumiert werden, fast wie Produkte. Das ist etwas völlig anderes als eine Tradition wirklich zu verinnerlichen.

Für mich ist die Seidenstraße als Metapher deshalb vor allem dann bedeutungsvoll, wenn sie ernsthafte Auseinandersetzung statt kulturellen Tourismus bezeichnet.

Keine Folklore, kein Kostüm

Feuilletonscout: Ihre Musik bringt osmanische Tradition, westliche klassische Musik und Jazz zusammen. Wie vermeiden Sie es, nur eine Collage zu schaffen, und gelangen stattdessen zu einer organischen musikalischen Sprache?
Mehmet Ali Sanlıkol: Die kurze Antwort lautet: indem ich Jahrzehnte damit verbracht habe, diese Traditionen von innen heraus ernsthaft zu studieren.

Ich sage oft: Wenn man eine musikalische Sprache nur oberflächlich kennt, erkennt eine Insiderin dieser Tradition die fehlende Tiefe in einer Komposition sofort. Die Musik beginnt dekorativ zu klingen. Ein bisschen exotische Farbe hier, eine rhythmische Geste dort … aber das tiefere strukturelle Denken bleibt westlich.

Ich habe sehr hart daran gearbeitet, genau das zu vermeiden. In einer Phase meines Lebens habe ich meine eigene musikalische Identität im Grunde demontiert und von Grund auf neu aufgebaut. Ich habe eine vielversprechende Jazzkarriere unterbrochen, um osmanisch-türkische Musik systematisch zu studieren, osmanische Geschichte zu erforschen, Osmanisch-Türkisch zu lernen und mich ernsthaft mit makam (Modi) und usul (Rhythmuszyklen) auseinanderzusetzen.

Wenn ich komponiere, denke ich daher nicht: „So, jetzt füge ich etwas Türkisches hinzu.“ Vielmehr koexistieren diese musikalischen Systeme auf natürliche Weise in meinem inneren Ohr. Das Ziel ist nicht die Collage. Das Ziel ist, zu kohärenten musikalischen Aussagen zu gelangen, in denen diese Traditionen organisch miteinander interagieren, ohne ihre Integrität zu verlieren.

Osmanische Musik Eric Antoniou Mehmet Ali Sanlikol
Foto (c) Eric Antoniou

Übersetzen statt zuspitzen

Feuilletonscout: Gibt es Momente in dem Stück, in denen Sie Spannungen zwischen Kulturen bewusst ungelöst lassen?
Mehmet Ali Sanlıkol: Um ehrlich zu sein, würde ich sagen, dass ich mich Komposition normalerweise nicht mit dem Gedanken nähere, „kulturelle Konflikte darzustellen“ oder „Zivilisationen gegeneinander in Szene zu setzen“. Das fühlt sich für meinen eigentlichen kreativen Prozess eher äußerlich an. Ich sehe mich vielmehr als eine Art musikalischen Übersetzer.

Ich greife gern auf die Analogie zurück, einen Witz zu übersetzen, um zu erklären, was ich meine: Wenn man einen Witz übersetzt, sollte man nicht nach den exakt entsprechenden Wörtern suchen, sondern nach dem entsprechenden Witz in dieser Sprache. Ich glaube, musikalische Traditionen funktionieren ähnlich. Meistens versuche ich zu verstehen, welche innere Funktion eine musikalische Geste innerhalb ihrer eigenen Tradition erfüllt – was sie emotional, strukturell, spirituell, rhythmisch bewirkt – und frage mich dann: Was ist das Äquivalent dazu in einer anderen musikalischen Tradition?

Jazz als innerer Motor

Feuilletonscout: Welche Rolle spielt die Improvisation – ausgehend vom Jazz – innerhalb eines notierten sinfonischen Rahmens?
Mehmet Ali Sanlıkol: Interessanterweise vermeide ich es, wenn ich für klassisch ausgebildete Musikerinnen schreibe, sie zu bitten, Jazzidiome zu imitieren, die sie nicht von innen heraus verinnerlicht haben. Und dasselbe Prinzip wende ich in umgekehrter Richtung an: Ich würde von Jazzmusikerinnen nicht erwarten, plötzlich die Ästhetik westlicher klassischer Musik oder die Phrasierung der osmanischen Kunstmusik authentisch zu imitieren, ebenso wenig würde ich von Interpret*innen türkischer klassischer Musik erwarten, sinfonische oder jazzspezifische Traditionen nachzuahmen, mit denen sie nicht aufgewachsen sind. Das würde tatsächlich einem meiner grundlegenden künstlerischen Überzeugungen widersprechen.

Ich habe viele Jahre damit verbracht, mich gegen oberflächlichen Multikulturalismus und dagegen zu stellen, musikalische Traditionen wie Kostüme zu behandeln, die man sich zeitweise überstreift. Wenn ich plötzlich Musiker*innen, die mit einer Tradition nicht vertraut sind, künstlich bitten würde, „türkisch“ oder „jazzy“ zu klingen, würde ich meiner eigenen Philosophie widersprechen.

Infolgedessen ist die Rolle, die der Jazz in meinem sinfonischen Schreiben spielt, meist tiefgehender und struktureller. Jazz beeinflusst meine Art, über Fluss, Tempo, Interaktion, rhythmische Elastizität, Schichtung und großformale Spannungskurven nachzudenken. Manchmal beeinflusst er auch Orchestrierung, Harmonik oder Phrasierung. Aber wenn es um Improvisation geht, bevorzuge ich es in der Regel, einen Jazzkünstlerin als Solistin hervorzuheben. Tatsächlich ist A Gentleman of Istanbul* das beste Beispiel dafür: Ich habe mich selbst als makam-Spezialisten und Jazzpianisten eingesetzt, während ich mit dem Orchester das musikalische Umfeld geschaffen habe, das ich brauchte.

Feuilletonscout: Sie lassen sich von Evliya Çelebi inspirieren. Was fasziniert Sie an seiner Sicht auf die Welt?
Mehmet Ali Sanlıkol: Seine Offenheit. Evliya überschreitet ständig Grenzen – geografische, religiöse, sprachliche, psychologische. Er betritt Kirchen, Moscheen, Paläste, Marktplätze, Dörfer. Er hört zu. Er beobachtet. Er nimmt auf. Er stellt sich Dinge vor.

Bemerkenswert ist, dass ihn Komplexität nicht zu bedrohen scheint. Sie scheint ihn zu beflügeln. Und ehrlich gesagt denke ich, dass wir von diesem Geist heute mehr bräuchten.

Wiener Glocken, osmanische Modi

Feuilletonscout: In Clocks and Bells of Vienna schaffen Sie einen Dialog zwischen Wien und dem Osmanischen Reich. Welche klanglichen oder symbolischen Austauschprozesse haben Sie dabei untersucht?
Mehmet Ali Sanlıkol: Evliya beschreibt die Uhren und Glockentürme Wiens mit fast kindlicher Faszination. Er ist von ihrer Mechanik und Präzision völlig gebannt. Also begann ich, mir einen musikalischen Dialog zwischen osmanischer modaler Sensibilität und Wiener Strukturdenken vorzustellen. Formal ist der Satz der Sonatenform tatsächlich ziemlich nahe. Es gibt sogar Momente, die von Haydn, Bartók und sogar Mahler beeinflusst sind. Aber die modale DNA und das melodische Verhalten basieren fundamental auf der osmanisch-türkischen Tradition.

Mich interessierte nicht einfach „Ost trifft West“, sondern vielmehr die Frage: Was passiert, wenn diese Systeme wirklich denselben musikalischen architektonischen Raum bewohnen? …

Feuilletonscout: Im Finalsatz wird Alexander der Große zu einem Symbol kultureller Durchdringung. Ist diese Vorstellung für Sie eher utopisch oder eher ambivalent?
Mehmet Ali Sanlıkol: Eigentlich würde ich sagen: weder noch. Aus unserer heutigen Perspektive mag die Vorstellung, dass Alexander der Große in der osmanisch-muslimischen Imagination als der koranische Prophet Dhul-Qarnayn erscheint, überraschend, widersprüchlich, utopisch oder kulturell ambivalent klingen. Für viele gebildete osmanische Muslime des 17. Jahrhunderts, einschließlich Evliya Çelebi, war dies jedoch schlicht Realität. Sie glaubten aufrichtig daran. Für sie war daran nichts Unangenehmes oder Paradoxales. Und genau das fasziniert mich. Wir neigen dazu, Zivilisationen, Religionen und Identitäten sehr starr zu kategorisieren, fast wie hermetisch abgeriegelte Fächer. Doch Kulturen operieren oft mit viel größerer Durchlässigkeit und Fluidität, als wir uns vorstellen. Intellektuelle Welten überlappen sich unablässig.

Anstatt diese osmanische Weltsicht mit zeitgenössischen Kategorien zu beurteilen, sollten wir vielleicht eher unsere eigenen Annahmen hinterfragen. In vielerlei Hinsicht sind wir es, die psychologisch rigide sind.

Instrumente als Denkweisen

Feuilletonscout: Sie treten als Solist auf Oud, Ney, Klavier und mit der Stimme auf. Wie beeinflusst diese vielschichtige Rolle Ihr kompositorisches Denken?
Mehmet Ali Sanlıkol: Für mich sind diese Instrumente nicht einfach verschiedene Klangfarben. Sie repräsentieren unterschiedliche Arten, musikalisch zu denken. Das Klavier drängt mich ganz natürlich in Richtung Jazzharmonik (oder Harmonik im Allgemeinen). Die Ney zwingt mich dagegen sofort, über Atem und Stille nachzudenken, und verbindet mich mit dem Sufismus. Die Oud liegt irgendwo dazwischen – melodisch, modal, rhythmisch und zugleich äußerst physisch und direkt. Und die Stimme bringt Sprache, Text und menschliche Verletzlichkeit ins Spiel.

Wenn ich also mit solchen Instrumenten im Hinterkopf komponiere, finde ich mich oft psychologisch zwischen diesen musikalischen Identitäten hin- und hergehend. Ich glaube, das ist teilweise der Grund, warum meine Musik ihren Charakter mitunter recht plötzlich wechseln kann. In einem Satz verhält sie sich sinfonisch, in einem anderen beinahe wie Kammermusik.

Die Ney besitzt in der Sufi-Tradition eine tiefe spirituelle Bedeutung. Wie übertragen Sie diese Dimension in den Kontext eines Konzertsaals?
Mit äußerster Vorsicht! Ich glaube nicht, dass sich Spiritualität einfach theatralisch „aufführen“ lässt. In der türkischen Sufi-Musik trägt die Ney jahrhundertelange symbolische und emotionale Assoziationen in sich. Ihr Klang ist mit Sehnsucht, Trennung, Transzendenz, Innerlichkeit verbunden …

Ich versuche, musikalische Bedingungen zu schaffen, in denen das Instrument natürlich atmen kann, statt es in eine exotistische Symbolik zu zwängen. Tempo, modale Bewegung und Atem werden extrem wichtig. Entsprechend kann die Wahl des richtigen Themas, der richtigen Geschichte, der Poesie usw. eine sehr bedeutende Rolle spielen – so wie in A Gentleman of Istanbul.

Tradition im Orchesterraum

Feuilletonscout: Welche Herausforderungen ergeben sich, wenn man traditionelle Instrumente in ein westliches Ensemble wie die Sinfonia Rotterdam integriert?
Mehmet Ali Sanlıkol: Die größte Herausforderung besteht darin, oberflächliche Orchestrierung und Exotismus zu vermeiden.

Traditionelle Instrumente werden im orchestralen Kontext oft als bloße Farbeffekte behandelt und nicht als voll integrierte Stimmen. Ich bemühe mich sehr, genau das zu vermeiden.

Hinzu kommen praktische Fragen: Tonsysteme, Klangprojektion, Artikulation, Phrasierung, rhythmische Flexibilität. Ein Ney-Spieler denkt und agiert anders als eine klassisch ausgebildete Flötistin. Der osmanische rhythmische Fluss verhält sich anders als westliche metrische Strenge. Die Herausforderung ist also nicht nur technischer Natur. Letztlich bringt man unterschiedliche musikalische Sprachen zusammen.

Feuilletonscout: Im Kern Ihres Schaffens steht die Idee kultureller Identitäten als Ressourcen im Dialog. Welche Art von Antwort gibt Ihre Symphonie heute auf diese Frage?
Mehmet Ali Sanlıkol: Vielleicht lautet die Antwort der Symphonie, dass Tiefe zählt. Wir leben in einer Zeit, in der Identitäten oft zu Symbolen oder Slogans verflacht werden. Mich interessiert etwas wesentlich Schwierigeres: eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Komplexität. Ich glaube aufrichtig, dass Identitäten künstlerisch nur dann produktiv werden, wenn sie in der Tiefe ausgelotet statt lediglich ausgestellt werden.

Musik als langsame Brücke

Feuilletonscout: Glauben Sie, dass Musik heute noch als verbindende Kraft im Geist der historischen Seidenstraße wirken kann – oder ist das eine idealistische Vorstellung?
Mehmet Ali Sanlıkol: Es mag idealistisch sein, aber ich glaube dennoch daran. Andernfalls würde ich keine Werke wie A Gentleman of Istanbul schreiben. :)

Musik allein kann politische Probleme nicht lösen. Aber sie kann den Menschen, die mental dazu bereit sind, ermöglichen, unvertraute emotionale und intellektuelle Räume von innen heraus zu erleben. Und das ist wichtig. Die Gefahr heute ist nicht mangelnder Zugang zu Kulturen – Zugang haben wir in enormem Ausmaß. Die Gefahr liegt im oberflächlichen Konsum ohne Verständnis und in Reduktionismus. Die Herausforderung für Künstler*innen besteht daher nicht einfach darin, Welten zu verbinden – im Gegenteil, oberflächlich „verbundene“ musikalische Arbeiten reduzieren und exotisieren – sondern darin, die Menschen so weit zu verlangsamen, dass sie tatsächlich zuhören.

Feuilletonscout: Welche Rolle spielen Komponisten Ihrer Generation bei der Gestaltung eines globalen Dialogs zwischen Tradition und Innovation?
Mehmet Ali Sanlıkol: Ich denke, Komponist*innen heute haben die Verantwortung, über oberflächliche multikulturelle Gesten hinauszugehen. Der einfache Weg besteht darin, Klänge zu entlehnen. Der schwierigere Weg besteht darin, sich so tief einzulassen, dass eine andere Tradition das eigene musikalische Denken wirklich transformiert. Das verlangt Demut, Geduld, Forschung, Zuhören und oft Jahre der Ausbildung und des Unbehagens. Aber wenn das gelingt, kann etwas wirklich Neues entstehen …

Vielen Dank für das Gespräch Mehmet Ali Sanlıkol!

Das Wichtigste in Kürze

  • Osmanische Modi treffen Jazz und Sinfonik
  • Evliya Çelebi als Leitfigur eines Istanbul-Gentleman
  • Musik als Gegenentwurf zu oberflächlichem Multikulturalismus

Ottoman Music, Jazz, and a Gentleman: Mehmet Ali Sanlıkol

Mehmet Ali Sanlıkol’s symphony A Gentleman of Istanbul grows out of his frustration with Western clichés about Islam. Instead of reduced images of veiled figures, he places the 17th‑century intellectual Evliya Çelebi at the centre, whose Seyahatname combines history, fantasy and sharp observation. For Sanlıkol, Evliya embodies an older, multilingual, cosmopolitan Istanbul type, crossing cultural borders with ease.

Today, he understands the Silk Road above all as a mental circulation of sounds, stories and ideas, provided that such exchange remains deep and avoids touristic folklore. To find an organic musical language, he temporarily set aside his jazz career, studying Ottoman Turkish music, history, makam and usul from within. His aim is not decorative fusion, but an inner convergence of musical systems.

Jazz shapes his sense of form and time, yet he prefers to leave improvisation to dedicated soloists. Instruments such as oud, ney, piano and voice stand for different modes of musical thinking, between Sufism, physicality and language. When traditional instruments meet Western orchestras, he refuses to treat them as exotic colour, insisting on their role as fully integrated voices.

At the core lies his belief that identity becomes artistically fruitful only when explored in depth. Music cannot resolve political conflicts, but it can open unfamiliar inner spaces for those willing to listen attentively.

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