Von Guido Krawinkel – „Für das Echte gibt es keinen Ersatz.“ Mit diesem markigen Slogan warb einst eine Zigarettenmarke für die von ihr vertriebenen Glimmstängel. Die Botschaft: nur das Original zählt, alles andere ist nur ein Abklatsch. Das gleicht dem stilistischen Verdikt, das der Transkription – der Bearbeitung eines Musikstücks für eine andere als die originale Besetzung – im Laufe ihrer Entwicklung zuweilen einen durchaus zwiespältigen Beigeschmack verlieh, denn auch hier zählte das Original in der Regel mehr als die Bearbeitung. Der schweizerische, in Luxemburg lebende Pianist Romain Nosbaum hat jetzt eine ganze CD voll mit Bearbeitungen aufgenommen, die verschiedenste Aspekte dieses Genres präsentieren. Wer danach noch behauptet, das Original sei besser, sollte noch einmal hinhören.
Vom Original zum Eigenklang
Eine weite Verbreitung vieler Musikwerke ohne die Praxis der Bearbeitung vor dem Zeitalter von Schallplatte, CD und MP3 wäre gar nicht möglich gewesen. In den Zeiten vor jeglicher Konservierungsmöglichkeit von Tonaufnahmen dienten Bearbeitungen nicht zuletzt der Popularisierung von Musik. Bekannte Themen förderten den Erfolg von Bearbeitungen, gleichzeitig wurde noch unbekannte Musik einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Und zuweilen war eine Bearbeitung tatsächlich besser als das Original.
Ein Klavier, viele Welten
„For piano…or not“ heißt Nosbaums CD, frei nach dem Motto: Ist das jetzt für Klavier? Oder nicht? Beispielsweise Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge a-Moll (BWV 543). Im Original für Orgel, hat Franz Liszt das Werk für Klavier bearbeitet. Oder Bachs Concerto in d-Moll (BWV 974). Hier war Bach der Bearbeiter, der ein Oboenkonzert von Benedetto Marcello für Cembalo eingerichtet hat. Romain Nosbaum spielt das ebenso auf dem modernen Konzertflügel wie Leonard Borwicks Bearbeitung desPrélude à l’après-midi d’un faune von Claude Debussy, Astor Piazzollas legendäre Histoire du Tango und zwei Etüden von George Gershwin, die von Earl Wild neu eingerichtet wurden. Diese Palette auf dem Klavier darzustellen, verlangt vom Pianisten einiges, so Nosbaum: „Man muss mehr mit dem Klang arbeiten, zum Beispiel bei Debussy. Wenn man das Prélude spielt, dann hat man diesen Klangteppich, mit sehr viel Tremolo im Klavier. Das ist nicht immer so einfach. Man muss schauen, dass man dieses Werk neu gestaltet, das ist die Herausforderung des Musikers in dem Moment.“
Und diese Aufgabe ist nicht immer leicht, die Klangfarben auf dem Klavier sind nun mal begrenzter als in einem ganzen Orchester. Hinzu kommen die technischen Begrenzungen. Mit zehn Fingern muss der Pianist ein ganzes Sinfonieorchester ersetzen. Und dabei soll das Original noch irgendwie erkennbar bleiben. Nosbaum ist das Kunststück gelungen. Aber wie kam er überhaupt darauf, so ein Programm einzuspielen? „Das war auch ein bisschen Zufall.“ Während einer Pause, die er einlegen musste, probierte er ein bisschen rum und landete dann bei diesem Programm. „Ich habe ein bisschen rumgespielt und dann die Werke genommen, die ich sehr gerne habe. Das hat sich so ergeben.“ Zudem genoss er die Freiheit, mal aus dem üblichen Klavierrepertoire auszubrechen. „Ich brauchte ein bisschen Distanz vom Instrument. Wenn man dann wieder Schumann spielt und Bach, merkt man erst, wie sehr man oft eingezwängt ist. Zudem sind diese Stücke noch nicht von so vielen Leuten aufgenommen wurden.“
Die Kunst des Dazwischen
Der stilistische Bogen von Bach bis zu Gershwin, den Nosbaum dabei durchmisst, ist natürlich enorm. Kontraste spielen dabei eine wichtige Rolle, können aber auch problematisch werden. „Es ist auch ein wenig gefährlich mit den Kontrasten, da kann man auch manches falsch machen. Heute setzen viele auf Kontraste nur um der Kontraste willen. Man muss aber trotzdem gucken, dass es irgendwie zusammenpasst.“ Und das tut es bei so einem spannenden Programm ohne jeden Zweifel.
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Interview mit Romain Nosbaum hier
Romain Nosbaum and the freedom of transcription
For the real thing there is no substitute.” The old advertising slogan captures the verdict long attached to transcription: the original was considered superior to the arrangement. With his album For piano or not, Romain Nosbaum audibly challenges that assumption. The Swiss pianist, who lives in Luxembourg, brings together arrangements from Bach to Gershwin and reveals the variety of a genre that once made the wider circulation of music possible at all. Before records, CDs and MP3s, arrangements served to popularise music: familiar themes found new listeners, while unknown works became accessible. At times, an arrangement could even surpass the original.
Nosbaum performs Bach’s Prelude and Fugue in A minor in Liszt’s piano version, Bach’s harpsichord arrangement of an oboe concerto by Marcello, Leonard Borwick’s version of Debussy’s Prélude à l’après-midi d’un faune, Piazzolla’s Histoire du Tango, and Gershwin études arranged by Earl Wild. The challenge lies in the piano’s more limited palette of colour: with ten fingers, the pianist must evoke an entire orchestra without allowing the original to disappear.The programme emerged almost by chance, from a pause and a desire to escape the usual piano repertoire. Its arc from Bach to Gershwin is broad, yet Nosbaum never treats contrast as an end in itself. It coheres into a compelling whole.

