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Ars Electronica Linz: Science Art verhandelt Menschlichkeit

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Ars Electronica Linz 2026

Nach Jahren in der POSTCITY zieht die Ars Electronica 2026 in die Linzer Innenstadt. Verteilt auf OK Quarter, Danube Triangle und Med Campus verhandelt das Festival für zeitgenössische Science Art (Wissenschaftskunst) unter dem Motto „Negotiating Humanity“ Menschlichkeit zwischen Forschung, Technologie, Künstlicher Intelligenz, Krieg und Klang. Von Barbara Hoppe und Olaf Schirm.

Im Garten der Elisabethinen bewegt sich etwas – ein Schwarm kleiner elektronischer Kreaturen reagiert auf die Sonne, auf ziehende Wolken oder Schatten und übersetzt all das in ein Klanggewebe, das sich mit jedem Schritt der Vorbeigehenden verändert. Wer stehen bleibt, hört, wie sich die Komposition neu ordnet. Wer weitergeht, verändert sie mit dem eigenen Körper. Die Klanginstallation „Komorebi“ von Matteo Holyoke Marangoni und Dieter Vandoren ist Teil des neu etablierten Festival-Walks und gleichzeitig einer der poetischsten Momente der Ars Electronica, wo sich in diesem Jahr an vielen Stellen Kunstwerke mit Drohnen, Bot-Farmen oder militärischer Bildauswertung beschäftigen.

Die Stadt als Parcours

Lange Fußwege gehörten von jeher zur Ars Electronica. Allein die POSTCITY verlangte einem in ihren weitläufigen Hallen über mehrere Stockwerke viel Kondition ab. Und dieses Jahr deutet es bereits der Name „Festival-Walk“ – eine Highlight-Tour – an: 2026 ist nicht nur eine Zäsur für die Kunstschau. Nach Jahren in der POSTCITY, die nicht mehr zur Verfügung steht, und drei Gastspielen am Campus der Johannes Kepler Universität (JKU) erobert die Ars Electronica die Stadt Linz im Ganzen – und die Besucher durchwandern die Stadt.

Drei Hubs bilden hierfür das Gerüst: das OK Quarter rund um den OK Platz, das Danube Triangle (Donau-Dreieck) zwischen Lentos, Ars Electronica Center, der Kunstuniversität und dem Salzamt, sowie der Med Campus der JKU. Dazwischen liegen Kirchen, Schulen, ein Krankenhaus, ein Kunstmuseum, eine Tabakfabrik und der Mariendom. Ausstellungen, Performances, Symposien, Gespräche, Workshops und Town-Hall-Meetings verteilen sich über dieses Geflecht. Das Festivalgelände von einst geht über in einen Parcours von 40 Kunstorten durch die Stadt. Eine Änderung, die der Veranstaltung gut tut: Die Ars Electronica begegnet damit nicht mehr nur der Kunstszene und den Technologiekreisen, sondern der Stadt und seinen Bewohnern.

Natürlich bleibt ein Wermutstropfen. Was die POSTCITY mit ihrem industriellen Design ermöglichte – die monumentale Wucht eines überdimensionalen Raumkörpers –, kann ein Festival mit über vierzig Veranstaltungsorten, verstreut in der ganzen Stadt, nicht bieten. Große, immersive Licht- und Klanginstallationen brauchen Raum, brauchen Dunkelheit und Zwielicht, brauchen die Möglichkeit, zu überwältigen. In den kleineren, oft historisch aufgeladenen Räumen der Innenstadt entfaltet sich diese Wucht seltener. Und doch sind es gerade Krankenhäuser, Schulen und religiöse Orte, denen es gelingt, qua ihrer Funktion das Festivalmotto „Negotiating Humanity“ besonders nahbar zu machen.

Ars Electronica Linz 2026 Impressionen 2
Impressionen (c) Olaf Schirm

Die unsichtbare Arbeit

Mit dem Ars Electronica Center, dem Francisco Carolinum und dem Lentos Museum gibt es weiterhin bereits bewährte Standorte für die Präsentation von Science Art Werken. Im letzteren fanden die diesjährigen Preisträger des S+T+ARTS-Preises der Europäischen Kommission ihren Platz. Darunter die Arbeit von Hito Steyerl „Mechanical Kurds“. Die Berliner Künstlerin hat mit drei kurdisch-syrischen Geflüchteten in einem Lager bei Erbil gesprochen, die für Crowdsourcing-Plattformen tausende Bilder markiert und kategorisiert haben – Rohstoff für die Bilderkennungssysteme, die heute zivil wie militärisch eingesetzt werden. Steyerls Arbeit verwebt dokumentarisches Material mit künstlerischen Elementen und macht sichtbar, was in der Debatte um künstliche Intelligenz meist unsichtbar bleibt: die menschliche Arbeit, die jedem angeblich autonomen System vorausgeht. Die Pointe ist so einfach wie erschütternd. Wer heute Bilder für ein Erkennungssystem markiert, kann morgen selbst zum Ziel eines Systems werden, das auf genau diesen Daten trainiert wurde.

Ein Stück weiter, am Med Campus, spiegelt sich dieselbe Frage in kleinerem, alltäglicherem Maßstab. Dort begegnet man neben vielen Arbeiten zu Fragen der digitalen Identität und deren Narration einer studentischen Rauminstallation, die erfahrbar macht, wie beiläufige digitale Handlungen – ein Captcha hier, eine Mikroaufgabe dort – menschliche Wahrnehmung für maschinelle Zielerkennung nutzbar machen können. Was bei Steyerl als prekäre, oft erzwungene Arbeit erscheint, taucht hier als freiwillige, kaum bemerkte Nebenhandlung im digitalen Alltag wieder auf. Zwischen beiden Arbeiten entsteht eine Verbindung, die deutlich macht: Es geht nicht um die eine große Angst vor der KI, sondern um viele kleine, sich überlagernde Verstrickungen, in denen Menschen zugleich Werkzeug und Betroffene sind.

Ähnlich beklemmend ist das Werk „[OP]erator“ von Saki Mauyama und Daniel Coppen, eine Installation, die eine funktionierende Bot-Farm imitiert und in erschütternder Geschwindigkeit zeigt, wie schnell sich Fake News verbreiten.

Im Francisco Carolinum beeindruckt „Operation Sunken Sea“ der ägyptischen Künstlerin Heba Y. Amin. Amin greift darin die kolonialen Größenfantasien der 1920er-Jahre auf: Herman Sörgels „Atlantropa“-Plan, der einst vorsah, das Mittelmeer trockenzulegen, um Europa und Afrika zu einem gigantischen Superkontinent zu verschmelzen. In ihrer Videoarbeit schlüpft Amin selbst in die Rolle einer autoritären Herrscherin – mit Gestik, Rhetorik und Allüren, die an historische, meist westliche und männliche Diktatoren erinnern. Mit Humor, Sarkasmus und akribischer Archivrecherche seziert sie die Absurdität technokratischer Großmachtfantasien.

Ars Electronica Linz 2026 Bot Farm
[OP]erator ist eine interaktive Skulptur, die eine funktionierende Bot-Farm inszeniert. Indem sie die Kontrolle übernehmen, können Besucher 101 Smartphones und deren X-Konten (Twitter) gleichzeitig steuern und so zum Nachdenken darüber anregen, wie Sichtbarkeit, Einfluss und Überzeugungen im Internet konstruiert und manipuliert werden. / Foto: Daniel Coppen

Klang im sakralen Raum

In ganz andere, fast übermenschliche Sphären entführt uns am Eröffnungsabend der japanische Klangkünstler evala im Mariendom. Eigens für die Kathedrale hat er gemeinsam mit der Koloratursopranistin Ayako Tanaka „Holy Echo: Clair de Lune“ entwickelt: Ihre in Echtzeit verarbeitete Stimme durchdringt den Kirchenraum über ein eigens hierfür konzipiertes Klangsystem. Das Werk geht von der Idee aus, dass ein Raum sakral wird, wenn ein außergewöhnliches akustisches Feld die menschliche Wahrnehmung neu ordnet. Das Ergebnis ist ein überwältigendes Klangerlebnis, das sich bis in die letzten Winkel des sakralen Baus ausweitet und seine Struktur aufzulösen scheint.

Wie sehr Klangkunst bei der Ars Electronica über bloße Begleitung hinausgeht, zeigt sich am Sonic Saturday, den die Anton Bruckner Privatuniversität seit 2016 im Rahmen des Festivals veranstaltet. Wie ein Labor für zeitgenössisches Hören fühlt es sich an, wenn man die kleinen, dunklen Klangräume der Universität betritt und in einem Universum aus Musik und Sound Art landet, die mit Technologie arbeiten oder Klang räumlich erfahrbar machen. Parallel öffnet das Tangible Music Lab in der Tabakfabrik seine Türen und zeigt neuentwickelte, spielbare elektronische Musikinstrumente – auch jene, die am Sonic Saturday zu hören sind.

30 Jahre Ars Electronica Center

Dabei strahlt über allem ein ganz besonderes Jubiläum: Das Ars Electronica Center feiert dreißig Jahre seines Bestehens mit bisher 3,5 Millionen Besuchenden. Seit seiner Eröffnung 1996 ist es in Linz mehr als ein Museum für Zukunftstechnologien. Es ist Labor, Schaufenster und Bildungsort. Die Geschichte der Ars Electronica erzählt deshalb auch von einer Entwicklung: von der Faszination für digitale Möglichkeiten über die künstlerische Erforschung neuer Bild-, Klang- und Kommunikationsformen und den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.

Gerade die Frage nach Öffentlichkeit darf man in einem anderen Zusammenhang angesichts der Linzer Klangwolke mit einem Stirnrunzeln stellen. Die Klangwolke, die 1979 als spektakuläre Eröffnung der Ars Electronica begann, gehört seit Jahrzehnten zu den großen öffentlichen Kulturereignissen der Stadt und findet inzwischen traditionell am Festivalsamstag statt. „ATTheENDLinz“ hieß es heuer unter der Regie von Felix Breisach. Es ging um Krieg, Zerstörung und Hoffnung. Was bereits im Jahr zuvor auffiel, findet 2026 seine Bestätigung: Das einstige gemeinsame Erleben für die Stadt inszeniert sich – wenn auch der Eintritt weiterhin frei bleibt – um die VIP-Tribüne. Die Hauptbühne bildete ein nicht mehr wie einst fahrendes, sondern mit flachen, zur Tribüne ausgerichteten LED Videowänden ankerndes Schiff auf der Donau, während Chor und Solisten auf dem Dach des Brucknerhauses positioniert waren. Die wenigstens Linzer dürften dieses Donauspektakel in seiner Gesamtheit gesehen und gehört haben.

Was bleibt?

Eine großartige Erfahrung. Faszinierende, intelligente, berührende, erschütternde, ästhetische, poetische Kunst an der Schnittstelle von Technik und Wissenschaft. Die Erkenntnis, dass Veränderung in Bewegung hält und kreative Räume eröffnet. Und die Einsicht, dass die Ars Electronica zwar seinen Maschinenraum verloren, aber dafür ein Nervensystem gewonnen hat, das die ganze Stadt durchzieht – anregend und vielstimmig.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Ars Electronica Festival9. -13. September 2026
Linz / ÖsterreichtWebsite

Drei Gründe hinzugehen

  • Kunst im Stadtraum statt in geschlossenen Messehallen
  • Hochkarätige Klangkunst zwischen Mariendom und Bruckner Universität
  • Wohldurchdachte zeitgenössische Arbeiten über die aktuellen Fragen unserer Zeit

Ars Electronica Linz: Art in New Directions

In the garden of the Elisabethinen, the sound installation Komorebi translates light, clouds and visitors’ movements into a constantly shifting sonic fabric. It exemplifies an Ars Electronica that, after years in the POSTCITY, moves into Linz’s city centre in 2026. The OK Quarter, Danube Triangle and Med Campus form the three hubs of a festival that turns churches, schools, a hospital, museums and the former tobacco factory into an urban circuit.

This new distribution comes at the cost of monumental spaces and large-scale immersive force. At the same time, it brings the motto “Negotiating Humanity” closer to the city’s everyday life. At the Lentos, Hito Steyerl’s Mechanical Kurds reveals how the invisible labour of refugees feeds image-recognition systems—and how those same people may later become the targets of systems trained on their work. A student installation at the Med Campus extends this entanglement into everyday digital life, while [OP]erator imitates the speed of a bot farm.

At the Francisco Carolinum, Heba Y. Amin dissects technocratic fantasies of great power. With Ayako Tanaka, sound artist evala turns Linz Cathedral into an overwhelming acoustic field. Sonic Saturday, too, makes sound spatially tangible.

Ars Electronica has lost its engine room, but gained a nervous system: a polyphonic network running through Linz.

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