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„Ich fahr Pakete aus in Peking“ von Hu Anyan

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Buch Literatur

Von Barbara Hoppe – Ein Mann, ein Lieferwagen, eine Megacity:  Hu Anyans Geschichte „Ich fahr Pakete aus in Peking“, die in China zum Megaseller wurde, ist vieles zugleich – Arbeitsprotokoll, Großstadtroman, Entwicklungs- und Gesellschaftsgeschichte. Sie ist der Blick auf ein hartes Leben im Niedriglohnsektor Chinas. Dass dieser Text über einen Paketzusteller in China zum Kultbuch wurde, erstaunt nach der Lektüre kaum, mag er doch das Leben vieler Chinesen authentisch widergeben.

Insiderblick in Chinas Niedriglohnwelt

Hu Anyan aus Guangzhou, Jahrgang 1979, hat in den zwei Jahrzehnten nach seinem Highschool-Abschluss sage und schreibe neunzehn verschiedene Jobs gehabt: Verkäufer im 24-Stunden-Laden, Fahrradmechaniker, Pakete-Kurier, Sicherheitsmann, Arbeiter im Logistikzentrum, an der Tankstelle, in der Kantinenküche – die Liste ist das Panorama der prekären Arbeit im China des 21. Jahrhunderts. Hu Anyan zieht von Großstadt zu Großstadt, immer dann, wenn Arbeit und Bosse unerträglich werden, und richtet sich jedes Mal neu in winzigen Zimmern ein, begleitet nur von zerlesenen Ausgaben Tschechows und Carvers.

Protokoll eines Systems

Bereits 2009 hatte er begonnen, über seine Jobs in Videos zu erzählen. Diese Texte und seine Erfahrungen als Paketzusteller in Peking, die er während der Pandemiezeit in einem eigenen Blog in kurzen Einheiten veröffentlichte, bündelt „Ich fahr Pakete aus in Peking“ zu einem Roman, der eine einmalige Innensicht in den harten Niedriglohnsektor in China schildert. Hu zeigt die psychologische Hackordnung in gigantischen Sortierhallen, die kafkaeske Bürokratie der Personalabteilungen und den minutiös optimierten Ablauf der Lieferrouten. Mögen die Kurierfahrer hierzulande auch klagen – Hu Anyan schildert eine Welt, die mit der Realität deutscher Paketzusteller nur entfernt verwandt sein dürfte, dafür aber viel über globale ausbeuterische Arbeitsverhältnisse erzählt.

Hu Anyan Ich fahr Pakete aus in Peking Cover
Cover: suhrkamp Verlag

Selbstbeobachtung im Ausnahmezustand

Dabei ist „Ich fahr Pakete aus in Peking“ weniger eine Reportage als vielmehr ein Entwicklungsroman – nur dass sein Held kein Student oder Intellektueller ist, sondern ein Kurierfahrer mit vertraglich verbriefter 60-Stunden-Woche. Hu Anyan beobachtet und analysiert, wie er in Hierarchien mitspielt, wann er sich duckt, wann er sich auflehnt und warum er immer wieder den Job wechselt, statt sich „hochzuarbeiten“.

Zwischen Nacht- und Schichtarbeit, zwischen Übermüdung und Existenzangst beginnt Hu Anyan, sein Leben nicht nur als Aneinanderreihung von Jobs, sondern als Geschichte zu begreifen. So wächst mit jeder Station nicht nur die Erfahrung, sondern ein Bewusstsein von Würde und Selbstachtung in einem System, das genau diese Würde alltäglich unterläuft.

Klar, einfach, lebensnah

Für seine Schilderungen findet er eine Sprache, die genauso unprätentiös ist wie seine Jobs. Die Sätze sind einfach, der Ton sachlich und doch öffnet sich dahinter eine erstaunliche emotionale Tiefe. Die deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Monika Li bewahrt diese Schlichtheit und macht spürbar, wie genau Hu hinschaut: Er verzichtet auf große Metaphern und vertraut darauf, dass der nüchterne Blick auf gestapelte Pakete, klemmende Scanner und schreiende Vorarbeiter für sich spricht. Dies entbehrt nicht selten einem trockenen Humor und lakonischer Komik. Wenn er die bürokratischen Rituale der Personalabteilungen schildert, das endlose Ausfüllen von Formularen und das erniedrigende Bewerbungstheater, ist das komisch und erschütternd zugleich.

Gesellschaftsroman statt exotisches Panorama

„Ich fahr Pakete aus in Peking“ ist kein exotischer China-Blick für westliche Reisende, sondern der Innenbericht eines Mannes, der zu den rund 300 Millionen Wanderarbeitern gehört, die den wirtschaftlichen Boom des Landes tragen. Hu Anyan hat es geschafft. 2021 bot man ihm einen Buchvertrag an, 2023 verkaufte sich „Ich fahr Pakete aus in Peking“ 700.000 Mal, die Audiobook-Version erreichte zwei Millionen Verkäufe. Heute kann er vom Schreiben leben. Eine Geschichte mit Happyend.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Hu AnyanIch fahr Pakete aus in Peking
übersetzt von Monika Li
suhrkamp Verlag
Berlin 2025
bei Thalia
bei amazon

Das Wichtigste in Kürze

  • Unverstellte Innenansicht des chinesischen Arbeitsalltags
  • Lakonischer Ton mit präziser Beobachtung
  • Entwicklungsroman im Milieu der Wanderarbeit

„Ich fahr Pakete aus in Peking“ by Hu Anyan

Hu Anyan’s novel I Deliver Parcels in Beijing offers a rare interior view of China’s low-wage labor world. Drawing on his own experience across nineteen jobs—from shop assistant to courier—Hu traces a life shaped by constant movement, precarity, and adaptation. His narrative, rooted in blog entries and personal accounts, captures the psychological hierarchies of logistics centers, the rigid bureaucracy of hiring systems, and the relentless optimization of delivery routes.

Rather than a conventional report, the book unfolds as a coming-of-age story under extreme working conditions. Hu reflects on his role within these systems, observing when he complies, resists, or simply moves on. Amid long shifts and exhaustion, he begins to see his life not as a sequence of jobs, but as a coherent story shaped by dignity and self-awareness.

The prose is deliberately plain, almost restrained, yet reveals emotional depth and quiet humor. Everyday details—stacked parcels, faulty scanners, shouting supervisors—speak for themselves. In German, Monika Li’s translation preserves this clarity.

This is not an exotic portrait of China, but a social novel from within. It gives voice to millions of migrant workers sustaining the country’s economic rise. Hu’s eventual literary success adds a final, unexpected turn to his story.

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