Von Barbara Hoppe.
Wer kennt sie nicht, diese Momente? Man steht in einer Unterhaltung, hört Worte, Phrasen, die verpuffen, und denkt plötzlich: Was für ein Unsinn. Wie hohl, wie aufgesetzt das alles klingt. Und manchmal blitzt, verborgen hinter gesellschaftlicher Höflichkeit, ein sehr böser Gedanke auf: Oh mein Gott, ich könnte den wirklich umbringen. Claire, die Protagonistin im Debütroman von Joanna Wallace denkt das nicht nur. Sie tut es.
Wenn Smalltalk tödlich wird
Willkommen in der Welt einer jungen Frau, die von Jetzt auf Gleich auf Mord umschaltet. Ein schiefer Blick, eine unbedachte Bemerkung oder Handlung, eine Notlüge oder Unehrlichkeit – und ihr Gegenüber löst sich buchstäblich in Luft auf. Ein Vorbote für das, was unausweichlich folgt: das sichere Ende. Doch so blutig Claire ans Werk geht, so amüsant erzählt sie von ihrem Doppelleben. Zwischen dem Leben als Serienmörderin und scharfzüngiger Alltagsbeobachtung entfaltet sich ein schwarzhumoriges, bitterböses Panorama. Zynisch blickt Claire auf eine Welt voller Oberflächlichkeiten, leerer Gespräche und arroganter Zeitgenossen, die oft nichts zu sagen haben – es aber umso lauter tun.
Die Lust am bösen Blick
Die britische Autorin Joanna Wallace schenkt uns mit „My Life as a Serial Killer“ eine Protagonistin, die all das nicht nur still und mitunter genervt beobachtet. Sie mordet – quasi stellvertretend für uns, die wir uns im Alltag oft ohnmächtig fühlen ob des dumpfbackigen Geplappers des banalen und langweiligen Durchschnittsmenschen. Und sie tut es mit einer bitterbösen, fast schon zynischen Lust, die einen als Leser gleichermaßen schockiert wie amüsiert. Diese hübsche, junge Frau, in deren Inneren sich jedoch ein Universum aus Wut, Ironie und analytischer Schärfe verbirgt, ist Engel und Teufel zugleich. Rückblenden in ihre Kindheit erklären ihr Hochsensibilität gegenüber Ungerechtigkeiten und Demütigungen. Doch statt sich zu fügen, hat sie gelernt, ihre ganz eigenen Konsequenzen zu ziehen: Wer sie mit Plattitüden quält oder einfach nur dumm daherkommt, lebt gefährlich. Auf diese Weise wird jede Begegnung zur potenziellen Todesfalle, jeder Dialog zum Tanz auf dem Vulkan. Wallaces Heldin mordet nicht aus Lust am Töten, sondern als radikale Antwort auf die Zumutungen des Alltags.
Von der Jägerin zur Gejagten
Doch eines Tages macht Claire die Rechnung ohne ihr Opfer. Und ohne jene, die dieses Opfer plötzlich doch vermissen könnten. Was folgt, ist ein furioser Ritt durch Raub, Erpressung und ein dichtes Geflecht krimineller Machenschaften, bei dem jeder über jeden etwas weiß – nur Claire nicht alles. Je tiefer sie sich darin verstrickt, desto dringlicher muss sie eines tun: ihre eigene Haut retten.
„My Life as a Serial Killer“ ist ein Roman für alle, die sich manchmal über die Welt wundern, über die Menschen ärgern oder sich einfach nach einem Ausbruch aus dem Alltäglichen sehnen. Joanna Wallace seziert das menschliche Durchschnittsgeschwätz messerscharf. Ihr Tonfall ist pointiert, voller schwarzem Humor und dabei erschreckend wahrhaftig . Ihre Protagonistin dient dabei wunderbar als Projektionsfläche für all jene, die sich ungerecht behandelt fühlen oder sich an der Ignoranz ihrer Mitmenschen reiben. Das es bis zum Schluss spannend bleibt, verdankt der Roman der unerwarteten Wendung, dass Claire selbst plötzlich zur Gejagten wird, das Morden nicht mehr nur ein Beiseiteschaffen unsympathischer Zeitgenossen ist, sondern zur Notwehr mutiert.
Hier wird die Grenzen zwischen Krimi, Satire und Gesellschaftsanalyse mühelos gesprengt. Dabei gelingt der Autorin ein literarischer Balanceakt zwischen Spannung, Humor und bitterbösem Zynismus. Ein Blick in den Kopf einer ungewöhnlichen Heldin, der gleichermaßen unterhält wie verstört. Und dabei hochgradig unterhält – was im Übrigen schon beim Titel beginnt. Wie sonst ließe sich erklären, dass aus dem Originaltitel „You’d Look Better as a Ghost“ in der deutschen Übersetzung „My life as a serial killer“ wurde?
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| Joanna Wallace | My life as a serial killer a.d.Engl. von Leena Flegler |
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Das Wichtigste in Kürze
- Schwarzer Humor mit tödlicher Präzision
- Claire als scharfzüngige Antiheldin
- Spannung zwischen Satire und Krimi
Joanna Wallace: Murder Begins with Small Talk
In her debut novel My Life as a Serial Killer, Joanna Wallace turns everyday irritation into a murderous fantasy. Her heroine Claire has little patience for platitudes, lies and thoughtless chatter. One careless remark, one arrogant glance, and the young woman removes the offender. What sounds grim is told with black humour and a sharp eye for the trials of social life.
Claire does not kill for the pleasure of violence. Her crimes become a grotesque response to a world of superficiality, indifference and empty talk. Flashbacks to her childhood explain, though never excuse, her sensitivity to injustice. This tension makes her compelling: angel and devil, victim and perpetrator, a figure of identification and disturbance.
But Claire has underestimated the consequences. When one of her victims is missed, she is drawn into a web of robbery, blackmail and criminal entanglements. The hunter becomes the hunted, and her private campaign of revenge turns into a fight for survival.
My Life as a Serial Killer combines crime fiction, satire and social observation. Joanna Wallace writes with precision, malice and wit: a novel that entertains, unsettles and sustains its suspense to the end.


