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Rumänische Musik: „Carpathian Tales“ von Lelie Cristea

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Interview

Die Geigerin Lelie Cristea wohnt mitten im Ruhrpott und hat mit „Carpathian Tales“ eine CD mit Werken rumänischer Komponisten aufgenommen. Klingt zunächst einmal unspektakulär. Aber die rumänische Musik hat es in sich. Nicht nur für die Geigerin und ihr Team, allen voran ihr Mann Carlo, der sie bei ihrem Unterfangen maßgeblich unterstützt hat, war die Produktion eine Entdeckungsreise zu den eigenen Wurzeln. Und für Hörer ist es eine Entdeckungsreise zu einem außergewöhnlichen Repertoire. Das Gespräch führte Guido Krawinkel.

Feuilletonscout: Sie leben mitten im Ruhrgebiet, das Programm strahlt aber eine außergewöhnliche Verbundenheit aus, die Sie mit Rumänien haben. Wie kommt das?
Lelie Cristea: Ich bin mit sehr, sehr starkem Bezug zu Rumänien aufgewachsen. Mein Vater ist Rumäne. Leider habe ich meine weitere Familie außer der Schwester meines Vaters nie kennengelernt. Bei uns war es aber so, dass ich in jedem Urlaub in Rumänien war seit ich ungefähr fünf oder sechs Jahre alt bin, auf einem kleinen Bauernhof, den wir selber renoviert haben. Mittlerweile sind wir in den Karpaten unterwegs und haben dort ein Haus. Es war einfach wunderschön, diese Erfahrung mit dem Land, den Leuten zu haben. Dadurch habe ich einen sehr starken Bezug zu Rumänien und fühle mich als Rumänin, aber auch als Deutsche. Ich bin in beiden Ländern sehr verwurzelt.

Rumänische Musik Lelie Cristea Porträt
Foto (c) Lelie Cristea

Frühe Prägung

Feuilletonscout: Haben Sie sich damals auch schon mit Musik befasst?
Lelie Cristea: Bei mir ist es so, dass ich klassisch geprägt geworden bin. Ich habe mit zweieinhalb Jahren begonnen Geige zu spielen und war immer von klassischer Musik umgeben, weil mein Vater auch Geiger und Pädagoge ist. Ich habe sehr viel Glück gehabt, immer von dieser Musik umgeben zu sein, nur nicht unbedingt von der rumänischen. Die rumänische Musik habe ich erst, mit 14,15 richtig wahrgenommen. Mit Enescu zum Beispiel, den ich auch gespielt habe. Aber wenn man in Rumänien war, lief natürlich von morgens bis abends das Radio auf Rumänisch und mit Volksmusik. Ich war deshalb auch von Volksmusik umgeben, aber die klassische Musik war bei mir sehr viel präsenter.

Feuilletonscout: Ist Musik in Rumänien präsenter als hier? Wie ist das dort im täglichen Leben?
Lelie Cristea: Das kann man schon sagen. Gerade im ländlichen Bereich, wo wir damals waren, lief von morgens bis abends Volksmusik im Radio. Die ist dort sehr viel präsenter als man es jetzt aus Deutschland kennen würde. Gerade diese tänzerischen Stücke, diese „Gute Laune-Volksmusik“, die wird dort rauf- und runtergehört.

Feuilletonscout: Sie sagten, Sie haben mit zweieinhalb Jahren angefangen, Geige zu spielen. Ist das nicht selbst für geigerische Maßstäbe extrem früh?
Lelie Cristea: Ja, aber ich hatte eben schon seit der Geburt – und auch schon vor der Geburt im Mutterleib – viel Geige mitbekommen. Mein Vater hat ja ständig gearbeitet, geübt, unterrichtet. Beides ist mir bis heute sehr wichtig. Ich habe praktisch das Pädagogische und Geigerische von frühester Kindheit an mitbekommen, weil ich oft bei meinem Vater auf dem Schoß saß und zugehört habe im Unterricht. Also ich wollte sehr, sehr gerne Geige spielen. Ich habe dann zu Nikolaus die erste Miniatur-Geige bekommen, die war kleiner als ¼-Geige. Und dann war ich davon auch nicht mehr wegzubekommen, habe jeden Tag geübt und wollte das tatsächlich auch gerne machen. Mein Vater hat immer gesagt: Ich will, dass du hervorragend Geige spielen kannst. Du sollst hinterher aber selber entscheiden, was du machst. Wahrscheinlich hat er sich dann schon gefreut, dass ich auch tatsächlich Geigerin geworden bin. Aber für mich, seit ich neun oder zehn Jahre alt war, war klar: Ich will Geigerin werden.

Eigener Weg

Feuilletonscout: Gerade bei Geigern ist die Konkurrenz ja enorm groß, die gibt es wie Sand am Meer. Wie versuchen Sie, Ihren eigenen Weg zu gehen?
Lelie Cristea: Meinem Mann, der mich immer unterstützt, und mir war klar: wir müssen einen eigenen Weg gehen. Wir gehen generell ungern ausgetretene Wege. Ich habe das mein ganzes Leben so gemacht in der klassischen Musik. Natürlich erarbeitet man die großen Werke, das ist wichtig. Das große Repertoire zu können und zu kennen, ist wichtig, auch für die Entwicklung. Aber ab einem gewissen Punkt habe ich gemerkt: Ich brauche auch mal etwas anderes, ich brauche etwas Frischeres. Dann habe ich angefangen, mich mit Filmmusik zu beschäftigen. Und mein Herzensprojekt Carpathian Tales, das schlummerte schon lange in mir. Ich habe lange drüber nachgedacht, dass ich den Rumänen, dem rumänischen Land, das mir so viel geschenkt hat, irgendwann etwas an Freude, an Wärme zurückgeben möchte. Und schon früher haben wir gesagt: Wir gehen unseren eigenen Weg. Wir wollen ungerne abhängig sein von Labels, von Konzertveranstaltern. Wenn man da einmal in der Maschinerie drin ist, dann muss man auch wirklich auf Knopfdruck alles machen, was andere von einem wollen. Uns ist sehr wichtig, dass wir unsere Projekte frei gestalten können. Wir sind sehr kreativ, wir haben ständig neue Ideen und wir wollen gerne Dinge machen, die für uns wichtig sind. Nicht unbedingt, weil es die Masse anspricht. Gerade bei den Carpathian Tales wusste ich nicht, wie viele Menschen sich am Ende für dieses Projekt interessieren. Uns war es einfach wichtig, solche Sachen machen zu können, und zwar genauso wie wir es wollen. Wir haben dann auch alles zu zweit gestemmt. Es ist unser Herzensprojekt.

Rumänische Musik Carpathian Tales Cover

Verborgene Repertoires

Feuilletonscout: Wie haben Sie das Programm der CD zusammengestellt?
Lelie Cristea: Ich habe viel recherchiert und bei der Recherche habe ich viel über die Komponisten, meinen Vater und meinen Großvater gelernt. Das war eine ganz tolle Erfahrung für mich. Brian Porombescu, dessen Ballade auf der CD ist, kannte ich schon gut, weil mein Vater sein Werk sehr oft in Rumänien als Zugabe spielen musste. Das ist ein Stück, das in Rumänien sehr, sehr bekannt ist. Auf der einen Seite ist es sehr hoffnungsvoll, auf der anderen Seite sehr leidenschaftlich, sehr traurig. Und es war mir ganz besonders wichtig, dass dieses Werk auf der CD erscheinen muss. Und dann habe ich angefangen zu recherchieren und habe herausgefunden, dass Dumitru Bugic, der eine tolle Suite geschrieben hat, zufälligerweise ein Professor meines Vaters war. Auch Jack Kerouac ist ein Professor meines Vaters gewesen an der Hochschule, was ich erst im Nachhinein erst erfahren habe. Auch wenn manche Stücke sehr unbekannt sind, sind sie doch sehr eingängig. Man kann sich sehr gut reinhören. Man hat sehr schnell eine Beziehung zu diesen Stücken, die von Geschichten umwoben sind. Das ist auch der Grund, warum wir die CD Carpathian Tales, also Geschichten aus den Karpaten, genannt haben.

Feuilletonscout: Das Programm scheint mir sehr beziehungsreich zu sein. Gibt es weitere Querverbindungen?
Lelie Cristea: Mircea Chiriac etwa hat seine Serenade als Liebeserklärung für seine Frau geschrieben. Das haben wir erst im Nachhinein erfahren, als wir zu seiner Tochter Kontakt aufgenommen haben, die praktisch die Stimme Rumäniens war. Ich habe ihr geschrieben, um zu fragen, ob sie uns ihren Segen gibt, dass ich das in einem neuen Arrangement spiele. Und sie hat Ja gesagt. Die zwei Etüde-Capricen sind Stücke, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Ich kenne die Capricen schon länger, habe sie schon mit 14 Jahren das erste Mal mit meinem Vater erarbeitet. Aber es gab nie Aufnahmen davon. Die wurden nie gespielt, außer von meinem Vater, der sie in seiner Jugend für seinen Vater auf Tonband aufgenommen hatte. Das sind Stücke über rumänische Volksthemen, die einen ganz besonderen Charakter haben.

Natur als Klangraum

Feuilletonscout: A propos Karpaten: spielt auch die Natur eine Rolle in den Stücken?
Lelie Cristea: Die Ciocarlia von Anghelus Dinicu ist ein Stück, in dem Vogelstimmen vorkommen. In der Kadenz im Mittelteil, die technisch sehr schwierig ist und mit sehr schnellen Tempi gespielt wird, war es mir wichtig, dass das den Vogelstimmen so ähnlich wie möglich ist. Ich weiß noch, wie ich durch den Park lief und ich dann immer stehen blieb und sagte: Oh, das ist ein Vogel, ich muss mir den noch mal anhören: eine Amsel, ein Rotkehlchen. Ich habe dann auch versucht, das genauso zu spielen. Ich weiß noch, wie unsere Hündin Juni darauf angefangen hat zu reagieren. Die war immer ganz irritiert und dachte: Was ist denn hier gerade los? Ist da gerade ein Vogel reingeflogen? Das Vogelthema ist auch deswegen so wichtig, weil meine Großeltern mütterlicherseits diesen Amselpfiff zur Kommunikation genutzt haben, damit haben mein Vater, mein Großvater und meine Oma immer aus dem Haus gepfiffen. Das war deren Ruf. Damals gab es ja noch keine Handys und das war wie ein Erkennungszeichen.

Ein Projekt wächst

Feuilletonscout: Wie lange haben sie sich denn letztendlich mit dem Album beschäftigt – von der ersten Idee bis zur Fertigstellung?
Lelie Cristea: Das sind jetzt fünf Jahre. Vor fünf Jahren waren wir auf dem Pferderücken in den Karpaten unterwegs. Da kann man sehr gut reiten, das ist wirklich ein Traum. Man galoppiert über die Weiten, über die Hügel, durch die Wälder. Also das war wirklich ein Traum, der wahr geworden ist für uns beide. Das hat uns sehr inspiriert. Wir saßen danach auf unserer Terrasse mit Blick auf das Schloss Dracula und die Berge. Und ich sagte zu meinem Mann: Mensch, das ist es. Wir müssen ein rumänisches Album machen. Ich fange heute noch an zu recherchieren. Ich weiß noch, wie ich da saß und angefangen habe zu recherchieren. Das war die Geburtsstunde der CD: auf dem Pferderücken. Bis wir aufgenommen haben, hat es dann zwei Jahre gedauert. Wir waren am Ende ein großes Team, bei dem man gespürt hat: die haben alle Feuer gefangen und gemerkt, wie wichtig uns das ist. Diese Energie hat sich übertragen. Es war wirklich fantastisch, das hat man auch beim Aufnahmeprozess gemerkt. Das hat wirklich Spaß gemacht, man wurde nicht müde. Ich hatte am Ende sogar noch mehr Energie als vorher. Normalerweise kann man nach drei Aufnahmetagen nicht mehr. Aber ich hatte glänzende Augen und sagte: Das würde ich jetzt noch mal machen.

Feuilletonscout: Wie wichtig ist es heutzutage für Geiger, sich präzise zu positionieren und sich durchzusetzen?
Lelie Cristea: Unserer Erfahrung nach sehr. Es kommt ein bisschen darauf an, was man am Ende will, würde ich sagen, in welche Richtung man gehen will. Viele wollen wirklich sehr breit gefächert alles spielen an Repertoire. Ich spiele auch viele verschiedene Genres, aber ich glaube schon, dass es gut ist, sich so zu positionieren, dass man am Ende glücklich mit dem ist, was man macht. Sonst kann man in eine Richtung gedrängt werden, die unter Umständen nicht so passend für einen ist, gerade wenn man noch am Anfang steht.„Durchsetzen“ als Geiger, das ist ein Begriff, der bei uns normalerweise gar nicht vorkommen, das entspricht überhaupt nicht unserer Mentalität und unserem Bestreben. Wenn man hinter etwas steht, wenn man ein Projekt macht, bei dem man mit dem Herzen dabei ist, dann merkt man das am Ende. Qualität ist natürlich wichtig. Man muss aber seinen eigenen Weg finden, man muss wissen, was man machen möchte. Das finde ich als Künstler besonders wichtig, dass man Ende auf sich zurückschauen kann und sagen kann: Wir haben es geschafft, wir haben das für uns gemacht. Und wir sind daran gewachsen.

Hand in Hand

Feuilletonscout: Sie sprechen immer von „wir“: Inwieweit war ihr Mann involviert und welche Aufgaben hat er übernommen?
Lelie Cristea: All das, wo man mich nicht sieht, das hat Carlo gemacht. Ohne ihn gäbe es das auch hier alles gar nicht. Wir sind wirklich ein Team, das stark Hand in Hand geht. Ich könnte mir nicht vorstellen, das ohne ihn zu machen, weil wir uns so stark ergänzen. All das, was ich nicht leisten kann, auch vielleicht mal nicht leisten möchte, aber vor allen Dingen nicht kann, das kann er und andersrum genauso. Also ich würde sagen: Ohne einander würden wir beide nicht hier stehen. Und das zeichnet uns am Ende auch aus, dass wir uns so gut ergänzen und dann zusammen so was machen können.

Vielen Dank für das Gespräch, Lelie Cristea!

Lelie Cristea | Violine

Maxim Shamo | Klavier
Swonderful Orchestra | Catherine Larsen-Maguire
Carpathian Tales
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Das Wichtigste in Kürze

  • Selten gespieltes rumänisches Repertoire
  • Biografische Spurensuche in Klang übersetzt
  • Naturmotive als musikalische Struktur

Rumänische Musik (Romanian Music): „Carpathian Tales“ by Lelie Cristea

Romanian violinist Lelie Cristea, based in Germany’s Ruhr region, explores her heritage through the album Carpathian Tales. What began as a personal project became a journey into rarely performed Romanian repertoire. Raised between cultures, Cristea grew up immersed in classical music through her father, a violinist and teacher, while Romanian folk traditions remained a quieter influence until her teenage years.

The album reflects both discovery and memory. Works by composers such as Ciprian Porumbescu and Dumitru Bughici reveal a rich, often overlooked musical landscape. Many pieces are closely tied to personal or historical narratives, including family connections and rediscovered compositions that had never been recorded.

Nature also plays a central role. In Dinicu’s Ciocârlia, birdsong becomes a technical and expressive challenge, echoing childhood memories and family traditions. The project itself took five years, sparked during travels in the Carpathian Mountains, where landscape and imagination converged.

Cristea and her husband Carlo deliberately chose an independent path, shaping the album outside conventional industry structures. The result is an intimate, carefully curated recording driven by artistic conviction rather than market expectations—an exploration of identity, sound, and cultural memory through Romanian music.

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