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Wie „Stones“ Berlin Geschichte vor Augen führt

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Theater

Mit Stones bringt die israelische Theatergruppe Orto-Da ein außergewöhnliches, vollständig nonverbales Theatererlebnis zu den Jüdischen Kulturtagen 2026 nach Berlin. Ausgehend vom Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto entfaltet Regisseur und Orto-Da-Gründer Ynon Tzafrir eine vielschichtige Bildsprache über Erinnerung, Gewalt, Überleben und die Widerstandskraft des menschlichen Geistes.

In der Synagoge Rykestraße, einem Ort, dessen Geschichte selbst von Zerstörung, Entweihung und Fortbestand erzählt, erhält die international vielfach ausgezeichnete Produktion eine besondere Resonanz. Im Gespräch erläutert Tzafrir, weshalb Stones historische Erfahrung nicht illustrieren, sondern für ein gegenwärtiges Publikum sinnlich, widersprüchlich und offen erfahrbar machen will.

Das Gedächtnis der Steine

Feuilletonscout: Was ist die zentrale Idee hinter „Stones“, und welche Erfahrung möchten Sie mit dieser Produktion für das Publikum schaffen?
Ynon Tzafrir: Die Theatergruppe Orto-Da entwickelt eine originäre, internationale Körpersprache, die aus der intensiven Beobachtung menschlicher Bewegungen und Verhaltensweisen hervorgeht. Dabei entsteht die Perspektive aus dem Blickwinkel zeitloser, uralter Ewigkeit: Steine betrachten eine grausame Menschheit, die sich über Generationen hinweg immer wieder selbst zerstört hat, mit mitfühlenden und verzeihenden Augen. Zugleich wünschen sich diese Steine letztlich ein Herz, das in ihnen schlägt, damit sie reine, menschliche Liebe erfahren können. Stones ist eine universelle Aufführung, die auf der ganzen Welt gezeigt wurde. Sie behandelt den Holocaust nicht als eine ausschließlich jüdisch-israelische Angelegenheit, sondern erhebt ihn zu einer internationalen Metapher für die universelle menschliche Erfahrung von Leid, Widerstandskraft und Überleben.
Die Entstehung von Stones geht auf einen Besuch in Warschau zurück. Dort erlebte ich eine Gruppe israelischer Schülerinnen und Schüler, die am Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto von Nathan Rapoport eine Gedenkzeremonie abhielten. Die jungen Menschen lasen aus Notizbüchern die letzten Worte jüdischer Opfer vor ihrer Hinrichtung. Als ich vor den monumentalen Figuren des Denkmals stand, hatte ich plötzlich das surreale Gefühl, die steinernen Gestalten seien lebendig: Sie schauten auf die Schülerinnen und Schüler, auf die Opfer, und betrachteten die Gegenwart sowie die Verfassung der israelischen Gesellschaft. Die Zeit schien stillzustehen. Ich wurde in die Epoche des Zweiten Weltkriegs zurückversetzt.

Zwischen Klage und Groteske

Ästhetisch und strukturell ist Stones eine postmoderne, nonverbale Aufführung. Sie lehnt eine konventionelle lineare Erzählung oder eine einzige historische Wahrheit ausdrücklich ab. Stattdessen zerlege ich den Mythos von „Holocaust und Heldentum“ in ein fragmentiertes Geflecht aus Theaterbildern, Erinnerungen und Assoziationen – mittels einer neuen Theatersprache. Wir arbeiten mit einer ausgeprägten Intertextualität: Der Soundtrack und die musikalischen Zitate reichen von Richard Strauss über Nicola Piovanis Musik zu Das Leben ist schön und Ausschnitten aus Spielbergs Schindlers Liste bis zu historischen Radiosendungen, Bob Marleys Exodus-Thema und sogar verfremdeten Rockhymnen. Die Aufführung kommt vollständig ohne gesprochenen Text aus und verwendet einen mehrsprachigen Soundtrack in Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Hebräisch – denn die Sprache von Trauma und Hoffnung ist universell.
Durch diese tragikomische und surrealistische Perspektive wollen wir die schützende ästhetische Distanz aufbrechen, die das Publikum gegenüber historischem Trauma gewöhnlich einnimmt. Indem wir Hochkultur und Populärkultur, tiefe Trauer und scharfen Humor, Erhabenes und Lächerliches miteinander verbinden, schaffen wir eine pluralistische, „karnevaleske“ Erfahrung. Wir möchten das Publikum weder belehren noch einfache Antworten liefern. Vielmehr laden wir es dazu ein, die Symbole aktiv zu entschlüsseln – etwa das Motiv eines Kindes, das einen roten Luftballon in den Himmel steigen lässt, oder die Verwandlung elektrifizierten Stacheldrahts in eine Harfe.
Wir möchten das Publikum nachdrücklich dazu anregen, alle Sinne und seine Vorstellungskraft einzusetzen, denn Stones bietet visuelle Bilder, Metaphern und einen vielschichtigen Soundtrack. Befreit von einem herkömmlichen Theatertext kann das Publikum aktiv bleiben und eigene, unabhängige Gedanken entwickeln. Indem jede und jeder eigene Fragen und Gedanken formuliert, entsteht die Freiheit, selbst zu entscheiden, was man empfindet. Diese „Demokratie“ der Gedanken ist für die innere Entwicklung jedes Menschen wichtig.

Die umkämpfte Erinnerung

Eine relevante Botschaft von Stones betrifft auch unsere Gegenwart. Wir erleben weltweit – und auch in Israel – öffentliche Personen, die in ihrem verzweifelten Streben nach Schlagzeilen Geschichte als Waffe einsetzen, indem sie politische Gegner mit den Nazis vergleichen. Diese Rhetorik birgt eine große Gefahr: Sie verharmlost nicht nur auf gefährliche Weise das absolute menschliche Böse, das sich im Zweiten Weltkrieg offenbart hat, sondern erzeugt auch einen zutiefst polarisierenden, toxischen Extremismus, der die Gesellschaft spaltet. Die Kämpferinnen und Kämpfer des Ghettos und die in Denkmälern verewigten Figuren haben sich nicht für den politischen Spin der Gegenwart geopfert. Ihre eigentliche Rolle besteht darin, die Reinheit der Fakten und den Sieg des menschlichen Geistes zu bewahren – eines Geistes, der Extremismus jeder Art entschieden zurückweist.
Der menschliche Geist besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit, sich über den Lärm gegenwärtiger politischer Manipulationen zu erheben. Stones versucht zu zeigen, dass der menschliche Geist gerade aus den dunkelsten Zeiten heraus nicht nur überleben, sondern auch wieder aufblühen kann.

Im Nachhall der Geschichte

Feuilletonscout: Was bedeutet es Ihnen, „Stones“ im Rahmen der Jüdischen Kulturtage in Berlin zu zeigen, und was soll das Berliner Publikum aus der Aufführung mitnehmen?
Ynon Tzafrir: Stones nach Berlin zu bringen, insbesondere zu den Jüdischen Kulturtagen, ist von großer historischer Ironie und tiefem emotionalem Gewicht.
Es sei darauf hingewiesen, dass Stones bisher rund 700 Mal in zwanzig Ländern an bedeutenden internationalen Theatern und Festivals aufgeführt wurde und zehn internationale Auszeichnungen erhielt. Doch die Aufführung innerhalb der sakralen Mauern der Synagoge Rykestraße fühlt sich auf einzigartige Weise symbolisch und tief berührend an. Sie gehört zu den wenigen Synagogen in Deutschland, die der vollständigen Zerstörung durch das Dritte Reich entgingen; sie wurde jedoch als Stall für Pferde der Wehrmacht zweckentfremdet. Der Ort selbst verkörpert damit die Spannung zwischen historischer Entweihung und wundersamem Überleben.
Hinzu kommt, dass die Aufführung mit einer ironischen, realen Geschichte über Rapoports Warschauer Denkmal beginnt: Die schwarzen Granitsteine, aus denen das Monument geschaffen wurde, waren ursprünglich von Hitlers Bildhauer in Schweden bestellt worden, um ein Siegesdenkmal zu errichten, das den Triumph des Reiches verherrlichen sollte. Nach der Niederlage der Nationalsozialisten lagen die Steine ungenutzt bereit, bis der jüdische Bildhauer Nathan Rapoport sie fand und verwendete, um der schrecklichen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im Holocaust zu gedenken.

Der Zukunft zugewandt

Wir hoffen, dass das internationale Berliner Publikum die Erkenntnis mitnimmt, dass Geschichte nicht statisch ist. Sie ist beweglich, wandelbar und wird fortwährend davon geprägt, wie wir uns heute entscheiden, auf sie zu blicken.
In einer postmodernen Welt, die von massenhaften Fake News und politischer Manipulation überflutet wird – was wir im Stück durch eine Szene satirisch darstellen, in der eine Schafherde blind einen Fernsehbildschirm verehrt –, bleibt Kunst ein entscheidendes Mittel der Selbstreflexion. Wir hoffen, dass das Publikum den Aufführungsort mit dem Bewusstsein verlässt, dass Erinnerung ein Fundament für Neuanfang, Empathie, Frieden und einen entschiedenen Optimismus für unsere gemeinsame Zukunft sein kann. Letztlich soll diese Erfahrung vermitteln, dass der physische Körper ausgelöscht werden kann, die menschliche Vorstellungskraft und der menschliche Geist jedoch unbesiegbar sein können – und dass Theaterkunst dazu fähig ist, selbst die dunkelsten Stunden der Menschheit in den leuchtenden Farben der Hoffnung zu gestalten.

Vielen Dank für das Intetrview, Ynon Tzafrir!

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

39. Jüdische Kulturtage Berlin12. bis 22. November 2026
Gesamtprogrammhttps://www.juedische-kulturtage.org/

Das Wichtigste in Kürze:

  • Nonverbales Bildertheater zwischen Trauer und Humor
  • Musikalische Zitate von Richard Strauss bis Bob Marley
  • Aufführung in der geschichtsträchtigen Synagoge Rykestraße

How “Stones” Brings History to Life in Berlin

Feuilletonscout: What is the central idea behind „Stones“, and what kind of experience would you like to create for the audience through this production?
Ynon Tzafrir: Orto-Da Theatre group crafts an original, international physical language born from the deep observation of human movement and behavior.
The perspective of Stones arises from the vantage point of timeless, ancient eternity. These stones gaze with compassionate, forgiving eyes upon a cruel humanity who has continuously destroyed themselves across generations, ultimately these stones are wishing for a heart to beat within them so they may experience pure, human love.
Stones performance is a universal performance which performed all over the globe, It does not treat the Holocaust as an exclusive Jewish-Israeli capsule, but rather elevates it into an international metaphor for the universal human experience of suffering, resilience, and survival.
The genesis of Stones arrived during a visit to Warsaw, where I witnessed a group of Israeli students holding a memorial ceremony by Nathan Rapoport’s Warsaw Ghetto Uprising Monument. The young students were reading Jewish victims last lines before execution from notebooks. Standing before those monument massive figures, I felt a sudden surreal sensation that the stone characters themselves were alive looking at the students/victims examining the contemporary reality and state of mind of the Israeli society. Time seemed to be stopped… I traveled back to the era of World War 2….
Aesthetically and structurally, Stones operates as a post-modern, non-verbal performance. It explicitly rejects a conventional linear narrative or a single historical truth, Instead I decompose the myth of ‚Holocaust and Heroism‘ into a fragmented tapestry of theatrical images, memories, and associations through anew theatre language We employ severe intertextuality-incorporating sound track and musical citations ranging from classic Richard Strauss, Nicola Piovani’s score for Life is Beautiful to snippets of Spielberg’s Schindler’s List, historical radio broadcasts, Bob Marely Exodos theme and even mutated rock anthems.
The performance is entirely wordless and features a multilingual soundtrack spanning German, English, Italian, Spanish and Hebrew-because the language of trauma and hope is universal. Through this tragicomic and surrealistic lens, we aim to shatter the protective aesthetic distance the public usually maintains toward historical trauma.
By blending high art with popular culture, deep sorrow with sharp humor, and the sublime with the ridiculous, we create a pluralistic, ‚carnivalesque‘ experience. We don’t want to lecture the audience or provide easy answers; we invite the audience to dynamically decode the symbols, like a motive of a child holding red balloon up to the sky or the transformation of electrified barbed wire into a harp.
We strongly want the audience use his all senses and imagination as Stones gives visual images, metaphors and reach sound track. The audience have freedom from regular theatre text to be „left“ active and develop his/her own independed thoughts. by creating own thoughts and questions he can choose what to feel. This „demography“ of thoughts is important for inner development of every human being.
One of Stones relevant Message is connected to these days as we witness „public figures“ in across the world (and also Israel), who in their desperate pursuit of headlines, weaponize history by comparing their political rivals to the Nazis. There is a profound danger in this rhetoric. Not only does it dangerously trivialize the absolute human evil exposed during World War II, but it also creates a deeply polarizing, toxic extremism that fractures society.
The ghetto fighters and the figures immortalized in monuments did not sacrifice themselves for contemporary political spin, their true role is to guard the purity of the facts and the victory of human spirit, A spirit that utterly rejects extremism of any kind. Human spirit possesses an extraordinary ability to rise above current political manipulations noise. Stones try to demonstrates that from darkest time The human spirit may survive to prosper.

Feuilletonscout: What does it mean to you to present „Stones“ in Berlin as part of the Jewish Culture Days, and what do you hope the Berlin audience will take away from the performance?
Ynon Tzafrir: Bringing Stones to Berlin, particularly for the Jewish Culture Days, carries immense historical irony and profound emotional weight. It is worth noting that Stones has been performed approximately 700 times across twenty different countries in major international theaters and festivals Winning ten international awards. Yet, performing it inside sacred walls of the walls of the Rykestrasse Synagogue, feels uniquely and profoundly symbolic, it is one of the very few synagogues in Germany that escaped total destruction by the third Reich but repurpose it as a stable for Wehrmacht horses-the venue itself embodies the tension between historical desecration and miraculous survival.
In addition to that the performance starts with an ironic real story of Warsaw Rapoport’s monument: The black granite stones used to sculpt the monument, were originally ordered from Sweden by Adolf Hitlers sculptor to build a victory monument to glorify the Reich’s victory, after the war ended, When the Nazis defeat, the stones were left waiting until Nathan Rapoport, the Jewish sculptured, found them and used them to commemorate the terrible Holocaust of the Jews in Europe.
We hope the Berlin international audience will take away an understanding that history is not static it is fluid, elastic and continuously shaped by how we choose to look at it today.
In a post -modern world overwhelmed by mass fake media and political manipulation – which we satirize in the play through a scene where a flock of sheep blindly worships a television screen – art remains a crucial tool for introspection. We hope the audience leaves the theater realizing that memory can be a foundation for rebirth, empathy, peace and absolute optimism for our shared future.
Ultimately, it is an experience aim to express that while the physical body can be vanished, the human imagination and spirit may be invincible and that theatre art may capable of painting even the darkest hour of humanity with the bright colors of hope.

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