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Berlin-Synagoge-oranienburger-straße

Jüdische Kulturtage Berlin:  Das Motto „Zeit für Gerechte“ verbindet Konzerte, Theater und Literatur mit der Frage nach Verantwortung. Von Barbara Hoppe.

Nach den letzten Leitthemen „Licht“ und „Zukunft“, steht bei den 39. Jüdischen Kulturtagen Berlin in diesem Jahr eine alte talmudische Idee im Zentrum, die heute aktueller denn je ist: Wenn die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, ist es Zeit, nach jenen zu fragen, die sie zusammenhält. So lautet das diesjährige Motto „Zadikim – Zeit für Gerechte“, jene 36 verborgene Gerechte, von denen im Babylonischen Talmud die Rede ist und deren Existenz das Gleichgewicht der Welt bewahren soll. Es sind keine Menschen mit öffentlichem Amt oder besonderer Macht. Sie handeln oft ohne selbst zu wissen, welche Bedeutung ihr Tun hat. Mit ihnen verbunden ist die Bezeichnung Lamed-Waw-Zadikim, die sich von den hebräischen Buchstaben Lamed und Waw ableitet, die im hebräischen Alphabet den Zahlenwerten 30 und 6 entsprechen und so zusammen die Zahl 36 ergeben – sichtbar auf der Website des Festivals durch die zentrale Uhr. Sie überträgt das Festivalmotto bildlich: Jetzt ist Zeit für Gerechte.

Gutes ohne Aufhebens

„Diese 36 Gerechten kann jeder sein“, sagt Avi Toubiana, Leiter der Jüdischen Kulturtage. Entscheidend sei, dass nicht sie selbst, sondern nur Gott wüsste, dass sie zu diesen Gerechten gehörten. Folglich zähle nicht der große Auftritt, sondern die Haltung, in einer schwierigen Situation das Richtige zu tun – ohne dafür Anerkennung zu suchen. Gerade in einer Zeit, die von Selbstinszenierung in sozialen Medien geprägt sei, setze das Festival bewusst diesen Akzent. „Es ist gut, dass Leute Gutes machen wollen, aber man muss es nicht in den Vordergrund stellen“, betont Toubiana. Dabei wollen die Jüdischen Kulturtage diese alte Vorstellung keineswegs als fernes religiöses Lehrstück präsentieren, sondern in die Gegenwart übertragen. „Jeder kann etwas bewirken, und jeder kann eine Kleinigkeit machen“, sagt Toubiana. Wer sich etwa vor einen gehänselten Mitschüler stelle, möge das vielleicht für eine kleine Geste halten. Für den betroffenen Menschen könne sie jedoch „die Welt“ bedeuten. Die Botschaft des Festivals ist damit klar gesetzt: Verantwortung beginnt im Alltag, im Engagement gegen Ausgrenzung und im Mut zum Eingreifen.

Jüdische Kulturtage Berlin Avi Toubiana
Avi Toubiana (c) Boaz Arad

Helden im Verborgenen

Besonders anschaulich nimmt diese Idee in der zentralen Ausstellung „Super Hero“ Gestalt an, die in der Galerie des Jüdischen Gemeindezentrums in der Fasanenstraße zu sehen ist. Sie verbindet die Erzählung der verborgenen Gerechten mit den Superhelden aus den Comics. Figuren wie Superman, Batman oder Spiderman gehören zu jenen, die mutig und entschlossen für andere einstehen, ohne ihre wahre Identität preiszugeben.

Neben der Ausstellung bieten die Jüdischen Kulturtage rund 40 weitere Veranstaltungen. Die israelische Sängerin Marina Maximilian eröffnet das Festival am 12. November in der Synagoge Rykestraße mit Pop, Soul, Jazz und elektronischen Klängen. Für ihren Berliner Abend sei gemeinsam mit dem Festival ein eigenes Programm entstanden, berichtet Toubiana. Am 21. November beschließt der israelische Pianist und Singer-Songwriter Rami Kleinstein die Konzertreihe in der Rykestraße. „Ich war ein Jugendfan von ihm“, sagt Toubiana und freut sich sichtlich darauf, den Musiker nun selbst nach Berlin einladen zu können. Den Schlusspunkt des Festivals setzt am 22. November der Film „Tell me everything“ im Cinestar Berlin-Cubix am Alexanderplatz.

Jüdische Kulturtage Berlin 2026 Tohar Tzafrir Orto-Da Theatre
Orto-Da Theatre (c) Tohar Tzafrir

Wenn Steine sprechen

Dazwischen liegt ein abwechslungsreiches Programm. Erstmals auf einer Berliner Bühne ist der israelische Mentalist Lior Suchard mit einer Show, die Gedankenlesen, Suggestion und verblüffende psychologische Effekte verbindet. Das Orto-Da Theatre aus Tel Aviv lässt in einer Mischung aus Physical Theatre, Tableaux vivants, Musik und Licht Denkmäler sprechen. Die zentrale Idee dazu entstand am Ehrenmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto. Dort beobachtete Yinon Tzafri, künstlerischer Leiter von Orto-Da, israelische Schüler, die die letzten Worte jüdischer Opfer vorlasen. „Ich hatte plötzlich das surreale Gefühl, die steinernen Gestalten seien lebendig: Sie schauten auf die Schülerinnen und Schüler, auf die Opfer, und betrachteten die Gegenwart der israelischen Gesellschaft. Die Zeit schien stillzustehen“, beschreibt er diese Erfahrung, aus der „Stones“ hervorging.

Geschichte in Bewegung

Die wortlose Inszenierung verwebt Musikzitate von Richard Strauss bis Bob Marley mit einem Soundtrack in Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Hebräisch. Das Stück wolle den Holocaust bewusst nicht als exklusive jüdisch-israelische Angelegenheit behandeln, sondern als universelle Metapher für Leid, Widerstandskraft und Überleben – und lädt das Publikum ein, Symbole selbst zu deuten. Dass „Stones“ in der Synagoge Rykestraße gezeigt wird, bewegt Tzafrir besonders. „Die Aufführung innerhalb der sakralen Mauern fühlt sich einzigartig symbolisch und tief berührend an. Sie gehört zu den wenigen Synagogen in Deutschland, die der vollständigen Zerstörung durch das Dritte Reich entgingen; sie wurde jedoch als Stall für Pferde der Wehrmacht zweckentfremdet. Der Ort selbst verkörpert die Spannung zwischen historischer Entweihung und wundersamem Überleben“, so der Regisseur. Mit seinem Ensemble möchte er vermitteln, dass Geschichte „nicht statisch ist, sondern beweglich und geprägt davon, wie wir heute auf sie blicken“ – und zu einem Fundament für Empathie, Frieden und Optimismus werden könne.

Die Stadt erzählt mit

Daneben stehen Filme von Comedy bis zum russischen Drama „Tzadik“, in dem ein russischer Soldat während des Zweiten Weltkriegs 200 Juden rettet, ebenso auf dem Programm wie hochkarätige Literaturveranstaltungen. Letztere finden erstmals nicht mehr im gewohnten Literaturzelt auf dem Bebelplatz statt, sondern im Repräsentantensaal der Neuen Synagoge. Dort präsentieren unter anderen Julia Franck, Charles Lewinsky und auf dem „Blauen Sofa“, dem Literaturforum von Bertelsmann, Shelly Kupferberg, Dana Vowinkel und Assav Gavron ihre aktuellen Romane. Auch die Stadt wird zum Erzählraum. Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren dürfen sich nicht nur auf einen Stadtspaziergang durch das jüdische Berlin der 1920er-Jahre freuen, sondern erstmals auch auf den Spuren queerer jüdischer Geschichte in der Stadt wandeln. Was den Eröffnungsabend betrifft, gibt sich Avi Toubiana geheimnisvoll. Nach der bildmächtigen Auftaktveranstaltung im vergangenen Jahr kündigt er augenzwinkernd auch für den diesjährigen ersten Festivalabend eine besondere Inszenierung an. Und bleibt so dem Leitaspekt des Festivals treu, jüdische Tradition nicht museal auszustellen, sondern jüdische Geschichte, Kunst und Musik lebendig erfahrbar zu machen.

39. Jüdische Kulturtage Berlin12. bis 22. November 2026
Gesamtprogrammhttps://www.juedische-kulturtage.org/

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Der Artikel erschien erstmals in der Kulturbeilage “Jüdische Kulturtage” der Berliner Morgenpost, die im Oktober 2026 erschien.

Jüdische Kulturtage Berlin (Jewish Culture Days Berlin): Time for the Righteous”

The 39th Jewish Culture Days Berlin take place under the motto “Zadikim – Time for the Righteous”. At their heart lies the Talmudic notion of 36 hidden righteous people whose existence preserves the world’s balance. Festival director Avi Toubiana links this idea to an ethical stance: responsibility reveals itself in everyday life, in opposing exclusion and without expecting recognition.

The exhibition “Super Hero” at the Jewish Community Centre connects this idea with comic-book characters who help others while concealing their identities. Around 40 events bring together music, theatre, film and literature. Marina Maximilian opens the festival on 12 November at the Rykestraße Synagogue, where Rami Kleinstein also performs. Lior Suchard makes his first appearance on a Berlin stage.

In “Stones”, Tel Aviv’s Orto-Da Theatre sets figures of remembrance in motion. Inspired by the monument to the Warsaw Ghetto Uprising, the wordless production combines physical theatre, music and light. History emerges as something fluid, shaped by how we view it today.

Literary events featuring Julia Franck, Charles Lewinsky and other authors move to the New Synagogue’s Representatives’ Hall. Walking tours explore Jewish life in the 1920s and the city’s queer Jewish history. The festival closes on 22 November with “Tell me everything”. Its aim remains to present Jewish tradition not as a museum exhibit, but to make history, art and music tangible as a living presence.

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